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Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit vor 1958 liegt. Die ersten beiden Abschnitte zeigen die Entwicklung und die Leidenszeit des Schülers und jungen Mannes, die in höchstem Maße von den Ereignissen der Zeitgeschichte geprägt ist. Es sind dies die Kindheit in Polen, die Jugend im nationalsozialistischen Berlin und schließlich die eindringlich und zugleich in einem ruhigen Tonfall geschilderten Zustände im Warschauer Getto. Nach dem Neuanfang im kommunistischen Polen erfolgt dann die Zäsur: Ende der Fünfziger zieht es Reich-Ranicki in die Bundesrepublik.
Dieses Datum markiert einen Einschnitt im Leben des Kritikers und zugleich in dessen Erzählen. Hat er bis dahin seine Persönlichkeitsbildung als humanistisch geprägter Schüler und junger Mann in der immer barbarischer werdenden äußeren Welt ausführlich dargestellt, so erzählt er die folgenden Jahrzehnte nur noch in Episoden. Zwar kommt manches -- z. B. seine Zeit bei der F.A.Z. -- etwas zu kurz, gleichwohl können andere Abschnitte dafür entschädigen: Die Begegnungen mit Mitgliedern der Familie Mann, sein Porträt Wolfgang Koeppens oder die jahrelange und letztlich doch gebrochene Freundschaft zu Joachim Fest werden unterhaltsam wie sensibel geschildert. Mein Leben ist ein Buch über das Gezeichnetsein durch die Schrecken des Dritten Reiches und über persönliche Enttäuschungen. Es ist aber auch ein Buch über glückliche Augenblicke, sowie über die Liebe, und zwar die zu seiner Frau und -- natürlich -- zur Literatur.
Marcel Reich-Ranicki hat im Grunde alles erreicht, was ein Kritiker erstreben kann: Er wurde zum bedeutendsten und einflussreichsten Kritiker seiner Zeit. Nach wie vor ist er gefürchtet und respektiert -- doch kaum geliebt. Vor allem aber ist er eins geblieben: ein Außenseiter. Und man spürt über die 560 Seiten hinweg, wie sehr ihn das geschmerzt hat. So steht gegen Ende des Buches nicht zufällig ein Zitat des von ihm geschätzten Friedrich Schlegel, das Reich-Ranicki auf sich selbst bezieht: "Man findet mich interessant und geht mir aus dem Wege... Am liebsten besieht man mich aus der Ferne, wie eine gefährliche Rarität." --Alexander Simon -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Pressestimmen
Sächsische Zeitung 28.03.2009
Der Spiegel
Focus
Die Weltwoche
Neue Zürcher Zeitung
Die Welt
Frankfurter Rundschau
Die Woche
Der Tagesspiegel
die tageszeitung
Kurzbeschreibung
Marcel Reich-Ranicki, viel bewundert und viel gescholten, ist so bekannt und populär, so einflußreich und schließlich auch so umstritten wie wohl kein deutscher Kritiker zuvor. Mit seinem »Literarischen Quartett« beweist er seit 1988, daß die Vermittlung von anspruchsvoller Literatur im Fernsehen höchst unterhaltsam sein kann. Was steckt hinter Reich-Ranickis unvergleichlichem Aufstieg, hinter diesem unglaublichen Erfolg? Als er, kaum neun Jahre alt, aus seiner polnischen Geburtsstadt Wloclawek nach Berlin übersiedelt, verabschiedet ihn seine Lehrerin mit den Worten: »Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur.« Doch das Land der Kultur stellt sich schon dem Kind nicht ohne düstere Seiten dar.
Wie ein roter Faden zieht sich diese widerspruchsvolle Erfahrung durch sein weiteres Leben: Das Glück, das er der deutschen Literatur verdankt, der Musik und dem deutschen Theater, ist untrennbar verknüpft mit der Angst vor der deutschen Barbarei. Im Jahre 1938 wird Reich-Ranicki nach Polen deportiert. Als Jude erfährt er im Warschauer Getto die schrecklichsten Demütigungen, die Menschen Menschen bereiten können. Zusammen mit seiner Frau Tosia überlebt er das Inferno. Im Polen der Nachkriegsjahre wird er Kommunist und Zeuge des größten Verrats an der Idee einer gerechten Gesellschaft. 1958 kehrt er nach Deutschland zurück und wird beinahe sofort als Kritiker anerkannt.
Der Verlag über das Buch
Der Autor über sein Buch
Klappentext
Umschlagtext
TOC: Inhalt ERSTER TEIL: VON 1920 BIS 1938
Was sind Sie denn eigentlich? .............................................. 11 Halb zog sie ihn, halb sank er hin ......................................... 26 Herr Kästner, seelisch verwendbar .......................................... 36 Verneigung vor der Schrift ................................................. 47 Rassenkunde - nicht erfolgreich ............................................ 68 Mehrere Liebesgeschichten auf einmal ....................................... 82 Die schönste Zuflucht: das Theater ........................................ 106 Ein Leiden, das uns beglückt .............................................. 131 Die Tür führte ins Nebenzimmer ............................................ 145 Mit unsichtbarem Gepäck ................................................... 152 ZWEITER TEIL: VON 1938 BIS 1944
Die Poesie und der Krieg ................................................. 163 Die Jagd ist ein Vergnügen ................................................ 178 Der Tote und seine Tochter ................................................ 189 Erst »Seuchensperrgebiet«, dann Getto ..................................... 199 Die Worte des Narren ...................................................... 208 Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist ...................................... 217 Todesurteile mit Wiener Walzern ........................................... 231 Ein Intellektueller, ein Märtyrer, ein Held ............................... 243 Eine nagelneue Reitpeitsche ............................................... 252 Ordnung, Hygiene, Disziplin ............................................... 262 Geschichten für Bolek ..................................................... 276
DRITTER TEIL: VON 1944 BIS 1958
Der erste Schuß, der letzte Schuß ......................................... 297 Von Reich zu Ranicki ...................................................... 315 Brecht, Seghers, Huchel und andere ........................................ 334 Josef K., Stalin-Zitate und Heinrich Böll ................................. 350 Eine Studienreise mit allerlei Folgen ..................................... 370 Junger Mann mit mächtigem Schnurrbart ..................................... 381
VIERTER TEIL: VON 1958 BIS 1973
Als Deutsche anerkannt .................................................... 395 Die »Gruppe 47« und ihre First Lady ....................................... 404 Walter Jens oder Die Freundschaft ......................................... 418 Literatur als Lebensgefühl ................................................ 427 Canetti, Adorno, Bernhard und andere ...................................... 438 Pulvermühle und Rechenmaschine ............................................ 459
FÜNFTER TEIL: VON 1973 BIS 1999
Der dunkle Ehrengast ...................................................... 477 Der Dichtung eine Gasse ................................................... 484 Genie ist man nur in den Geschäftsstunden ................................. 498 Die Familie des Zauberers ................................................. 506 Max Frisch oder Das Europäische in Person ................................. 518 Yehudi Menuhin und unser Quartett ......................................... 527 Joachim Fest, Martin Walser und das »Ende der Schonzeit« .................. 540 Ist ein Traum ............................................................. 552 Danksagung ................................................................ 555 Personenregister .......................................................... 557 -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Über den Autor
Auszug aus Mein Leben. von Marcel Reich-Ranicki, Marcel Reich- Ranicki. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es ist der 12. März 1999, Tosias Geburtstag, der Tag, an dem ihr achtzigstes Lebensjahr beginnt. Wir sind allein, es ist sehr still, ein später Nachmittag. Sie sitzt, wie immer, auf dem schwarzen Sofa vor einer unserer Bilderwände, hinter ihr die Porträts von Goethe, Kleist, Heine und Fontane, von Thomas Mann, Kafka und Brecht. Auf dem Schränkchen neben dem Sofa stehen einige Fotos: Andrew, mein Sohn, jetzt fünfzig Jahre alt, nach wie vor Professor der Mathematik an der Universität von Edinburgh, und Carla, seine Tochter, bald zwanzig Jahre alt, Studentin der Anglistik an der Universität von London.
Ich sitze Tosia gegenüber und tue nichts anderes als das, womit ich einen beträchtlichen Teil meines Lebens verbracht habe: Ich lese einen deutschen Roman. Aber ich kann mich nicht recht konzentrieren und lege das Buch auf den niedrigen Tisch. Für einen Augenblick trete ich auf unseren großen, viel zu selten benutzten Balkon. Das Wetter ist freundlich und angenehm, die Sonne geht unter, es ist ein schönes, vielleicht, wie üblich, ein etwas zu schönes, ein gar zu feierliches Schauspiel. Ich kann mich nicht erinnern, von diesem Balkon aus, obwohl wir hier schon über 24 Jahre wohnen, einen Sonnenuntergang gesehen zu haben. Ist mir Natur etwa gleichgültig? Nein, gewiß nicht. Aber mir ergeht es wie manch einem deutschen Schriftsteller - sie langweilt mich rasch. Auch jetzt werde ich etwas unruhig und kehre unschlüssig ins Wohnzimmer zurück.
Tosia liest ein polnisches Buch, es sind Gedichte von Julian Tuwim. Ganz leise setze ich mich hin, ich will sie nicht stören. Sucht sie in der Lyrik ihre, unsere Jugend? Bald werden es sechzig Jahre sein, daß wir zusammen sind. Immer wieder haben wir versucht, unsere Trauer zu vergessen und unsere Angst zu verdrängen, immer wieder war die Literatur unser Asyl, die Musik unsere Zuflucht. So war es einst im Getto, so ist es bis heute geblieben. Und die Liebe? Ja, es gab Situationen, unter denen Tosia viel gelitten hat. Es gab auch, weit seltener freilich, Situationen, unter denen ich gelitten habe. In seinem »Tristan« schrieb vor etwa achthundert Jahren Gottfried von Straßburg: »Wen nie die Liebe leiden ließ, / dem schenkte Liebe niemals Glück.« Wir haben viel Leid erfahren, und viel Glück wurde uns geschenkt. Doch was auch geschah, an unserer Beziehung hat es nichts geändert, nichts.
Es ist immer noch ganz still, man hört kaum einen Hauch. Tosia blickt vom Buch auf und sieht mich an, lächelnd und fragend, als würde sie spüren, daß ich ihr etwas mitzuteilen habe. »Weißt du, jetzt, auf unserem Balkon, als die Sonne unterging, da ist mir eingefallen, womit ich das Buch abschließen werde.« »Ja«, sagt sie erfreut und will wissen: »Womit?« »Mit einem Zitat.« Ich schweige, sie lächelt wieder, diesmal, wie mir scheint, mild ironisch: »Und du meinst, daß mich das überrascht? Also los: Was zitierst Du?« »Ein schlichtes Wort von Hofmannsthal« - antworte ich. Sie wird etwas ungeduldig: »Ja, aber was denn nun? Verrat' es mir doch endlich.« Ich zögere einen Augenblick, dann sage ich: »Also enden soll das Buch mit den Versen:
Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein,
daß wir zwei beieinander sein.«