Die Tagebuchaufzeichnungen von Barbara Nepeis und ihren unzähligen Teilpersönlichkeiten sind nicht einfach zu lesen. Aber sie bieten für den, der sich für das innere Funktionieren der multiplen Persönlichkeitsstörung interessiert, wertvolle Informationen, die es in anderen Berichten bislang nicht gibt. (Ob es für den allgemein interessierten "Anfänger" in der Thematik geeignet ist, halte ich dagegen für fraglich.)
Es handelt sich nicht um ein Buch, das einen bestimmten Anspruch verfolgt, etwa der Selbsthilfe oder dem Trost zu dienen. Für selbst Betroffene (von rituellem Missbrauch) kann es daher allenfalls den Eindruck vermitteln, nicht alleine zu sein.
Es handelt sich auch nicht um ein Buch, das für leichtere Verdaulichkeit aufbereitet wurde, wie etwa "Sybil" oder "Aufschrei". Sondern es führt den Leser durch fast unerträgliche Längen und Kompliziertheiten bei den Versuchen der einzelnen (zahllosen) Teilpersönlichkeiten, Hilfe zu finden - oder in den Tod zu gehen.
Von den genannten populären Biografien unterscheidet es sich unter anderem dadurch wohltuend, dass es ohne die üblichen, manchmal unerträglichen Idealisierungen ("Das Opfer ist ja soo schön, intelligent und begabt", "Multipelwerden ist ja soo eine kreative Lösung.") auskommt. Hier erfährt man, was die Erlebnisse und die Krankheit für die Betroffenen bedeuten: Sie sind unerträglich verwirrend, schrecklich, und sonst nichts.
Wer sich durch die Verwirrungen und Alltagsschwierigkeiten der ersten beiden Teile des Buches gekämpft hat, wird in Teil III (ab S. 255) damit belohnt, dass er einige sehr zentrale Dinge erfährt: über die Entstehung der Persönlichkeiten, über die ureigenste Verleugnung des Geschehens, darüber, wie Zerstörungsprogramme den ganzen Menschen lahm legen können - und wie man sie zum Beispiel austricksen kann.
Literarisch gesehen hätte man aus den Aufzeichnungen mehr machen können. Es ist vieles beschrieben, zwischen multiplen Alltagsproblemen versteckt, das die Geschichte von Barbara Nepeis durchaus für ein breiteres Publikum interessant machen würde. Hierzu gehören meines Erachtens der "Aufbruch der Innenpersonen", um durch das Tor und ins Licht zu gehen; die erschütternde erste Begegnung ihrer leiblichen Kinder mit einer anderen Teilpersönlichkeit, nachdem ihre geliebte Mutterpersönlichkeit (scheinbar für immer) verschwunden war; oder die berührende Schlussszene, in der Barbara ihre Therapeuten anleitet, ihr zu helfen, die "Zerstörer" zu überlisten, damit sie nach Tagen endlich wieder einen Schluck Wasser zu sich nehmen kann.
Weniger aufregend sind dagegen die geschilderten Probleme mit dem Sozialamt, dem Ex-Mann usw., auch wenn sie vor dem speziellen Hintergrund der Störung spielen.
Dennoch: Vor allem für jene, die mit multiplen Persönlichkeiten (als Angehörige oder Helfer) umgehen müssen und die manches gerne besser verstehen würden, sind die Tagebuchaufzeichnungen von Barbara Nepeis eine wertvolle Quelle.
Das Buch sei auch besonders all jenen ans Herz gelegt, die glauben, multiple Persönlichkeiten könnten möglicherweise in einer Therapie verursacht worden sein.
Vier Sterne für ein mutiges Buch, weil es wichtige, bislang nicht veröffentlichte Informationen zu einem Thema enthält, das uns alle angehen sollte, weil es um organisierte Gewalt gegen Kinder geht, die sich durch diese wahrhaft "teuflische" Störung selbst vertuscht, die außerdem viele Kinder betrifft und von der kaum jemand etwas ahnt.