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Nicht die Großereignisse liegen ihm am Herzen. Es sind die Nebenschauplätze, die er aufspürt, oft scheinbar Unwesentliches, das bei näherer Betrachtung aber schlagartig zur Erhellung des Ganzen beiträgt. Es sind die Sabotagegedanken eines verzweifelten Bordmechanikers während des demütigenden Fluges zur Übergabe des Luftschiffs LZ126 als Reparationszahlung an die Amerikaner 1924. Das Essay über die ideologische Bredouille des linken Lehrerehepaars, dessen Anzeige bei der Polizei 1972 zur Verhaftung Ulrike Meinhofs führte, ist eines der beklemmendsten und feinstbeobachteten in diesem Buch.
Über die furchtbaren Weltkriegsjahre 1914-1918 schwadronieren im edlen Züricher Café die Autoren Remarque und Jünger im Beisein einer jungen Schweizerin. Schnell gerät man sich in die Haare über Stahlhelmqualitäten und Feinheiten des Gaskrieges an der Westfront. Grass läßt das Gespräch Mitte der 60er Jahre stattfinden und plötzlich wird bedrückend klar, wo die Herren noch immer zu Hause sind und es wohl auf immer und ewig sein werden. Die Episode nimmt eine wahrhaft schaurige Wendung, als die junge Eidgenossin in einem kleinen Nebensatz zu erkennen gibt, dieses Gespräch im Rahmen einer Forschungsarbeit für eine der größten Schweizer Waffenschmieden zu führen.
Die Geschichten wollen nicht enden. Es gäbe noch so viel zu erzählen. Von Jankele, dem jüdischen Glaser, der das Panzerglas für Eichmanns Zelle anfertigte und nun im Gerichtssaal über seine getötete Familie reflektiert, und, und, und.
Gegen Ende schlüpft Grass gar noch in Birgit Breuels Kleider. Er konnte nicht anders. Sein Lieblingshaßobjekt. In einer wunderbar entlarvenden Rechtfertigungssuada läßt er die Treuhanddame lamentieren über jenen deutschen Großdichter, der sich erdreistet, sie in seinem geplanten Roman mit der Figur eines anderen Großen, Fontane, zu vergleichen. "Nur weil eine gewisse Frau Jenny Treibel es genau wie ich verstanden hat, das Geschäftliche mit der Poesie zu verbinden. Aber sollte dennoch alles schiefgehen, man hat ja noch den Familienbesitz mit Elbblick!" Dazu Grass´ aquarellierte Hand, aus der Menschlein wie geknickte Streichhölzer rieseln. Getroffen!
Vielleicht läßt der eine oder andere Käufer ja diesmal seine obligate Geschenkidee, "Unser Jahrhundert im Bild" auf dem Wühltisch am Kaufhauseingang liegen. Mein Jahrhundert ist ebenso reich an Bildern, keine Königshochzeiten zwar, aber Geschichten und Aquarelle von einer Kraft, die jeden halbwegs sensiblen Leser so schnell nicht mehr losläßt. --Ravi Unger
Der Text bezieht sich auf die illustrierte Version des Buches
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
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Grass orientiert sich mit "Mein Jahrhundert" vor dem Hintergrund eines Verlustes der Lesekultur an zwei Zielgruppen. Jugendliche etwa, die eine Lesekultur verlieren, ohne sie kennengelernt zu haben, sind angesprochen. Vermitteln soll dies jedoch die Gruppe der 'lernenden Lehrer': Die scheinbar einfachen Geschichten sind Lesebuchstoff, in der illustrierten Version sind es einzelne Bilderbögen, die insgesamt einen großen Jahrhundert-Bilderbogen ergeben: Vormals gab es den Neuruppiner Bilderbogen, an dem Geschichte in Comic-Manier mit Zeigestock dargestellt und kommentiert werden konnte. Dieses Medium ist ausgestorben. Heute, angesichts des globalen Problems der Zerstörung des Menschen durch den Menschen, könnte Ähnliches der Literatur drohen: Als Nischenphänomen verlöre dieses Gegenmittel seine Bedeutung.
Zum Inhalt: Einzelgeschichten mit Erzählerfehlern
Grass' Ironie, seine Ästhetik der Erzählerfehler, werden unsere Großkritiker wohl nie verstehen: Ulrich Greiner etwa kritisierte, daß der Rollenprosazwang der hundert Geschichten mit ständig wechselnden Erzählern dazu führe, daß in jeder Einzelgeschichte ständig erklärt werden muß, wer was wem wann und warum erzählt. Grass läßt hier tatsächlich sehr viele Fehler 'sich ereignen': Es wären Anfängerfehler, wenn es Fehler wären. Der 'niederbayerische Freiwillige' aus der ersten Geschichte betont tatsächlich, als wüßte sein Redegegenüber dies nicht, das er 'aus dem Niederbayerischen' kommt, als Niederbayer in Hamburg ist, von wo er zum imperialistischen Gemetzel, das später "Boxeraufstand" genannt wurde, aufbrach. Dort war er "zwecks Einschiffung". Greiner: "Wer redet hier? Ein plötzlich sprachlos gewordener Grass?" Wer solchen Fehlern nachgeht, entdeckt den Clou der Geschichte: Ein einziger Bayer - die Bayern haben bekanntlich etwas gegen die Preußen - folgte dem obersten Preußen, dem Kaiser mit der Pickelhaube. Er redet und schreibt wie ein Beamter: An die Aura, den Heiligenschein des im Gegenlicht plazierten Kaisers, darf er sich nur 'nüchtern' erinnern. Das wird erst in der Marokko-Krisen-Geschichte klar, in der anders über Wilhelms angemaßtes Pickelhauben-Gottesgnadentum gelästert wird. Also: Nicht nur 'freiwillig' und 'zwecks Einschiffung' war er dort, sondern vor allem 'zwecks Aufstiegs ins Beamtentum'! Er versprach sich im militaristischen 'Großpreußen'-Deutschland, seine Wurzeln verleugnend, den privaten Aufstieg, wo sein Kaiser sich den Aufstieg zur Weltmacht versprach. "Ein für allemal" sollte Kultur gebracht werden: Dazu waren 'alte Zöpfe' abzuschneiden - und im Kampf der hochgerüsteten Europäer gegen die 'mit der Faust kämpfenden', die man "Boxer" nannte, mußten auch die Zopfträger dran glauben. Die 'Kulturbringer' hausten wie Hunnen, die der Kaiser "so belobigte". Resi, die Verlobte aus Straubing, befürchtete "Spuk im Hause" dieses Kulturstifters: Gut-katholisch verbrannte sie den Zopf, mit dem ihr 'Held' sich zu Karneval brüstete. Vor allem beim Sex dürfte sie Schwierigkeiten mit ihrem "Barbaren und Tiger" gehabt haben, der "in fernen Dschungeln gierig nach Fleisch" war. Doch das ist Leerstelle und Überleitung: Dieser Satz stammt aus der zweiten Geschichte. Und er bezieht sich ausgerechnet auf den Doktor Gottfried Benn, dem seine vormalige Kurzzeitgeliebte, die jüdische Schriftstellerin Else Lasker-Schüler eine fulminante Absage erteilt - auf drei von Grass erfundenen Postkarten, die ihren Empfänger nicht fanden und bei einem Trödler gelandet waren. Sie, die deutsche Jüdin, hatte ihn und den Sex mit ihm vormals, im wilhelminischen Deutschland, kaum kaschiert, in Kunstzeitschriften quasi als neue Religion der Selbstbefreiung in Kunst und Leben gefeiert: Und doch waren diese Gedichte geradezu Zeugnisse einer Benn-Hörigkeit, die nicht ins Bild einer Frauenemanzipation passen wollten. Else Lasker-Schülers unerhörter Mut, sich so zu entblößen, Benn und ihre Beziehung, gerade so, als gäbe es keine Post für dichterische Liebesbriefe, als gemeinsames Kunstprojekt zu zelebrieren, erstaunt noch heute. Doch Benn hatte seine lyrische Absage schon 1912 publiziert.
"Heute", das heißt: kurz vor ihrem Tod im Januar 1945, als die ominösen 'Tausend Jahre' im Begriff sind, 'über die Wupper' zu gehen, plant Else Lasker-Schüler den anderen Aufbruch 'ins grad erblühte Jahrhundert', das nun das Jahrhundert nach der angeblichen 'Stunde Null' werden wird: Sie fährt in den Tod. Diese Jungfernfahrt wird sie - wie damals die Schwebebahn - über die neue 'schwarze Wupper' führen: Das 'Tausendjährige Reich' steht wie jener auf tausend Ringfüßen stehender Drache' von damals, wie die Schwebebahn von 1901 als Basis dieser Jungfernfahrt. Nun jedoch verspräche sich die kleine Else schon lieber dem Messias, ginge lieber ins Kloster, entsagte all ihrer Lebenslust, die Basis ihrer Gedichte war. Lieber entsagte sie, die Jüdin, auch ihrem jüdischen Glauben, als daß sie ihm, dem "abtrünnig gewordenen, hartgesichtigen Verräter und Barbar" noch einmal angehören wollte. Grass verwehrt Gottfried Benn hier im Namen der Schriftstellerin insgeheim dessen anmaßende "Rede auf Else Lasker-Schüler" aus dem Jahre 1952. "Wer suchet, der findet" heißt das Motto und der Anfangssatz dieser Geschichte für die Lehrer: Man findet etwa eine lyrische Absage an 'untreue Freunde', die Else Lasker-Schüler in ihrem letzten, hier erwähnten Gedichtband, "Mein blaues Klavier", unternommen hatte. Im Ton und den Bildern der "Gedichte an Giselher" - so bezeichnete sie Benn - läßt sie kaum Zweifel daran, wer gemeint oder zumindest mitgemeint ist. Andererseits 'findet' man aber auch die Rede des 'untreuen Barbaren', der die Dichterin hochlobt - und sich selbst damit exkulpiert. Else Lasker-Schüler und er, Gottfried Benn, stünden in dieser überhitzten Affäre für "das Deutsche und das Jüdische in einer lyrischen Inkarnation".
Und so weiter... So, die Häkchen aufgreifend, geduldig recherchierend, müßte "Mein Jahrhundert" gelesen werden. Nicht jeder Leser wird das können oder in dieser Kleinschrittigkeit überhaupt wollen: Ich bin halt ein Grass-Spezialist, der einigermaßen weiß, worauf zu achten ist. Doch wer immer das hier liest, sei versichert: "Mein Jahrhundert" ist große Kunst! Man sollte wieder ruhiger, geduldiger lesen lernen - und Rätsel auch als Rätsel stehenlassen können. Vor allem aber sollte man Reich-Ranicki, Greiner und Co. bei diesem Lesen schnell vergessen.
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