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am 10. März 2010
"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben. Die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben."

Diese Lebenseinsicht teilt uns der Ich-erzählende Protagonist der neuen Novelle von Martin Walser irgendwann auf den ersten Seiten mit. Und so haben seine früheren Protagonisten quer durch die Jahrzehnte immer wieder versucht, mit dem Kopf durch diese Lebens-Wand zu kommen, sei es Anselm Kristlein, Franz Horn, Helmut Hahn, Gottlieb Zürn oder selbst der alte Goethe in Walsers jüngstem Roman "Ein liebender Mann".

Die vorliegende Novelle "Mein Jenseits" ( man munkelt, es sei ein Teil aus dem dicken neuen Roman "Muttersohn", an dem Walser gerade schreibt) greift dieses mittelständische Leidensszenario aus Mann, Bürgertum und verpasstem Leben wieder auf und gibt ihm aber eine neue Wendung.

Walsers Ich-Erzähler August Feinlein, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Scherblingen, entdeckt als neue Lösung, als neuen Lebenssinn die Glaubensbereitschaft. Als Liebhaber heiliger Antiquitäten hat er sich auf eine Suche begeben, die viel "Verklärungsbereitschaft" erfordert: "Es gibt eine Sehnsucht, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überlässt, erfährt man, wohin sie einen haben will", sagt August Feinlein. Oder: "Unsere europäischen Vorfahren haben auch gewusst, was man wissen kann. Aber sie haben geglaubt, was sie glauben wollen. Wie schrieb der Vorfahr ( ein Vorfahr von Feinlein war der Mönch Eusebius) ? Glaube heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt. Musik gäbe es ja auch nicht wenn man sie nicht mache. Glauben, was nicht ist, dass es sei."

In dem alten Konflikt zwischen Wissensgesellschaft und Glaubensgewissheit hat sich Martin Walser in diesem Alterswerk für den Glauben entschieden. Nebenbei hat er eine köstliche Geschichte geschrieben über die Männerkonflikte in einem psychiatrischen Krankenhaus, uns viel gelehrt über die Bedeutung von Reliquien und das, was sie für viele Menschen bedeuten und über allem ein Loblied gesungen auf die Verschrobenheit und Kauzigkeit des Alters und auf das Unerklärliche. Er hat mit August Feinlein und seiner Geschichte, die ihn schlussendlich in die eigene Psychiatrie bringt, einen schelmischen Helden erfunden, der weiß, dass Glaube Selbstbetrug sein kann und sich trotzdem genau und zielstrebig dafür entscheidet. Ein heiteres Buch, das viel zu sagen weiß über existentielle Erfahrungen und das einen mit großer Spannung auf den schon erwähnten Roman warten lässt.
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Martin Walser erzählt eine Geschichte und die Wörter machen sich selbständig. Es entfaltet sich ein Credo, das wie von einem alten Mann, der komisch geworden ist, zu stammen scheint. Dieser alte Mann "...will keinen einzigen Menschen überzeugen. Nur mich selbst." Wie Augustinus entwirft der Protagonist Augustin Feinlein seine confessiones. Martin Walser schreibt diese Bekenntnisse jedoch nicht als Bekehrungsgeschichte. Die Novelle ist eine Offenbarung und eine Ode an die Liebe. In den Konflikt zwischen einem Chefarzt und seinem Nachfolger oder dem rein naturwissenschaftlichen Weltbild und dem Glauben an die Macht des Wortes, lässt der Autor eine Geschichte um Reliquien entstehen. Für den Leser/die Leserin wird erfahrbar, wie Wörter ein Glaubensgefühl entstehen lassen: "...dass der Glauben die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch." Das Besondere an dieser Hommage an den Glauben ist die grenzenlose Offenheit, das Nichtmissionarische. Ob Glauben oder Nichtglauben, das ist belanglos. Es geht um den Raum, der durch die Öffnung für den Glauben entsteht. Ein Mensch, der eine Reliquie entwendet, wie Augustin Feinlein, kommt auf diese Weise dem Unerklärlichen nicht näher. "Das Unerklärliche bleibt verschlossen..." Und dennoch hat es Martin Walser in genialer Weise geschafft, das Sakrale des Menschseins, das Symbolhafte der Liebe in Worte zu fassen. Er bietet Wörter an, er lässt Zwischenräume, er lässt durchdringend spüren, wie tiefmenschlich Glaube ist. Dabei biedert er sich nicht an, er tut es für sich und lässt die LeserInnen teilhaben. Dass er dabei eine typisch katholische Glaubenswelt entfaltet, stört nicht, es geht um mehr.
Der alte Mann hat in seinem Komischwerden fantastisch einen Nerv der Zeit erfasst. Es ist zu hoffen, dass diese Novelle auf den Bestsellerlisten landet und die vielen oberflächlichen Elaborate himmlisch überflügelt.
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am 28. April 2012
Eine Geschichte des älter Werdens, der Ablösung. Die Geschichte Augustin Feinleins, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhuauses Scherblingen und Reliquienforscher. Zunehmend entgleitet ihm, was ihm wichtig ist. Aber er lebt im Bewusstsein, dass Glaube Liebe ist. Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt. Die kreative Kraft des unnahbaren Unerklärlichen wofür man auf Erklärungen hofft. Glauben, was man nur lernt wenn einem nichts anderes übrig bleibt, macht die Welt schöner als das Wissen, diese Einsicht wird zu Augustin Feinleins Daseinsgefühl

Er entwendet das Heiligblut-Kreuz, ein Reliquiar das sein Vorfahr vor der Gier des Staates gerettet hatte. Zu Christi Himmelfahrt findet der "Blutritt" trotz fehlender Reliquie statt. Die Geistlichkeit lässt die Gläubigen, die zu Tausenden den Weg der Pferdeprozession säumen im Glauben, sie würden mit der echten Reliquie gesegnet. Es bestätigt sich, es ist nicht wichtig, ob Reliquien echt sind und noch ein bisschen mehr.

Eine tiefsinnige Novelle umrahmt von einer Glaubensgeschichte. Unbedingt zu lesen!
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am 2. August 2010
Schon über das Anfangszitat von Jakob Böhme bekommt der Leser einen Vorgeschmack auf den extrem ungemeinen Schreibstil von Martin Walser:
"Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für mich geschrieben." Bemerkung hierzu: Dieses Zitat ist ernst zu nehmen im Laufe des Buches

Die eigentliche Handlunge des Buches wirkt nebensächlich und basiert auf einem inneren Konflikt des Protagonisten:
siehe auch: "...Dr. Bruderhofer ist ein Nebenproblem. Und es würde den Sinn meines Kampfes seriös verfälschen, wenn ich gegen Dr.Bruderhofer recht haben wollte." (s.20)

Ähnlich seinem bekannten Buch "Das fliehende Pferd" Ein fliehendes Pferd entwirft Walser mit "Mein Jenseits" Mein Jenseits eine eigenbrödlerische Novelle, in dem zwei völlig unterschiedliche Menschentypen unfreiwillig (!) miteinander klarkommen müssen:

Dr. Bruderhofer, extrovertiert, lebt sein Leben nach außen hin demonstrativ, weiß sich und seinen Körper zu präsentieren, tanzt, lacht und nimmt kein Blatt vor den Mund.
Der jüngere ärztliche Direktor habe sich in Feinleins Krankenhaus nur deshalb berufen lassen, weil er selbst "schnell Chef werden wollte".
Der andere (Protagonist und Ich-Erzähler Prof. Dr. Dr. Feinlein) fühlt sich zu Recht von dem Jüngeren gemobbt und übervorteilt, ist aber zu stolz, zu eigensinnig und wohl auch zu alt, als dass er sich dies eingestehen würde - so bleibt ihm scheinbar keine Wahl:
Er flüchtet sich lieber in sein eigenes Jenseits, um schlussendlich für sich selbst und nur (!) für sich selbst zu "gewinnen".

Man könnte manchmal meinen, die Behauptungen von Bruderhofer stimmten:
Er nennt ihn "alten Knaben", "paranoid" und einen "Chef, an dem die europäische Aufklärung spurlos vorübergegangen sei" (S. 99).

Der Protagonist tritt gewohnt stur und eigenbrödlerisch auf, wie Walser es eben gerne hat -
Leser, die schon zu Beginn einen klaren roten Faden erwarten wird dies aber eventuell etwas nerven - aber das ist eben typisch Walser, wie ich finde.
(Wie schon bei seinem Roman "Das fliehende Pferd" gewinnt am Ende die Toleranz, oder anders gesagt: Keiner von den beiden Rivalen - genauso wie am Ende keiner "Recht" hat.

Eigensinnig in Sprache und Gedanken macht Walser keinen Hehl daraus, dass menschliche Schwächen genauso wie offenkundige Überlegenheit und daraus entstehende gesellschaftliche Hierarchien schlussendlich nichts über einen Menschen aussagen. Diese Kernaussage schätzte ich bei Martin Walser schon immer.
So wirkt das Buch zwar einerseits etwas mitleidig, andererseits aber auch sehr stolz !!

Für Walser sind die Menschen immer alleine. Es zählen die innersten Gedanken und Überzeugungen, denn nur diese können für ihn letztlich Frieden in der Seele eines Menschen schaffen.
Handlungen sind dabei nur Oberflächlichkeiten, denen sich ohnehin nur der extrovertierte Menschenschlag ( alias Rivale Dr.Bruderhofer) bedienen kann.

Das Buch ist meiner Meinung nach zwar raffiniert konstruiert, was mir sehr gefallen hat, aber schlampig überarbeitet (was mich prinzipiell nicht stört, da es mir natürlich um den Inhalt geht).

Versuch eines Fazits:
Die gewollte Aussage dieses Buches leitet den Leser klar und gezielt in eine bestimmte Richtung:
Walser scheint mit dieser neuen Novelle den Glauben schon mal entmystifizieren zu wollen - es ist völlig unwichtig, WAS man glaubt und ob es wirklich WAHR ist, was man glaubt.
Er belegt die Tatsache: Glaube ist für alle da, man muss nur glauben KÖNNEN, der Rest ergibt sich von alleine. Für Walser funktioniert der Glaube wie ein Antidepressiva, mit der Nebenwirkung als "komisch" betrachtet zu werden.
Deshalb scheint es nur eine Notlösung zu sein:("Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon." (S.66)
- Klingt allgemein sehr nach Hobby-Psychologie: Das Ergebnis zuerst und dann die Ursache -

Danke für die Aufmerksamkeit - freue mich auf Kommentare aller Art !
David Müller
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Nachdem ich sämtliche Werke Walsers gelesen (und zum größten Teil bewundert) habe, einschliesslich der wunderbaren Biografie von Jörg Magenau, war es wohl selbstverständlich, auch dieses Buch, genannt "Novelle" kennen zu lernen.
Leider wurde ich sehr enttäuscht, es beschreibt den geistigen und psychischen Niedergang eines Psychologie-Professors, Leiter einer Anstalt, der sich in Glaubensdingen total verstrickt, sich in Bilder in Rom versenkt (was für mich sogar noch nachvollziehbar war), dann aber in seinem Reliquien-Wahn komplett durchdreht. Eine unerwiderte Liebe wird auch noch eingebaut.
Stellenweise gab es ein paar sehr gute, nachdenkenswerte Formulierungen, aber der große Teil war eigentlich mehr oder weniger das Geschwafel eines psychisch Kranken, mit einem religiösen Wahn behafteten Mannes.
Ich frage mich, ob M. Walser damit eine Satire auf die katholische Kirche bezweckte, denn manchmal kamen die Bekenntnisse und Aussagen für mich so daher, oder ob es einfach Ausdruck eines alternden Autors ist, der sich im Grunde jetzt schon alles erlauben darf.
Daher gibt es auch 4 Sterne, mit Respekt für das gesamte Lebenswerk Walsers.
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TOP 500 REZENSENTam 27. September 2014
Das Jenseits erwartet uns nach dem Tode. Wie er sich dies vorstellt, davon spricht Walser in seiner Novelle jedenfalls nicht. Monologisch erzählt seine Hauptfigur, ein Herr Feinlein, vielmehr vom Jenseits im Hier und Jetzt. Der Autor Walser interessiert sich also dafür, wie das Jenseits ins Leben hineinragt, es verändert und prägt. Sein Jenseits ist das Schöne in der Kunst und die Kraft des Glaubens.

Da ist die Reise nach Rom. Die ewige Stadt mit ihren Kirchen und Museen ist für Feinlein sein Jenseits. Und in dieser Stadt steht er betrachtend vor dem Bild "Madonna dei Pellegrini" von Carravaggio. Bilder wie dieses machen die Welt schöner als sie ist. Einerseits treibt der tiefe Glaube den Künstler zur Schöpfung solch ergreifender und schöner Bildern an. Andererseits kann sich der Betrachter in eine andere Welt entführen lassen - eine besinnliche Welt jenseits des Alltags.

Es gibt eine Sehnsucht von der man nichts weiß. Diese zieht Feinlein oft in seine heimatlichen Kirche, einfach so. Er sinniert über die für den Glauben im süddeutschen Raum wichtige Bedeutung der Reliquien. Kann eine Reliquie falsch sein? Nein, sie wird durch den Glauben geheiligt. Glauben heißt Berge versetzen, die es nicht gibt. Ohne Glauben wäre die Welt immer noch wüst und leer.
Während der Wissende immer weiter fragt, um sein Wissen auszudehnen und sein Wissen von außen aufnimmt, beruft der Glaubende sich stets nur auf sich selber. Für den Glaubenden füllt sich eine Welt des Nichtwissens mit der Fraglosigkeit des Glaubens. Auch dies ein Jenseits: jenseits des Wissens beginnt der Glaube - für den, der Glauben kann.

Die Schönheit der Kunst und die Kraft des Glaubens machen die Welt lebbarer, reicher, bedeutungsvoller als sie sonst wäre.

Diese von Walser nur angedeuteten und skizzenhaften Überlegungen werden in eine schnell erzählte Geschichte eingewoben. Feinlein ist der ältere, komisch werdende Chef eines Krankenhauses. Er ist den Angriffen des viel jüngeren und allseits beliebten potentiellen Nachfolgers Dr. Bruderhofer ausgeliefert. Dem geht es um seine Karriere. Feinlein geht es um "sein" Jenseits. Am Schluss stiehlt Feinlein eine Reliquie aus der Kirche, wird entlassen und in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses eingeliefert.

Walser deutet sein Jenseits in einer empfindsamen, zarten und melancholischen Sprache an. Immer wieder blitzt beim Lesen eine gehörige Portion Altersweisheit auf. Hier drei Sätze, die zum Nachdenken anregen: wir sind ein Echo von etwas, das wir nicht kennen. Wir können ein bisschen Sehen und sind für das meiste blind. Man muss es aushalten, sich zum Rätsel zu werden.
Diese zärtlichere Sprache hebt sich deutlich ab von der lebensprallen Beschreibung der realen Krankenhauswelt des Herrn Feinlein. Schon sprachlich unterscheidet Walser also den profanen Alltag von Feinlein und sein Jenseits.

Das Buch ist altersweise. Zum Raum des eigenen Denkens ist Walser der Türöffner, weil er sich in Vielem nur mit leicht dahin geworfenen Bekenntnissen begnügt und auf Rechthaberei verzichtet. Ähnlich wie bei einem Musikstück verstehe ich diese Novelle Walsers hier als Präludium: eine An- und Einleitung, ein Fingerzeig wie sich ein Leser das Jenseits seines alltäglichen Getriebes, in dem das Wesentliche seines Lebens verborgen liegt, vorstellen mag.
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"Aber dass der Glaube die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch." So jedenfalls das Credo Martin Walsers, der sich mit dieser Novelle auf einige theologische Spekulationen einlässt. Denn - und das darf man vermuten: Walser ist Feinlein.

Wer aber ist Augustin Feinlein? Eine typische Walser-Figur und Held der Novelle "Mein Jenseits"; ein etwas komischer Held, der mit Erreichen des 63. Lebensjahres aufgehört hat zu zählen. Kurios seine Lebensgeschichte, die er, immer wieder unterbrochen von religiös-philosophischen-künstlerischen Betrachtungen, erzählt. Von einer ehemals Geliebten mehrfach verschmäht, als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik wenig erfolgreich und vor allem von seinem Konkurrenten gemoppt, mit einer heimlichen Liebe für den Küsterdienst und einer Obsession für Reliquien gibt er ein ziemlich indifferentes Bild ab.

Der Glaube aber, der die Welt schöner macht, wird von ihm mit Zweifel und Verzweiflung bezahlt. So begibt sich Feinlein auf die Reise nach Rom, wo er einen Selbstfindungsprozess erlebt und quasi ein Erweckungserlebnis hat: vor dem Bild "Madonna die Pellegrini" des großen Caravaggio. Denn Kunst ist ein Gottesbeweis (und den hat er gesucht), der sich in diesem Bild dokumentiert. Hier findet Feinlein Erlösung - und sein Jenseits. Wirklich?

Walser bleibt an dieser Stelle und anderen ziemlich verschwommen. Der Schluss der kleinen Novelle, die als Vorstufe zu einem großen Roman ("Mutter Sohn" soll er heißen und 2011 erscheinen), mit der wunderbaren Szene, in der ihm sein Konkurrent auch noch die Sekretärin "entführt", ist allerdings sehr gekonnt inszeniert, der Reliquienklau aber doch eine etwas übertriebenen Farce.

So ist hat diese Novelle rein handwerklich Licht und Schatten. Die "Tendenz" aber - oder sind das Walser'sche Selbsterfahrungen? - liegt im Trend einer gesuchten neuen Spiritualität. Hier speist sie sich aus Kunst, Religion und Liebe, die alle die "Anziehungskraft des Unerklärlichen" haben. Unerklärlich jedenfalls wie auch die Faszination durch die Caravaggio-Madonna mit dem Gottesbeweis: "Sie hat es gegeben, Sie ist mein Jenseits. An sie zu glauben ist einfach". Und doch ist auch diese "Offenbarung... das Geheimnis".

In jedem Fall ist diese kleine Novelle eine tiefgründige, eine nachdenkliche Arbeit, die sich positiv von den Werken der letzten Jahre abhebt. Hier hat Walser zurückgefunden zum dem, was er mit dem "Fliehenden Pferd" geleistet hat.
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am 15. März 2010
Wenngleich selbst nicht katholisch, habe ich doch immer eine gewisse Faszination und Anerkennung übrig gehabt für das Sinnlich-Mystische, das dem Katholizismus eigen ist. Ausgerechnet in Walsers Novelle finde ich diese Faszination aber nicht wieder. Da wird seitenweise Faktenwissen über Reliquien und Klöster referiert, als ob es keine entsprechende Sachliteratur gäbe. Und Rom als Ort geheimnisvoll-süßlicher Erlösungsahnung? Hat man halt schon oft gelesen, irgendwo. Spätestens Josef Winkler hat eigentlich alles dazu gesagt. Die salbungsvollen Bonmots von Walsers Erzähler, der andauernd belehrt und angeblich keinen Wert darauf legt, ob man ihn versteht, sind immer hart an der Grenze zwischen Altersweisheit und Plattitüde, vielleicht soll das so sein. Eine Handlung gibt es auch in der Novelle, schon richtig. Die ist nur ganz zart ausgeprägt und gerät irgendwann ganz in den Hintergrund, weil man all seine Konzentration darauf richtet, den nächsten Druckfehler zu finden. Völlig unerklärlich, dass es für ein Korrekturlesen nicht gereicht hat. Jeder Deutschlehrer aus der Provinz hätte das doch gratis gemacht, einmal über einen Walser-Text drüberzugehen, wenn man ihn freundlich drum gebeten hätte. Nobody is perfect, aber die Masse an Rechtschreibfehlern in diesem Buch ist eine Beleidigung des Lesers. Dafür aber auf bibliophil machen mit haptisch wertvollem Kartoneinband und weitem Zeilenabstand. Diesen Verlag hat der Text nun auch nicht verdient.
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am 2. März 2010
Zugegeben, einst war ich ein glühender Verehrer Martin Walsers - bis Ende der 90er Jahre.
Mit etwa 70 Jahren schrieb Walser zwar immer noch über sein ewig gleiches Thema, doch störte mich ab "Ein springender Brunnen" die Altherrenerotik zunehmend.

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2010 und Martin Walser veröffentlicht seine Novelle "Mein Jenseits" offenbar als Teilvorabdruck des noch kommenden größeren Werks "Muttersohn".

Und kein Zweifel, auch im hohen Alter kann Martin Walser noch scharf denken und brillant formulieren. Nur wird er - wie viele alte Menschen - ein wenig komisch, wie er bereits auf der ersten Seite selber ahnt: "Der und der wird auch allmählich komisch."

Ab einer bestimmten Lebensphase schaut der Mensch zurück auf sein Leben und versucht sich mit dem Rest zu arrangieren. Es ist bekannt, dass je näher die Todesstunde rückt, der Menschen nach den letzten Dingen fragt - was kommt also danach?

"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben." Sätze wie in Stein gemeißelt.

Mir ist Martin Walser zwar als politischer Autor durchaus bewusst, nur als religiöser bisher nicht. Es gibt wenig Schriftsteller, die wie Martin Walser durch und durch in der Gegenwart gelebt und geschrieben haben. Das "Jetzt", das pralle, volle Leben war immer wichtiger als das Kommende.

"Ich weiß, dass es den Himmel nicht gibt. Aber das Wort mit allem Drum und Dran. Genau so die Hölle. Natürlich gibt es sie nicht. Aber wir haben sie geerbt. Himmel und Hölle. Innen sind wir ausgestattet mit Himmel und Hölle und mit allem dazwischen. Himmel und Hölle existieren, ohne dass wir daran glauben."

Wie kaum ein anderer Autor ist Walser ein Meister zwischen den Zeilen. Geschickt packt er sich und seine Sichten in die Narration ein. Der Leser muss schon aufpassen, sonst überliest er schnell jene entscheidenden Textstellen.

Und so gerät die Geschichte Augustin Feinleins letztlich nur (!) zur tragenden Konstruktion dieses kleinen Büchleins. In den Kammern und Fugen finden wir dann das zentrale Anliegen.

Glauben, das ist für Walser offenbar wie "Pfeifen im Dunkeln": "Ich will keinen einzigen Menschen überzeugen. Nur mich selbst. Wenn mir das gelingt, wenn mir das gelänge, wäre ich der glücklichste Mensch in dieser Welt."

Feinlein / Walser braucht jetzt den Glauben: "Egal ob es Gott gibt oder nicht, ich brauche ihn." Er weiß aber auch: "Gäbe es Gott, dann gäbe es kein Wort dafür."

Martin Walser schreibt: "Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon." Denn "Mit dem Unerklärlichen kann man nur leben, weil man auf die Erklärung hofft."

Und auf den Punkt gebracht: "Glauben, was nicht ist. Dass es sei."

Walsers großes Vorbild Goethe stirbt im Alter von 83 Jahren. Walser stellt im gleichen Alter die entscheidenden Fragen.
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TOP 500 REZENSENTam 15. Februar 2010
Wer mit dem neuen Walser beginnt, wird auf den ersten Seiten entscheiden, zu kaufen. Walser schreibt auf eine Art und Weise, wie man es nur noch einfach klasse finden kann. Er beschreibt, wie merkwürdig komisch wir werden können, wenn wir älter werden. Er beschreibt anfangs darin, auch das komische Verhältnis zweier Brüder auf einem Bauernhof.

Doch je weiter ich las, desto sonderbarer, unverständlicher und verworrener habe ich die neue Novelle "Mein Jenseits" gelesen. Sich mit der Aktualität von christlichen Reliquien zu beschäftigen, anhand eines Ich-Erzählers, der daran seine Faszination Raum gibt, erscheint mir dann doch ein wenig, als ob es leichten Staub angesetzt hätte. Immer zäher zu lesen, sodass ich im Laufe des Buches ja fast das Interesse verloren habe, jenem älteren Herrn noch zu folgen, der sich für mich auf eigenartige Weise immer mehr entfernt hat. Schade.

Der Ich-Erzähler Augustin Feinlein, ist dreiundsechzig, er wird nie älter, und sagt auch nicht, seit wievielen Jahren er denn nun dreiundsechzig ist. Er besucht die Bauernbrüder, reist nach Rom, und verliert sich in der Reliquien-Deutung. Angeblich ist er Leiter einer Klinik und steht in Konkurrenz mit dem ärztlichen Direktor. Eine etwas komische, und einseitige Darstellung aus der Ich-Perspektive, das Pendent kommt eigentlich nie zu Wort.

So begeistert ich anfangs war, so verworrener, unklarer habe ich hier Walser erlebt. Als ob die Richtung plötzlich unklar werden würde, und man sich als Leser verunsichert fühlt. Der Ich-Erzähler, wirkt fast schon wie ein Patient aus der Psychiatrie, zumindest trägt er Züge davon. Als er gegen Ende eine Monstranz entwendet und von der Polizei vernommen wird, wirkt das ganze irgendwie, als ob ein psychisch Kranker vernommen wird, von dem man nicht mal weiss, ob er überhaupt schuldfähig sei. Walser's Geschichte mündet letztlich in der Unerklärlichkeit. "Mit dem Unerklärlichen kann man nur leben, wenn man auf die Erklärung hofft."

Mit einem jedoch, hat Walser mit Sicherheit recht, nämlich mit seiner Aussage:
"Wir glauben mehr als wir wissen." Dem kann man sich nur entschieden anschliessen.

Eigentlich hätte es völlig gereicht nur die ersten 25 Seiten, dieser hundertneunzehnseitigen Novelle zu lesen, das wäre völlig ausreichend gewesen. Zumindest, kann man diese nochmal von vorne geniessen..Ob solch eine christlich angehauchte und leicht mit Staub angesetzte Auseinandersetzung mit Reliquien ein Bestseller werden soll, stelle ich eher in Frage. Eine verwirrende Story um den Leiter einer psychiatrischen Klinik die so unbedeutend ist, wie der Zusammenhang von Religiösität und Kunstgegenständen...Eine belanglose Dahergeplauderei über eine Dimension, über auch ein Martin Walser mit Sicherheit keine Ansprüche setzen kann, wenn er von "Mein Jenseits" spricht...
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