Als Jugendliche war ich in Taizé gewesen - ein nachhaltig prägendes Erlebnis. Auch den Autor Pierre Stutz hat ein Besuch in der ökumenischen Kommunität bei dem mittlerweile verstorbenen Frère Roger spirituell geprägt. Einengende Gottesbilder und angstmachende Lebensmuster nahmen ihm die Luft zum Atmen. Er entdeckte die Zeitlosigkeit der Psalmen als Ermutigung, sich in der Vielfältigkeit des Lebens zurechtzufinden: Zuversicht, Trauer, Vertrauen, Wut, Dankbarkeit, Staunen, Schweigen, Lachen, Zweifeln. Daraus entstand sein "Psalmentagebuch", das im Kösel-Verlag als erweiterte Auflage der "Psalmengebete" erschienen ist.
Pierre Stutz sieht in den Psalmen den Lebensatem Gottes, der uns mit allem verbindet. Er stellt 12 mystische Grundhaltungen dar: 1 - Einfach sein, 2 - Staunen können, 3 - Befreiende Selbstwerdung, 4 - Kraftvoller Widerstand, 5 - Bewegtes Schweigen, 6 - Konfliktfähig werden, 7 - Erotische Lebenskunst, 8 - Tanzend zur Mitte, 9 - Sprachlosigkeit überwinden, 10 - Mitten im Alltag, 11 - Klage- und Trauerräume, 12 - Liebend unterwegs.
Erstaunlich finde ich schon, dass sich in einem spirituellen Buch ein Kapitel zum Thema "Eros" befindet, also zur erotischen Lebenskultur, zur Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und der Gabe der Sexualität. In den Psalmen sieht Pierre Stutz die Möglichkeit zur Versöhnung zwischen Sexualität und Spiritualität. Die mir oft unverständliche Sprache der Psalmen übersetzt er in für mich nachvollziehbare Texte, z.B.:
Fasziniert
sich einander zuwenden
sich der Herausforderung stellen
konfliktfähiger werden
Im zärtlichen Zusammensein
Deine schöpferische Fantasie erfahren
gemeinsam einen Weg wagen
der zur Eigenständigkeit bestärkt
Andere Psalmen sprechen mich weniger an, aber das macht nichts, denn es geht laut Pierre Stutz darum, seinen eigenen Psalm zu finden, der einem Inspiration, Kraft oder Reflexion sein kann. Der spirituelle Begleiter wird abgerundet durch 12 spiralförmige, kräftig bunte Meditationsbilder von dem Religionslehrer und Werkserzieher Christian Kondler.