Seit Margret Meads "Coming Age in Samoa" gehört es fast schon zum rituellen Bestandteil der europäischen Kulturkritik die Kultur sogenannter einfacher Gesellschaften über alle Maßen glücklich zu preisen. Polynesier, Aborigines und Indios erscheinen in dieser Beleuchtung als glückliche Völker, die nur irgendwann in ihrer Geschichte das Pech hatten, von den Europäern entdeckt, unterworfen und kulturell depriviert zu werden. Wenn das auch mitunter durchaus den Tatsachen entspricht, fällt dabei immer wieder auf, dass diese Völker scheinbar gar nicht zum Stamme Adams zu gehören scheinen, weil sie erstens ohne Fehl und Tadel in Harmonie mit Ihresgleichen, der Natur und ihren Nachbarn leben und zweitens, dass diese Beschreibungen meist von enthusiastischen Rousseauisten verfaßt wurden, die entweder nur ganz kurz oder überhaupt nicht vor Ort gewesen sind. Mit dem vorliegenden Buch über die Inuit dagegen verhält es sich anders. Fred Bruemmer hat die Entwicklung der Inuitgesellschaften in Grönland, Kanada und Alaska über dreißig Jahre hinweg verfolgt, hat mit ihnen gelebt, gelitten und gejagt, so daß er immer nur aus erster Hand berichtet. Und was er berichtet, ist wahrlich lesenswert: es ist der Bericht über eines der bestangepaßtesten Völker der Erde, das alle seine Lebensregungen im Hinblick auf seine Umwelt zu optimieren wußte. . Manches klingt fremd und exotisch, wie etwa die kulinarischen Traditionen der Inuit, die um Köstlichkeiten wie Karibugekröse, Blutsuppe, Walblubber und halbverdaute Shrimps aus Robbenmägen kreisen, die wie Hummerpastete schmecken sollen. Da den Inuit die Gewürze fehlen, vergraben sie ihre zum Beispiel Vorräte gerne so lange im Eis, bis sie hinreichend angefault sind, um etwas saftiger zu schmecken. An diesen und ähnlichen Dönekens besteht im vorliegenden Buch kein Mangel: Wohnung, Kleidung, Essen, Jagd und Liebe - kein Aspekt bleibt ausgeklammert, so dass Fred Bruemmers Ethnografie für jeden, der sich ernsthaft für die Kultur der Polarkreisvölker interessiert, eine ideale Einführung bildet. Umso besser, dass sie auch noch kurzweilig und mitunter auch überaus spannend zu lesen ist.