Was, wenn man gerade mal acht Jahre alt ist und die Eltern plötzlich beschließen, in ein anderes Land zu ziehen? Ein Schicksal, das nicht so ungewöhnlich ist, möchte man meinen. Man kennt die Exilliteratur ja, man weiß um das Glück, in ein Land wie Österreich hineingeboren zu werden, sich nicht für seine Anwesenheit in diesem schönen, reichen Land rechtfertigen zu müssen, denn sie steht einem ja schließlich zu als gebürtige/r ÖsterreicherIn
Poppy Simmons kommt jedoch nicht aus Albanien, nicht aus der Türkei, nicht aus Nigeria. Poppy ist Engländerin. Dennoch ist sie anders als der Rest der Einwohner im kleinen Dorf im Salzkammergut. Sie trägt keinen Schianzug, tollt stattdessen in der Jogginghose im Schnee und lernt in einem Alter Schi fahren, als sie die Köpfe der anderen Lernenden in der Schneewittchen-Schischule bereits einen halben Meter überragt. Später dann, in der Klosterschule, übt Poppy das Empfangen der heiligen Kommunion mit kleinen runden Oblatten aus dem Supermarkt. Denn Poppy will nur eines: So sein wie die anderen und ja nicht auffallen. Sie schämt sich für die Billig-Schokoriegel in ihrer Schultasche ebenso wie für ihre Eltern, die lesend im Garten sitzen und nicht kochen können.
Wenn man Emily Waltons Debüt liest, geschieht etwas. Da sticht etwas im Herz, wenn wir mit Poppy Simmons in Filzpatschen durch die Klosterschule rutschen und uns heimlich ins Mädchenklo zurückziehen, nur um einmal durchatmen zu können. Vielleicht ist es sogar ein wenig das Mitleid mit uns selbst, das da beim Lesen hochkommt ' denn wer von uns hat solche Augenblicke nicht erlebt als Kind? Da geht es nicht mehr um das Heimweh, das man als englisches Mädchen empfindet, da geht es um das Heimweh in jedem von uns. Nach einem Ort, an dem wir uns geborgen fühlen können, nach Menschen, die uns annehmen, schätzen und respektieren.
Doch die Autorin schafft noch mehr ' und beweist damit, dass sie zu den wirklich talentierten NachwuchsautorInnen in der österreichischen Literaturszene gehört. Emily Waltons Texte bringen uns zum Lachen. Und das ist das eigentlich Schöne an diesem Buch. Dieser ständige Wechsel zwischen Melancholie und Leichtigkeit.
Waltons Sprache besticht und wird zum Suchtmittel. So schwingt man sich von Episode zu Episode ' die übrigens alle mit einem Monat überschrieben sind: Jänner, Februar, März, April ' Und so, wie draußen langsam der Sommer einkehrt, hat man das Gefühl, dass auch Poppy Simmons langsam warm mit diesem Land und seinen Leuten.