Von Hentig wurde 1925 als Sohn des Diplomaten Werner Otto von Hentig und seiner Frau Natalie in Posen geboren. Er ist wohl einer der bekanntesten deutschen Pädagogen. 1963 wurde er als Ordentlicher Professor an die Universität Göttingen berufen. 1968 wechselte er an die Universität Bielefeld, wo er die "Laborschule" begründete, die in den 70 er Jahren nicht nur in Deutschland Furore machte. Er kann mittlerweile auf ein sehr langes, bewegtes Leben zurückblicken und das hat er jetzt mit seinen Memoiren in schriftlicher Form getan. "Bedacht und bejaht" stellt er jetzt den ersten Teil seiner Erinnerungen vor.
Der Autor beginnt damit zu sagen, was dieses Buch nicht sein wird. Es wird keine Bekenntnisschrift sein, es wird keine Selbstprüfung sein, keine Abrechnung mit anderen, keine "Literatur". Es soll eine lustvolle Erinnerung sein, denn wer alt geworden ist, der sollte sich an dem erfreuen, was er erlebt hat.
In diesem ersten Teil seiner Memoiren beginnt von Hentigs mit Kindheitserlebnissen, an die er sich noch erinnern kann. Die erste Erinnerung, weder biologischer noch bürokratischer Art, war die, einen Verlust zu erleben, der nicht weh tut. Es ist eine orangefarbene Zelluloidente, die er beim Spiel auf dem Schiff von Deutschland nach Amerika verliert.
Im Folgenden schildert er das Leben in einer kosmopolitischen Diplomatenfamilie. Der Vater war Generalkonsul und so wächst der Autobiograph zunächst in San Franzisko auf. Er beschreibt in eindruckvollen Worten, das was er erlebt, als die kalifornische Idylle die er Mitte der zwanziger Jahre dort angetroffen hat. Alles war harmlos für ihn in der ewigen kalifornischen Sonne, die Menschheit war zugänglich und freundlich. Stets hat der Vater ihm und seiner Schwester bewusst zu machen versucht, was das für ein außerordentlicher,außergewöhnlicher Zustand ist, so glücklich zu sein. Er hat versucht klar zu machen, so wird es nicht immer weiter gehen.
Von Hentig hat in dieser "Bilderbuch Kinderwelt" zunächst viele Jahre mit dem Vater und der Schwester, ohne eine Mutter gelebt. Er kannte keine Mutter, hat gar nichts entbehrt, weil dieser wunderbare Vater in so fürsorglicher Art und Weise die Mutterrolle übernommen hat.
Die Mutter hat die Familie verlassen und in einem späteren Gespräch versucht der Autor zu ergründen,warum die Mutter gegangen ist. Sie hat ihm erklärt, wenn ich einen Sohn gebäre, dann hat der Vater seinen Nachfolger den er sich wünscht, mich braucht er dann nicht mehr" Das ist ein erschreckender Satz, eine erschütternde Aussage, vielleicht auch nur die halbe Wahrheit.
Der Vater war deutscher Beamter und darum blieb er auch 1933 als Generalkonsul im Amt, ging nach Bogota. Er war während seines Lebens Diplomat in vier Diensten, im Kaiserreich, in der Weimarer Zeit, dann unter Hitler und schließlich unter Adenauer.
Der Autor spricht in vielen zitierten Sätzen davon, dass der Vater durchaus national gesinnt war, hat dann aber auch viele Gedanken der Nationalsozialisten mit Sympathie begleitet, andererseits,und da ist eine Ambivalenz zu sehen, war er der Meinung, das waren "kleine Leute in großer Pose". In seinen Augen waren es tatsächlich "Dilettanten", die er auch aus vollem Herzen verachtet hat. Die Kinder hat er mit tiefer Skepsis gegen diesen Faschismus geimpft. Am 1. September 1939 belehrte er die Kinder und seinen Freundeskreis mit der Feststellung, "es kann uns nichts Schlimmeres passieren, als das wir diesen Krieg gewinnen". Sein Vater konnte, da er im Amt blieb, seinen Einfluss geltend machen und hat unglaublich mutige Dinge in seinem Dienst getan, die der Menschlichkeit und Gerechtigkeit dienten. So hat er durch seinen persönlichen Einsatz unzählige Menschen nach Israel retten können.
Wir erfahren, dass der Autor zur Wehrmacht gegangen ist und die Offizierslaufbahn eingeschlagen hat. Auch hier galt der Rat des Vaters, lass dich zu einem höheren Rang ausbilden, dann hast du die Chance diesen Krieg zu überleben. Sich in Gefahren richtig benehmen zu können, hieß die Parole.
Wir erleben, wie der Autobiograph im Gefangenenlager 1945 unerwartet ein inniges Bildungserlebnis hatte. Er bekam zum ersten Mal in seinem Leben das richtige Gefühl dafür, was Bildung ist. Mit Inhaftierten liest er das Gastmahl von Platon und erlebt einen Mitgefangenen der dadurch brilliert, dass er ganze Passagen in Altgriechisch interpretieren konnte.
Mit seinem Vater und mit der Vorstellung, was der Hitler den Deutschen und der Welt angetan hat, mit den Verbrechen die er im Kriege selbst erlebt hat und in diesem Buch auch ausführlich schildert, war von Hentigs eigentlich davon überzeugt, dass man die Deutschen nach dem verlorenen Krieg zu "Fellachen" machen würde.
Bekanntlich kam es ganz anders und so wird die Beschreibung der "Kulturexplosion" nach 1945 ein interessanter Punkt in diesem reichen Buch. Von Hentigs, der übrigens zum engsten Freundeskreis der weltbekannten Journalistin Marion Gräfin Dönhoff gehörte, beschreibt sehr ausführlich, welche Bücher er gelesen hat, welche Filme er gesehen hat. Seinem Empfinden nach ereigneten sich wunderbare Dinge, die Theater spielten je nach Besatzungsgebiet, englische, amerikanische, französische Stücke. So schreibt der Autor:" Nie ist eine Generation so fest in die Arme der Menschheit genommen worden, wie die meine".
In diesem wunderbar erzählten Buch nimmt der interessierte Leser nicht nur an dem ereignisreichen Leben Hartmut von Hentigs teil, sondern er wird auch mit interessanten Zeitdokumenten konfrontiert.
Ich empfehle dieses so atmosphärisch arbeitende Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.