Die hilfreichsten Kundenrezensionen
22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein bewegtes und bewegendes Leben!, 15. Mai 2007
Als Marcel Reich-Ranicki kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag seine Lebenserinnerungen veröffentlichte, nahmen Kritik und Leserschaft in selten einmütiger Begeisterung dieses Buch auf. Der einflussreichste Literaturkritiker Deutschlands, der vorher eher seine Leser, Hörer und Zuschauer polarisierte, blickt hier ungewohnt leise und versöhnlich auf sein bewegt-bewegendes Leben zurück. Er hat viel zu erzählen: In Polen geboren, kommt er als Neunjähriger nach Berlin. Hier besucht er ein humanistisches Gymnasium und liest schon mit zwölf lieber Schiller als Karl May. Er ist enthusiastischer Theatergänger und hat in der ausgehenden Weimarer Zeit noch Gelegenheit, die größten Darsteller ihrer Zeit auf der Bühne zu bewundern. Doch bald sind die nach Hitlers Machtergreifung immer deutlicher werdenden Repressalien für Juden auch für Marcel Reich unübersehbar. Ihm gelingt es noch, sein Abitur abzulegen, dann wird er nach Polen deportiert. Er leidet unter unmenschlichen Bedingungen im Warschauer-Ghetto, flüchtet mit seiner jungen Frau Tosia und wird von einfachen Menschen auf dem Land versteckt. Nach dem zweiten Weltkrieg will er zunächst in Polen bleiben, wird aber mit seiner offen-streitbaren Art bald zum Risiko, so dass er nach Deutschland zurück kehrt. Sehr bald macht er sich als Literaturkritiker einen Namen, es beginnt ein sagenhafter Aufstieg zur literarischen Instanz, die seit 1988 durch seine Fernsehsendung "Das literarische Quartett" eine ungeheuer große Bekanntschaft für Marcel Reich-Ranicki bedeutet. Es ist seine Kennerschaft, die ihm viel Bewunderung und vor allem auch den Respekt seiner Gegner einbrachte. Marcel Reich-Ranicki lebt Literatur! Sein Wissen und sein klares Urteilsvermögen sind ohne Beispiel. Hinzu kommt ein mediales Talent und eine Präsenz, die bisher kein Literaturkritiker zuvor und auch niemand danach erreicht hat. In seinen Lebenserinnerungen, die auch einen höchst unterhaltsamen Rückblick auf die deutsche Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts bieten, paaren sich Weitblick, Klarheit, schnörkellos-schöne Sprache. Als einer der letzten Zeitzeugen kann er noch von der fruchtbaren künstlerischen Atmosphäre im Berlin der Weimarer Zeit berichten, ebenso von den verheerenden Folgen, die jüdische Mitbürger im Dritten Reich zu tragen hatten. Und man kann sicher sagen, dass Marcel Reich-Ranicki zwar auf ein Leben voller Brüche, aber auch auf eines, dass man als geglückt bezeichnen darf, klug und niemals selbstverliebt zurückschaut! Ein wichtiges und zeitlos-schönes Buch, dass jetzt in der Spiegel-Edition noch einmal als hochwertige Hardcover-Ausgabe angeboten wird.
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Das Leben des jüdischen Literaturpapstes: ehrlich, fesselnd und machmal sogar selbstkritisch, 22. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Mein Leben (Taschenbuch)
Nein, man muss ihn nicht lieben, aber man sollte ihn lesen. Denn die Autobiografie des jüdischen Literaturpapstes (sic) liest sich streckenweise spannend wie kaum eine sonst - abgesehen vom ersten Kapitel, in dem MRR so ziemlich jedes Theaterstück beschreibt, dass er in Berlin gesehen hat. Der zweite Part schildert die Über-Lebenszeit im Warschauer Ghetto, die Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofilia "aus Zufall" überleben. Ein drittes Kapitel ist, sehr aufschlussreich, der Zeit nach dem Krieg in Polen gewidmet. Hier kann MRR zum ersten Mal, wenn auch begrenzt und gegängelt, seine "portative Heimat" die deutsche Literatur, vorstellen, beschreiben und kritisieren. Die Flucht nach und das Leben im Nachkriegs-Deutschland macht Teil Nummer vier aus, vielleicht das interessanteste Kapitel. Hier trifft MRR so ziemlich jeden namhaften Schriftsteller und Dramatiker - auch die, die damals noch keinen bekannten Namen hatten. Das liest sich heute wie ein Who-is-who der deutschen Nachkriegsliteratur. Der letzte Teil reicht fast bis an die heutige Zeit heran, beginnt mit dem unheimlichen Zusammentreffen mit Albert Speer auf einer Party und endet mit der Schlussstrich-Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche 1998. Alle Autoren, die MRR in ihrer Eitelkeit verletzt hat, das sind nicht eben wenige und die auf billige Rechtfertigungs-Prosa gehofft hatten, werden von MRR enttäuscht: seine Autobiografie ist ehrlich, fesselnd, glänzend geschrieben und stellenweise sogar selbstkritsich. Allein dafür lohnt es sich, das Buch über sein Leben zu lesen. Danach wird man ihn vielleicht nicht lieben, aber zumindest besser verstehen.
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18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
(Liebes)Geschichte und, 22. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Mein Leben (Taschenbuch)
MRR hat mich -- die wenigen Male, die ich ihn im Literarischen Quartet gesehen habe -- eigentlich immer nur irritiert. Mein Eindruck war dass MRR zwar wortgewaltig, vor allem aber ein polternder und selbstveliebter Selbstdarsteller war. Meines Erinnerns habe ich nie was von ihm gelesen. Vor einigen Monaten hab' ich dann im Ramschladen das Buch gekauft. Ich weiss nicht warum. Aber ich hab' es nicht bereut. Dies ist, in der Tat, ein grandioses Buch ueber juedische Schicksale (nicht nur seins, auch vieler anderer inclusive seiner Eltern) im und nach dem Dritten Reich, ueber die Faszination, die die Literatur ausueben kann (und nicht nur die deutsche des 20. Jahrhunderts), eine ungewoehnliche Liebesgeschichte, und viel viel mehr (z.B., viele Vignetten -- manchmal nur Paragraphen lang -- ueber Personen der Zeitgeschichte)! Es gibt eine Stelle im Buch -- irgendwo ziemlich am Anfang -- wo MRR bedauert dass er keine akademische Ausbildung hatte. Es scheint mir, dass grade dieser Umstand massgeblich zu seiner heutigen Prominenz und Ausnahmestellung beigetragen hat: Die Faehigkeit eine dezidierte Meinung zu haben, und sie auch klar und verstaendlich auszudruecken, haette ihm die deutsche Universitaet mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgetrieben.
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