Auf meiner Billigküchenwaage zitterte sich der Zeiger bei 1480 Gramm ein. Zieht man davon 8 ab, erhält man die Seitenzahl. So schwer und so lang ist Clintons bisheriges Leben. Ich freute mich aus verschiedenen Gründen auf die Lektüre. Nur Berufskritiker sind gezwungen, auch Bücher zu lesen, auf die sie sich nicht freuen. Aber machen wir's kurz für die eiligen Leser dieser Kritik: Dieses Buch wird allen Spass machen, die Geschichten über Amerika mögen, über Zufälle, über Kinder-, Jugend-, und Studentenjahre, über Macht und ihre Netzwerke. Es wird all denen keinen grossen Spass machen, die einen neuen grossen amerikanischen Autoren erwarten, die nur durch prominente Autoren geschützten Sex & Crime lesen (es gibt genug im Buch, wenn man noch ein bisschen eigene Vorstellungskraft hat), die gerne harte, mit ihren Feinden gnadenlos abrechnende Jungs haben. Alles eine Frage der Blickwinkel.
Ich fand den tiefen Einblick in die amerikanischen Wahlkämpfe ungemein faszinierend. Wer Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss einige Kämpfe gewinnen und verlieren können. Die Clinton'sche Mischung aus Machtmensch und verspieltem Jungen trifft man in der Politik nicht oft. Eindrücklich wurde mir wieder einmal klar, wie unmöglich gerechtes Regieren ist. Gerecht für wen? Immer wieder stösst Clinton an Grenzen und begeht Fehler. Seine Entschuldigungen für die Fehler nahm ich ernst, seine Zurückhaltung beim Seelenstriptease respektiere ich. Wer hat denn schon Lust sein Innerstes der ganzen Welt zu offenbaren, wenn es nicht als Kunst deklariert wird.
Ich folgte neugierig den vielen grossen, kleinen und kleinsten Weggabelungen. Ein Leben von vorne oder von hinten zu sehen, ist nicht das gleiche. Clinton hatte seine Vorstellungen vom Leben, und ich fand es schön, dass er nicht die Story verbreitet, schon als Kind habe er Präsident werden wollen. Da ich mich ohnehin zurzeit mit Zufällen beschäftige, kam mir Clintons Anschauungsunterricht gerade recht. Die Kindheit von Clinton war ziemlich mies. Aber er wurde offenbar geliebt und konnte einiges davon weitergeben.
Als Nichtamerikaner, aber intensiver Hass-Lieber dieses Landes kenne ich nur die wenigsten der vielen erwähnten Namen. Aber dafür kann ja Bill Clinton nichts. Mir war dieser Präsident sympathisch, weil er es nicht schlecht machte, auch während seiner Amtszeit Schneeflocken mit dem Mund auffing, Sax spielte und ein echtes Lächeln hat. Klar riss mich nicht jede Seite vom Hocker. Aber das Betttraining für meine Oberarmmuskeln habe ich nur durchgehalten, weil mich gute Geschichten oder tolle Sätze die Anstrengung vergessen liessen. Als Insulaner aus der Schweiz dache ich am Schluss des Buches, ob wir in unserer Alpenrepublik nicht allzu brav, geordnet und lau sind, um mehr Kraft zu entwickeln. Energie braucht Spannung, und die hat eben auch einen Negativpol. Clintons Freunde und Bekannte sind oft schräge Vögel, ohne die Underdog Bill nie Präsident geworden wäre.
So habe ich das Buch gelesen und empfunden. Ich habe viele Einsichten in ein faszinierendes, unregierbares Land gewonnen, und in den Mann, der diese Aufgabe trotzdem acht Jahre lang zu lösen versuchte. Am 2. November ist es wieder so weit. Der nächste Sisyphus steht zur Wahl. Kauft das Buch, sitzt auf die Veranda und lasst euch unterhalten. Clintons Buch lässt viele Blickwinkel zu.