Unter dem Titel "Mein Kino" stellt Hellmuth Karasek nach einer kurzen Einleitung seine 100 persönlichen Lieblingsfilme vor.
Diese sind chronologisch geordnet und decken die Zeitspanne von 1930 bis 1993 (die gesamte Stummfilmära wurde ausgeklammert) relativ gleichmäßig ab, wobei der Schwerpunkt etwas mehr auf den älteren Filmen liegt; ab Anfang der 70er Jahre nimmt Karaseks Lieblingsfilmdichte deutlich ab.
Der Aufbau ist klar strukturiert, jedem Film werden etwa fünf Seiten gewidmet, jeweils beginnend mit einem Szenenfoto, danach folgen eine ausführliche Inhaltsangabe und Würdigung (kritische Anmerkungen sind naturgemäß eher rar, handelt es sich schließlich um die Lieblingsfilme des Autors) und abschließend Angaben zu Produktionsjahr und -land, Länge, Darstellern und Stab.
Im Anhang finden sich umfangreiche Register, so kann man die Filme wahlweise nach Chronologie, Titel (deutsch oder original), Regisseur oder Darsteller suchen.
Der klare Aufbau macht das Buch daher auch als Nachschlagewerk für die enthaltenen Filme gut geeignet.
Was an "Mein Kino" positiv auffällt, ist, daß Karasek sich als erfahrener und begeisterter Kinokenner und -liebhaber präsentiert, der hier mit viel Sachkenntnis und auch einigen interessanten Hintergrundinformationen eine locker-leichte und flüssig zu lesende Hommage an das Kino vorlegt.
Enttäuschend ist dagegen, daß ein Buch mit dem Titel "MEIN Kino", in dem der Autor nach eigenen Angaben seine persönlichen Lieblingsfilme vorstellt, unerwartet unpersönlich und überraschungsfrei bleibt.
Die Liste der 100 enthaltenen Filme könnte genausogut aus einer beliebigen Umfrage entstanden sein.
Daß ein solches Buch natürlich ein breites Spektrum möglichst vieler Filmfreunde ansprechen und kein Nischenbuch für Liebhaber ganz spezieller Filme abseits des Mainstream sein soll, ist klar, aber daß sich unter hundert Filmen kein einziger nicht sehr bekannter und auch kein einziger mit weniger gutem Ruf findet, für den Karasek hier mal eine Bresche schlägt oder ihm eine Liebeserklärung macht, weil er ihn eben "dennoch" liebt, das verwundert doch sehr - hat nicht jeder Filmfreund auch den einen oder anderen persönlichen Lieblingsfilm, der nur wenig bekannt ist oder einen weniger guten Ruf genießt?
Die vollständige Beschränkung auf "anerkannt" gute Filme, das doch sehr deutliche Schielen auf die hinreichend bekannten Listen der "besten Filme aller Zeiten" erscheint da in seiner Ausschließlichkeit ein wenig feige, ein wenig langweilig und legt den Verdacht nahe, daß Karasek hier doch eher eine Art Standardwerk vorlegen wollte - was vollkommen in Ordnung wäre, wenn er seinem Buch nicht das (absichtlich?) irreführe Mäntelchen von Persönlichkeit umgehängt hätte, von der in dem Buch leider wenig bis gar nichts zu finden ist.
Sehr auffällig - und deshalb auch ein ganz klein wenig nervig - ist auch die verbissen hochgehaltene "political correctness":
Natürlich DARF kein deutscher Film aus der Zeit von 1933 bis 1945 enthalten sein (obwohl der deutsche Film wohl zu keiner anderen Zeit internationaleres Niveau hatte als bis 1945 und durchaus einige frühere deutsche Filme enthalten sind, diese Ausklammerung also eher nicht nur an Karaseks ganz persönlichem Filmgeschmack liegen dürfte) und natürlich MUSS das Buch mit einer makellos unkritischen Lobeshymne auf "Schindlers Liste" abschließen (der zweifellos ein guter und wichtiger Film ist)...
Karaseks Idee, seine persönlichen hundert Lieblingsfilme in einem Buch zu würdigen, ist zweifellos interessant und handwerklich auch gut umgesetzt, wie es von einem erfahrenen Journalisten und Autor wie Karasek auch nicht anders zu erwarten war.
Schade nur, daß diese eigentlich so vielversprechende Idee etwas darunter leidet, daß "Mein Kino" alle eventuellen Ecken und Kanten, jeglichen Ansatz des Persönlichen und alles, was möglicherweise auch nur minimal vom breiten Massengeschmack hätte abweichen können, gnadenlos vermeidet und somit als arg glattgebügeltes Allerweltswerk daherkommt.
Ein ganz klein wenig Mut, zu überraschen und möglicherweise auch zu riskieren, mit der einen oder anderen Meinung anzuecken, wäre wünschenswert gewesen und hätte dem Buch mit Sicherheit gutgetan.
Fazit: "Mein Kino" ist eine für Filmfreunde durchaus mal lesenswerte, wenn auch überraschungsfreie und ziemlich an der Oberfläche bleibende Lektüre und eignet sich auch recht gut als kleines Nachschlagewerk.
Neue Erkenntnisse, "Geheimtips" oder auch mal ein kleines Plädoyer für den einen oder anderen weniger renommierten Film sucht man aber vergeblich, was den Titel, der doch einen persönlicheren Blickwinkel suggeriert, ad absurdum führt.
Man ist -leider- versucht, zu sagen: ganz nett - nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Allerdings sollte man dem Buch zugute halten, daß 1994, als es erstmalig erschienen ist, eine Würdigung von 100 herausragenden Filmen in Buchform wahrscheinlich doch deutlich interessanter war als heute, wo man als Filmfreund die entsprechenden Informationen jederzeit problemlos im Internet nachlesen kann.
Eine abschließende persönliche Anmerkung kann ich mir nicht verkneifen, in einer 100 Filme umfassenden "Bestenliste", die so gefällig und erwartungsgemäß daherkommt, habe ich schmerzlich bedauert, daß nicht ein einziger Powell-Pressburger-Film enthalten ist, waren die beiden großen Zauberer des britischen Kinos doch bahnbrechend (insbesondere) für den frühen Farbfilm.
Dieser persönliche Wermutstropfen hatte aber selbstverständlich keinerlei Einfluss auf meine Bewertung des Buches.