Nachdem ich mit viel Vergnügen die historischen Krimis um Odo und Lupus, Komissare Karls des Großen, gelesen hatte, suchte ich nach weiteren Büchern von Robert Gordian und stieß auf "Mein Jahr in Germanien".
Die ausführlichen Erinnerungen des jungen Adligen Marcus Licinius an sein zwangsweise im wilden Germanien verbrachtes Jahr sind auf keinen Fall schlecht geschrieben. Marcus ist ein menschlicher, und daher manchmal auch moralisch nicht ganz einwandfreier Held, der einem trotzdem (oder eher gerade deswegen) sympathisch ist. Auch die meisten Nebencharaktere sind interessant und lebendig und Marcus genaue Beobachtungen und Beschreibungen des Treibens der Germanier deuten darauf hin, dass der Autor sich gründlich über diese Zeitepoche informiert hat.
Und trotzdem fehlt mir etwas: der Humor. Respektlose Beobachtungen, freche Bemerkungen, witzige Wortspiele, komische Missverständnisse - all das, was mir bei Odo und Lupus so gefallen hat, fehlt hier. Abgesehen von einigen wenigen Scherzen zu Beginn des Buches werden Marcus` Erlebnisse in ziemlich ernstem Ton erzählt. Gordian betont die Unzivilisiertheit der Germanenvölker und stellt sie als größtenteils dumme und grausame Barbaren dar. Es gibt viele derbe und blutige Szenen, die das Buch stellenweise richtiggehend deprimierend machen.
Dass Arminius als glühender Fanatiker auftritt, der von einer Vereinigung aller Stämme zu einem Großgermanien träumt, erscheint mir außerdem ziemlich anachronistisch. Damals gab es diese Art von Nationalidee noch gar nicht. Dann lässt der Autor die römischen Hauptdarsteller auch noch mehrfach zweifeln, ob die Germanen wohl jemals wirklich ein zivilisiertes Volk werden können, so dass ich hinter beidem erzieherische Beweggründe vermute. Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, aber müssen solche "mahnenden Zeigefinger" unbedingt in einen historischen Roman eingebaut werden, der lange vor dem Aufkommen nationalistischer Ideen liegt?
Alles in allem ist "Mein Jahr in Germanien" ein interessanter Roman über das Verhältnis zwischen den römischen Besatzern und den kaum zivilisierten germanischen Stämmen kurz vor der Varus-Schlacht. Wer aber so wie ich vor allem wegen der humorvollen Odo-und-Lupus-Krimis zum Gordian-Fan geworden ist, könnte von den eher traurigen Erlebnissen des Marcus Licinius enttäuscht sein.