"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben. Die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben."
Diese Lebenseinsicht teilt uns der Ich-erzählende Protagonist der neuen Novelle von Martin Walser irgendwann auf den ersten Seiten mit. Und so haben seine früheren Protagonisten quer durch die Jahrzehnte immer wieder versucht, mit dem Kopf durch diese Lebens-Wand zu kommen, sei es Anselm Kristlein, Franz Horn, Helmut Hahn, Gottlieb Zürn oder selbst der alte Goethe in Walsers jüngstem Roman "Ein liebender Mann".
Die vorliegende Novelle "Mein Jenseits" ( man munkelt, es sei ein Teil aus dem dicken neuen Roman "Muttersohn", an dem Walser gerade schreibt) greift dieses mittelständische Leidensszenario aus Mann, Bürgertum und verpasstem Leben wieder auf und gibt ihm aber eine neue Wendung.
Walsers Ich-Erzähler August Feinlein, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Scherblingen, entdeckt als neue Lösung, als neuen Lebenssinn die Glaubensbereitschaft. Als Liebhaber heiliger Antiquitäten hat er sich auf eine Suche begeben, die viel "Verklärungsbereitschaft" erfordert: "Es gibt eine Sehnsucht, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überlässt, erfährt man, wohin sie einen haben will", sagt August Feinlein. Oder: "Unsere europäischen Vorfahren haben auch gewusst, was man wissen kann. Aber sie haben geglaubt, was sie glauben wollen. Wie schrieb der Vorfahr ( ein Vorfahr von Feinlein war der Mönch Eusebius) ? Glaube heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt. Musik gäbe es ja auch nicht wenn man sie nicht mache. Glauben, was nicht ist, dass es sei."
In dem alten Konflikt zwischen Wissensgesellschaft und Glaubensgewissheit hat sich Martin Walser in diesem Alterswerk für den Glauben entschieden. Nebenbei hat er eine köstliche Geschichte geschrieben über die Männerkonflikte in einem psychiatrischen Krankenhaus, uns viel gelehrt über die Bedeutung von Reliquien und das, was sie für viele Menschen bedeuten und über allem ein Loblied gesungen auf die Verschrobenheit und Kauzigkeit des Alters und auf das Unerklärliche. Er hat mit August Feinlein und seiner Geschichte, die ihn schlussendlich in die eigene Psychiatrie bringt, einen schelmischen Helden erfunden, der weiß, dass Glaube Selbstbetrug sein kann und sich trotzdem genau und zielstrebig dafür entscheidet. Ein heiteres Buch, das viel zu sagen weiß über existentielle Erfahrungen und das einen mit großer Spannung auf den schon erwähnten Roman warten lässt.