Aus der Amazon.at-Redaktion
Schnell einmal verleitet das Internet dazu, vom trauten Heimcomputer aus Intimes preiszugeben. Davon zeugen die vielen Online-Tagebücher, deren weite Verbreitung sich mehr dem Mitteilungsdrang der Anbieter als der Nachfrage der Leserschaft verdanken dürfte. Wenn sich bekannte Schriftsteller in Netzdiarien ergehen, ist schon mit erhöhtem Publikumsinteresse zu rechnen. Führen Autoren auch nicht unbedingt ein interessanteres Alltagsleben, so können sie es in der Regel doch besser darstellen. Und heißt der Autor Heiner Link, braucht man nach dem Witz an der Sache nicht lange suchen.
Nun also auch in Buchform: Mein Jahrtausend umfasst Beiträge, die zwischen Mai 1999 und Mai 2000 im Internet publiziert wurden. Der erste Teil des Buches "album, roman" besteht aus 43 Bildern und dazugehörigen Textminiaturen. In diesem Sammelsurium Link'scher Kapricen finden sich Reminiszenzen anhand privater Fotos, satirische Glossen zu Werbeanzeigen, poetische Einfälle, Zitatcollagen und vielerlei heitere Belanglosigkeiten.
Der zweite Teil trägt den so klingenden wie wenig sagenden Titel "Die Banalität des Prolligen", auf den Link nach eigener Aussage kam, "[w]eil wieder mal kein Bier im Haus war". Diese und weitere intime Details eines Schriftstellerlebens erfahren wir in der folgenden Internet-Korrespondenz mit den Autorenkollegen Georg M. Oswald, Norbert Niemann und Helmut Krausser. Substanziell bereichert wird der lockere Literaten-Smalltalk durch erzählerische Einschübe, viele Gedichtzitate sowie manch trash-poetische Eigenkreation.
Die internetgerecht kleinen, heterogenen Textbeiträge bieten ein kurzweiliges Lesevergnügen. Der sehr persönliche Touch macht das Buch vor allem für Leser interessant, die Links Werke bereits kennen und schätzen. Der nonchalante Stil, die scheinbare Beliebigkeit gewählter Formen und Inhalte verdeutlichen, dass es sich hier um kein ausgefeiltes Elaborat, sondern um "eine Art Begleiterscheinung" des Dichtens handelt. Die Widerspiegelung des ganz normalen Alltagswahnsinns hat aber natürlich auch Methode. Nicht umsonst fällt immer wieder der Name einer Ikone der deutschen Popliteratur: Rolf Dieter Brinkmann. Im Gegensatz zu vielen von dessen vermeintlichen Erben gelingt es Link mit viel Spürsinn für das Komische immerhin, über Plattheiten noch kunstvoll zu stolpern. --Mathis Zojer
Über den Autor
Heiner Link wurde 1960 geboren. Er starb 2002 bei einem Motorradunfall in München. Link veröffentlichte zahlreiche Erzählungen und Texte.