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Mein Herz so weiß
 
 
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Mein Herz so weiß [Ungekürzte Ausgabe] [Taschenbuch]

Javier Marías , Elke Wehr
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (78 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wenige Tage, nachdem sie von der Hochzeitsreise zurückgekehrt war, erschießt sich die frischverheiratete Frau im Badezimmer ihrer Eltern mit der Pistole des Vaters.Die Frau wäre Juans Tante gewesen -- oder auch nicht, denn wäre sie am Leben geblieben, hätte Ranz ihre Schwester nicht geheiratet, wäre Juan nicht geboren worden.

Juan, der Ich-Erzähler, hat selbst gerade geheiratet. Ein leichtes Gefühl der Beklemmung lässt ihn nicht los, er empfindet -- bei aller Liebe zu seiner Frau -- doch den Zustand der Ehe als unnatürlich, die gemeinsame Wohnung als künstlich. Erst zu dieser Zeit erfährt er vom gewaltsamen Tod seiner Tante -- zuvor hatte er angenommen, sie wäre an einem Unfall gestorben. Auch ist plötzlich die Rede von einer dritten Frau, einem Aufenthalt seines Vaters in Kuba, der Juan nicht bekannt war. Auch wenn er die Geschichte nicht wirklich wissen will -- er weiß zuviel, um nicht auch den Rest wissen zu wollen...

Ein unglaubliches, hervorragendes Buch! Marias erzählt mit einer Detailverliebtheit, die nicht mehr zu übertreffen ist. Eine Szene, die sich in wenigen Sekunden abspielt, beansprucht durchaus einmal 10 oder mehr Seiten, da nicht nur die Handlung, sondern jedes Minenspiel, jede Assoziation, die dadurch ausgelöst wird, beschrieben wird. Lange Zeit ahnt man auch nicht, wie der Erzähler den Bogen der Geschichte spannen wird -- wie er von dem Selbstmord über die Beobachtung einer Begegnung in Havanna, von der Ehe Juans und Louisas, ihrer ersten Begegnung wieder zur Ursache des Selbstmords zurückkehrt.

Wenn man das Buch nicht nur einmal, sondern mehrmals liest, bemerkt man erst die unglaubliche Stimmigkeit. Jedes Detail, das beschrieben wird, stimmt auch 200 Seiten später noch, bezieht sich darauf. Marias erzählt neben der eigentlichen Geschichte unzählige andere, Kleinigkeiten, Gedankengänge -- und schafft es trotzdem, den Leser nicht den Faden verlieren zu lassen. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! --Daniela Ecker

Der Spiegel

Blaubarts Schweigen
Ohne Hast erhebt sich eine junge, gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrte Frau in ihrem Elternhaus vom Esstisch, geht ins Badezimmer, knöpft die Bluse auf, zieht den Büstenhalter aus und schießt sich vor dem Spiegel ins Herz. Mit der Schärfe des Alptraums wird jedes Detail ausgeleuchtet: Das lähmende Entsetzen des Vaters, der nach dem Schuss mit vollem Mund weder zu kauen noch zu schlucken wagt. Der auf das Bidet geworfene Büstenhalter. Der aufgedrehte Wasserhahn. Der mit Wasser und Blut bespritzte Spiegel. Die zerfetzte linke und die unversehrte, weiße Brust daneben. Die Tränen in den Augen der Toten.

Verstörender, aufregender, wirkungsvoller als mit dem Auftakt dieses Buches kann ein Roman kaum beginnen. Welcher Abgrund, welches dunkle Geheimnis verbirgt sich hinter der grausigen Tat? Diese Frage hält die Spannung über 350 Seiten aufrecht. Und das Rätsel der erzählerischen Urszene führt in ein literarisches Spiegelkabinett voller Echo-Effekte.

Denn dieser Javier Marías ist ein Virtuose seiner Kunst. Der Spanier, geboren 1951 als Sohn eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen, publizierte den ersten Roman im Alter von 20 Jahren. Nach der Ausübung einer Professur und etlichen Literaturpreisen konzentrierte er sich von 1990 an auf das Schreiben.

Ein leicht konsumierbarer Unterhaltungsschriftsteller möchte er nicht sein. Nicht nur in seiner Heimat gilt Javier Marías von jeher als anspruchsvoller Autor. Auch in Deutschland wurde er lange als schwer verkäuflich gehandelt. Mehrere Verlage lehnten eine deutsche Ausgabe von „Mein Herz so weiß“ ab, bevor der Verlag Klett-Cotta sie riskierte. Dann aber löste das einhellige Fernseh-Lob des „Literarischen Quartetts“ im Juni 1996 ein Publikationswunder aus: Die deutsche Gesamtauflage des Romans wird mittlerweile auf 1,5 Millionen beziffert. Dieser überwältigende Erfolg war dem Verfasser, bei aller Freude, geradezu unheimlich, und er äußerte die Befürchtung, er könne auf einem Missverständnis beruhen. Denn Marías setzt auf nachdenkliche Leser. Darum erzeugt der spektakuläre Auftakt nicht nur Spannung – er erweist sich als Keim des Romans: Alle im Lauf der Handlung entwickelten Motive und Reflexionen sind darin zugleich angelegt und verborgen.

Es geht um Ehe und Geheimnis, um Verdacht und Betrug, um Voyeurismus und Komplizenschaft, um die Macht der Sprache – und um die des Schweigens. Denn sonderbar: Niemand will genau wissen, was es mit dem Freitod der jungen Frau auf sich hat. Eltern und Familie der Toten ziehen es vor, die Tragödie und die Rolle des (nun schon zum zweiten Mal) Witwer gewordenen Schwiegersohns Ranz mit dem Mantel des Schweigens zu bedecken. Es gibt nur Ahnungen, im Umfeld der Familie fallen zynische Anspielungen wie die auf den legendären Frauenmörder Blaubart.

Den betuchten Madrider Bürgern, in deren Milieu der Roman spielt, ermöglicht die Tabuierung des Themas Jahrzehnte lang ein äußerlich komfortables Leben. Auch die zwielichtigen Methoden, mit denen Ranz zu Wohlstand gekommen ist, werden diskret beschwiegen; als Kunstexperte des berühmten Madrider Prado-Museums hat er seine Stellung und seine Verbindungen vor dem schemenhaft erkennbaren Hintergrund der Franco-Diktatur zu skrupellosen Geschäften genutzt.

Bald nach der Katastrophe heiratet der Witwer Ranz die jüngere Schwester der Toten und zeugt mit ihr den Sohn Juan. Dieser ist es, der vierzig Jahre nach dem tödlichen Schuss und im nunmehr demokratischen Spanien als Ich-Erzähler auftritt. Juan erfährt erst einige Zeit, nachdem er selbst mit 34 Jahren geheiratet hat, dass seine Tante keineswegs, wie man ihm immer erzählt hat, einer Krankheit zum Opfer gefallen ist und dass mit den insgesamt drei Ehen seines Vaters etwas faul sein muss. Doch als er diesen einmal zur Rede stellen will, lässt Ranz den längst erwachsenen Sohn abblitzen wie ein Kind: „Hör mal, ich habe keine Lust, von der fernen Vergangenheit zu reden, das ist geschmacklos und erinnert einen an die vielen Jahre, die man auf dem Buckel hat.“

Gleichzeitig spürt Juan, dass auch an seiner eigenen jungen Ehe mit Luisa schon der Wurm nagt: „Das Vorgefühl der Katastrophe, das mich seit der Hochzeitszeremonie stillschweigend begleitet hatte, nahm im Lauf der Zeit verschiedene Formen an.“ Ist er dem Vater insgeheim womöglich erschreckend ähnlich, so fern und fremd ihm dieser auch erscheint? Entdeckt er nicht bei sich selbst die gleichen „femininen Lippen“, den gleichen „Frauenmund in einem Männergesicht“ wie bei seinem Erzeuger?

Juan und Luisa hätten, wären sie Singles geblieben, vielleicht jeder für sich die Sonnenseiten einer Gegenwart genießen können, die immer größere internationale Mobilität verlangt – beide sind polyglotte, viel im Ausland tätige, materiell unabhängige Konferenzdolmetscher. Doch den Erzähler peinigt, kaum hat er Luisa geheiratet, das Gefühl eines unter den Füßen schwankenden Bodens. Die junge Zweisamkeit ist von Bindungsangst und Misstrauen bedroht. Wird sie das Opfer an persönlicher Selbstständigkeit und Freiheit aushalten, das die Ehe verlangt? Die Angst vor Verletzung und Betrug? Den Verschleiß durch den Alltag?

Gefühle und Leidenschaften sind schließlich hoch riskant in einer Welt, die Rücksichtslosigkeit und kühles Kalkül prämiiert. „Ich dachte, es würde mir zum Vorteil gereichen, mit dieser Frau zu tun zu haben, die jünger war als ich und so gut beschuht.“ So beschreibt der Erzähler seine erste Reaktion auf die künftige Ehefrau, die er als Ko-Dolmetscherin bei einem spanisch-britischen Gipfeltreffen kennen lernt. Nicht von einem Gefühl ist da die Rede, sondern von einer Berechnung.

Doch liegt es dem Autor fern, seinen Lesern eine bestimmte Moral oder Philosophie aufzudrängen. Er hat keine Lösungen parat, sondern greift in Form eines aktuellen Romans uralte, klassische Fragen auf. Schon der Titel „Mein Herz so weiß“ geht auf ein Shakespeare-Drama zurück: Lady Macbeth stiftet ihren Mann zum Königsmord an. Danach fallen ihre Worte: „Meine Hände sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme mich, dass mein Herz so weiß ist.“

Die Macht sprachlicher Einflüsterungen und die Anziehungskraft ihres Gegenteils, des Schweigens – immer wieder blitzt das bipolare Urmotiv auf. Während der Hochzeitsreise von Juan und Luisa ereignet sich eine Schlüsselszene. Die frisch angetraute Ehefrau liegt in Havanna mit einer fiebrigen Krankheit im Hotelzimmer, und auf dem Balkon beobachtet ihr Mann eine näher kommende Mulattin. Von der Straße aus beschimpft die Unbekannte ihn zunächst als „Mistkerl“, beim Näherkommen entschuldigt sie sich für eine Verwechslung. Wenig später erkennt Juan, hellhörig von Beruf, die Stimme der Mulattin wieder, die in heftigem Streit mit ihrem Geliebten Guillermo aus dem Nebenzimmer dringt. Der hat ihr die Ehe versprochen, ist aber in Spanien verheiratet mit einer Frau, die schon seit einem Jahr angeblich im Sterben liegt. So hält Guillermo mit der Behauptung, er müsse erst den überfälligen Tod seiner Frau abwarten, die Geliebte hin. „Aber sie stirbt nicht ... Bring sie endlich um“, bedrängt die ihn.

Irrtümlich wähnt der Lauscher Juan seine kranke Frau im Schlaf – und schweigt über das, was er gehört hat. Als Luisa ihn später bedrängt, seinem Vater das Geheimnis des Suizids der Tante zu entwinden, hält er ihr die Vorzüge des Schweigens entgegen: „Wenn man etwas nicht erzählt, dann löscht man es ein wenig aus, vergisst es ein wenig, leugnet es, wenn man seine Geschichte nicht erzählt, kann das ein kleiner Gefallen sein, den man der Welt erweist.“ Ohne Juan anzusehen, erwidert Luisa: „Natürlich werde ich wissen wollen, ob du eines Tages die Absicht hast, mich umzubringen, wie der Mann im Hotel, dieser Guillermo.“ Luisa ist es auch, die am Ende Ranz sein Geheimnis entlockt.

In der fabelhaften Fiktion steckt ein autobiografisches Körnchen: der Fall einer Cousine von Marías’ Mutter, die sich vor vielen Jahren aus ungeklärten Gründen kurz nach der Hochzeitsreise erschoss. „Ich habe ihr ein Motiv erfunden“, hat Marías gesagt.

Und seine Hauptfigur nimmt er gegen den in Spanien geäußerten Vorwurf in Schutz, Juan sei feige, weil er so wenig wissen will: „Wir würden uns doch“, entgegnet der Skeptiker Marías darauf, „wahrscheinlich alle gegenseitig umbringen, wenn wir von jedem alles wüssten.“

Nachwort von Rainer Traub zu Mein Herz so weiß. SPIEGEL-Edition Band 1 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Neue Zürcher Zeitung

Die Schuld der Lady Macbeth

«Mein Herz so weiss» von Javier Marías auf deutsch

Javier Marías zählt ohne Zweifel zu den interessantesten spanischen Autoren der Gegenwart. Mit beinahe zehn Romanen, einer Reihe von Erzählungen, Essays und bedeutenden Übersetzungen, u. a. Shakespeares, ist er ein Schwergewicht in seinem Fach und hat seine Meisterschaft längst unter Beweis gestellt. Die ersten deutschen Übersetzungen («Allerseelen oder die Irren von Oxford» und «Der Gefühlsmensch», Piper 1991 und 1993) standen wohl unter keinem glücklichen Stern. Der Autor blieb bei uns relativ unbekannt. Nun hat sich dankenswerterweise Klett-Cotta der Vermittlung dieses Könners angenommen, und man darf Verlag und Autor zum verdienten Erfolg gratulieren.

Der eben erschienene Roman «Mein Herz so weiss» wurde bereits anlässlich der spanischen Erstveröffentlichung vorgestellt (vgl. NZZ 5. 8. 1992). Darum nur zur Erinnerung: Am Anfang dieses verkappten Krimis steht der Selbstmord einer jungen Frau, dessen Hintergründe nie aufgeklärt werden. Erst vierzig Jahre später begibt sich der Erzähler auf Spurensuche: die Tote war seine Tante, aber damals noch mit seinem Vater verehelicht, der später ihre jüngere Schwester (und zukünftige Mutter des Erzählers) heiratete.

Marías ist raffiniert genug, den Detektiv wider Willen nicht direkt ans Ziel kommen zu lassen. Vielmehr bedient dieser sich heimlich seiner Frau Laura, die das Vertrauen des Vaters bzw. Schwiegervaters gewinnt, um in den Besitz der schrecklichen Wahrheit zu gelangen. Der Erzähler wird zum Voyeur bzw. zum Lauscher an der Wand und der Leser mit ihm. Nur noch mittelbar erhalten wir Kenntnis von der Realität. Und doch verändern Einblicke unsere Haltung zu den Dingen. Denn das einmal ausgesprochene Wort lässt sich nicht wieder zurückrufen. Wie Lady Macbeth durch das Wissen um die Untaten ihres Mannes mitschuldig wird, können auch Laura und der Erzähler von nun an nicht mehr reinen Herzens leben: Wissen ist nicht nur Macht, sondern in vielen Fällen auch Last.

Marías ist nicht umsonst ein profunder Kenner der englischen Literatur. Nur wenige spanische Autoren beherrschen so virtuos die Kunst des düsteren Humors, kaum einer versteht es, die bohrenden Probleme quälenden Selbstzweifels, das für die iberische Literatur so charakteristische Infragestellen jeglicher existentiellen Gewissheit fern philosophischer Verblasenheit in eine Handlung einzubetten, die auf verschlungenen Pfaden, aber mit grosser Stringenz den Leser in ihren Bann zieht und sich seine Aufmerksamkeit bis zur letzten Zeile sichert.

1994 erschien in Spanien als Gegenstück zu «Mein Herz so weiss» Javier Marías' Roman «Mañana en la batalla piensa en mí». Wieder ist der Titel ein Shakespeare-Zitat: «Morgen in der Schlacht, da denke an mich» (Richard III, V, 3). Und wieder steht am Beginn des Romans der Tod einer jungen Frau, der den Erzähler in ungeahnte Gewissensnöte stürzt. Jeder, der Marías jetzt für sich entdeckt hat, wird die deutsche Übersetzung dieser ironischen Groteske voll Ungeduld erwarten.

Michael Hofmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Mein Herz so weiß
OT Corazón tan blanco OA 1992 DE 1996Form Roman Epoche Gegenwart
Mein Herz so weiß ist der international erfolgreichste spanische Roman des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er lenkte den Blick auf einen der intelligentesten zeitgenössischen Autoren.
Entstehung: Den Impuls für seinen Roman erhielt Javier Marías durch eine Jahre zurückliegende autobiografische Begebenheit: Die Cousine seiner Mutter hatte sich kurz nach ihrer Hochzeitsreise erschossen. Es blieb unklar, was sie zu dieser Tat getrieben hatte. Für Marías war dieser Selbstmord der Anlass, »eine überzeugende Geschichte zu erfinden«.
Inhalt: Die von ihrer Hochzeitsreise mit ihrem Mann Ranz zurückgekehrte Teresa sitzt bei ihrer Familie am Tisch, steht auf, geht ins Badezimmer und erschießt sich.
Viele Jahre später befinden sich Juan und Luisa auf ihrer Hochzeitsreise in Kuba. Juan belauscht ein Paar im Nebenzimmer des Hotels: Sie fordert ihn auf, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Er erinnert an seine Frau, die erst sterben muss, bevor er die Geliebte ehelichen könne. Daraufhin verlangt sie von ihm, seine Gattin zu töten. Juan, dessen Vater Ranz kurz nach Teresas Selbstmord deren jüngere Schwester Juana, Juans Mutter, geheiratet hatte, beginnt sich immer intensiver mit Teresas Freitod zu beschäftigen. Als Dolmetscher ist er im subtilen Umgang mit Sprache geschult. Er findet heraus, dass sein Vater vor Teresa bereits mit einer anderen Frau verheiratet war, die ebenfalls jung verstarb. Der Gedanke an die Vergangenheit seines Vaters lässt Juan nicht mehr los. Gelöst wird das Geheimnis aber durch Luisa, die Ranz endlich zum Reden bringt. Er gesteht, dass er seine erste Frau getötet hat, um Teresa heiraten zu können. Diese konnte mit der furchtbaren Wahrheit nicht leben und nahm sich nach der Hochzeitsreise, auf der sie von dem Mord erfahren hatte, das Leben.
Aufbau: Marías spielt wie in all seinen Büchern mit literarischen Zitaten, stilistischen Mitteln und Sprache. »Mein Herz so weiß« ist ein Zitat aus der Tragödie Macbeth (1623) von William R Shakespeare. Als Lady Macbeth ihren Mann zum Königsmord angestiftet hat, sagt sie: »Meine Hände sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme mich, dass mein Herz so weiß ist.«
Eröffnet wird das in 16 Kapitel unterteilte Buch mit der detailgenauen Schilderung des Selbstmords von Teresa, dem das erste Kapitel gewidmet ist. Mit Beginn des zweiten Kapitels sind 40 Jahre vergangen: Juan, der renommierte und in höchsten Politikerkreisen aktive Simultandolmetscher, beschreibt sein eigenes Leben, das durch permanentes Reisen gekennzeichnet ist. Die verschiedenen Handlungsstränge, die u. a. in New York, Havanna und Genf spielen, verknüpft der Autor auf geschickte Weise. Am Ende des Romans lüftet Marías das Geheimnis um den Selbstmord Teresas ebenso wie das um die einzelnen Geschichten.
Wirkung: Mein Herz so weiß gehörte 1996 in Deutschland zu den erfolgreichsten Romanen des Jahres und verhalf Marías zum Durchbruch. Davon profitierten auch frühere Romane des Autors wie der Campusroman Alle Seelen (1989), dessen deutsche Erstausgabe 1991 wenig Beachtung fand, dessen Neuauflage 1997 aber zu einem großen Erfolg wurde. Weltweit sind von Mein Herz so weiß inzwischen über 1,5 Mio Exemplare verkauft worden. M. E.

Kurzbeschreibung

Eine junge Frau erhebt sich vom Tisch, geht ins Bad, knöpft ihre Bluse auf und erschießt sich. Diese dunkle Szene, von der der Ich-Erzähler nur gehört hat, läßt ihm keine Ruhe mehr. Die junge Frau war seine Tante, die Schwester seiner Mutter, die Frau, die sein Vater vor seiner Mutter geheiratet hatte. Vierzig Jahre später ist der Erzähler selbst verheiratet. Dunkle Vorahnungen und nebensächliche Ereignisse beunruhigen ihn. Der Ich-Erzähler ist Dolmetscher und leidet an einer »déformation professionelle«, die ihn dazu zwingt, jedes Detail zu registrieren und zu interpretieren: die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben zu zweit und auch jene Details, die ihm nach und nach mehr über die Ereignisse vor seiner Geburt verraten, als ihm lieb ist.

Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, gilt als einer der bedeutendsten Schrift-steller Spaniens. Sein umfangreiches Werk ist in acht Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Klappentext

JAVIER MARIAS MEIN HERZ SO WEISS

»Ich liebe dich, ich würde alles für dich tun. Auch töten. Ich würde sogar für dich töten.« Ein leichtfertiger Schwur. Javier Marias nimmt ihn beim Wort. Teresa und Ranz, eben von der Hochzeitsreise zurückgekehrt, sitzen mit der Familie der Braut bei Tisch. Unvermutet steht die junge Frau auf, geht ins Bad und schießt sich ins Herz.

Mit diesem dramatischen Auftakt beginnt Javier Marias' raffiniert inszenierter Roman über Liebe und Ehe, über Treue und Schwüre. Vierzig Jahre sind nach dem unerklärlichen Selbstmord vergangen. Ranz hatte kurz darauf wieder geheiratet, und sein Sohn Juan ist es, der dem Geheimnis nachspürt. Am Ende erfährt er die schreckliche Wahrheit.

»Das ist die große Meisterschaft dieses Autors: das Künstliche der Kunst zu verbergen, indem er es offen sichtbar ausstellt. Wie der Zauberer auf der Bühne zeigt er alle Gerätschaften umständlich vor, bis dem verwirrten Publikum der eigentliche Kunstgriff zuverlässig entgeht... Javier Marias ist ein Meister der gezielten Abschweifung und geschickt verschleierter Erzählabsicht.« Jens Jessen / FAZ -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, gilt als einer der interessantesten Schriftsteller des heutigen Spaniens. Seit seinem Welterfolg »Mein Herz so weiß« (1992, dt. 1996) ist er mit zahlreichen international wichtigen Preisen geehrt worden, u. a.: 1995 Premio Rómulo Gallegos, 1996 Prix Femina étranger, 1997 International IMPAC Dublin Literary Award, Nelly-Sachs-Preis, 1998 Premio Letterario Internazionale Mondello der Stadt Palermo, 2000 Premio Internazionale Ennio Flaiano, Premio Grinzane Cavour sowie Premio Internazionale Alberto Moravia. Sein umfangreiches Werk wurde inzwischen in 32 Sprachen übersetzt.

Auszug

ICH WOLLTE ES nicht wissen, aber ich habe erfahren, daß eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Eßzimmer befand, ihr Herz suchte. Als der Knall ertönte, etwa fünf Minuten, nachdem das Mädchen den Tisch verlassen hatte, stand der Vater nicht sofort auf, sondern verharrte ein paar Sekunden lang wie gelähmt mit vollem Mund und wagte nicht zu kauen noch zu schlucken und noch weniger, den Bissen auf den Teller zurückzuspucken; und als er sich endlich erhob und zum Badezimmer lief, sahen jene, die ihm folgten, wie er, als er den blutüberströmten Körper seiner Tochter entdeckte und die Hände an den Kopf hob, den Bissen Fleisch im Mund hin und her bewegte, ohne zu wissen, was er mit ihm anfangen sollte. Er hielt die Serviette in der Hand und ließ sie erst los, als er nach einer Weile den auf das Bidet geworfenen Büstenhalter bemerkte, und dann bedeckte er ihn mit dem Tuch, das er zur Hand hatte oder in der Hand hatte und das die Spuren seiner Lippen trug, als sei ihm der Anblick des intimen Kleidungsstückes peinlicher als der Anblick des halbnackten, am Boden liegenden Körpers, der mit dem Kleidungsstück bis vor ganz kurzer Zeit in Berührung gewesen war: der am Tisch sitzende Körper oder der sich auf dem Flur entfernende Körper oder auch der stehende Körper. Zuvor hatte der Vater mit einer automatischen Handbewegung den Wasserhahn des Waschbeckens zugedreht, den Kaltwasserhahn, aus dem das Wasser unter großem Druck herausschoß. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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