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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2004
"Jedem hörenden Leser seinen Pastiorchlebnikov!" fordert Rezensent Michael Lentz nach begeisterter Lektüre des Buches und inklusivem Abhören der beigegebenen CD. "Diesem Chelbnikovpastior alle lesenden Hörer!" Der Titel des Buches sei Programm: Mein Chlebnikov. Denn es handele sich nicht um eine schnöde Textverrechnung. Vielmehr bedurfte Oskar Pastiors "Verdolmetschung" der Texte des russischen Futuristen laut Lentz "eines Chlebnikov in allen Aspekten wortkünstlerischen Denkens gleichgesinnten und gleichwertigen Sprach- und Formbewusstsein". Zwar vermutet der Rezensent, das dieses Projekt Pastior "die Aktivierung aller multilingualen Vorratskammern und Inventare" abverlangt hat. Doch die Operation wird als ausgesprochen gelungen bewertet. Denn in dieser "höchst privaten Aneignung" fand Lentz ganze Etymologien und Wortgeschichten "eingefaltet", was er augenscheinlich höchst inspirierend und Chlebnikov-erhellend fand. Pastiors Lesung der Texte auf der CD zum Buch fordere "das Denken mit den Ohren", schreibt der Rezensent, der Pastiors Stimme als Boot beschreibt, das den Leser sicher über die "Textwellen" setzt.
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Kurzbeschreibung
Gedichte und Texte von Velimir Chlebnikov, übertragen und gelesen von Oskar Pastior
Wenn Oskar Pastior von "meinem" - also seinem - Chlebnikov spricht, verweist er damit nicht nur auf ein literarisches Erbe, sondern auch - darüber hinaus - auf eine eigenständige literarische Hervorbringung. Denn um Chlebnikov zu übersetzen, genügt es nicht, Chlebnikov nachzudichten; Chlebnikov zu übersetzen heißt nach Chlebnikov zu dichten, heißt wie Chlebnikov zu dichten, heißt Chlebnikov fortzuschreiben in der Zielsprache - hier also im Medium des Deutschen. (...) / Die von Pastior - frei nach Chlebnikov - praktizierte Art des Übersetzens entspricht (...) nicht nur dem Chlebnikovschen Konzept einer selbstorganisierenden "hintersinnigen" Laut- oder Vogel- oder Sternen- oder Göttersprache, sondern auch Pastiors eigener Arbeit am "Wort als solchem". Mein Chlebnikov - das besitzanzeigende Fürwort der ersten Person Einzahl bezeugt also auch die enge poetische Wahlverwandtschaft zwischen Dichter und Nach-Dichter; für diesen ist jener (...) zu einem "Mögner, Ermöchtiger, Möglichmacher" geworden, "den ich mag, den ich kenn, den ich möglich mach". Indem Pastior einen neuen Chlebnikov "möglich macht", ermöglicht der alte Chlebnikov auch einen neuen Pastior: "Dieser Möglichmacher, mein Ich." (Aus: Felix Philipp Ingold: PASST INS OHR. Ein Wort zu Pastiors Chlebnikov)
Oskar Pastior schrieb über seine Chlebnikov-Übertragungen: "Bei Chlebnikov war es was anderes. Ich glaube, mich reizte das Problem, die Unmöglichkeit, diesen Wortgebilden mit einer Sinn-Klang-Rhythmus-Übertragung beizukommen; die Herausforderung, seine Methode, die er als "Sternensprache" universell theoretisiert, aber den Ableitungs-, Kombinations- und Flexions-möglichkeiten der russischen Sprache entnommen hatte, auf die im Deutschen angelegten Möglichkeiten zu übertragen."
1. Protokoll vom El (5'17); 2. was bin ich; erfahrendse; zwo witter bamms, ent zwo...; feurott go feurott; kommerar tir neuerar...; ei wie... (3'39); 3. Ich puste, und Perun splittert Späne (7'33); 4. presse arbeit reibung (1'21); 5. Grashupfer; zeitgeschöhn binsgeschülf; ein spalm lüfter...; schrilf - die schrepfen kühlsen im see...; wie die kleine ach wie qualtig (2'29); 6. liebidonis (3'18); 7. schwarzer liebuster; laubeidach; in fantasy-pantasy...; himbellinster spymbellipsen... (2'21); 8. Allerleilach / Kopfankopf-Koppel (3'13); 9. Lieb-Satz (7'25"); 10. M-Satz (5'57); 11. was jagt mich wer? wer mag mich was? (3'33); 12. gschwäzität maulaffnis tamisch (0'22); 13. zwei elefanten stießen im zahnkampf so bein (0'34); 14. Rätsel, Nebel, Manie... (Palindrom) (1'47).
Länge: 51'43".Velimir Chlebnikov, geb. 1885 in Astrachan, gestorben 1922 in der Nähe von Nowgorod, gehört im europäischen Maßstab zu den Vätern und Wegbereitern der modernen Literatur, wird als die größte poetische Potenz unter den russischen Futuristen angesehen.Oskar Pastior, geb. 1927 in Hermannstadt / Siebenbürgen, 1945 Deportation in sowjetische Arbeitslager, nach der Rückkehr fünf Jahre Gelegenheitsarbeit, 1955 bis 1960 Studium der Germanistik, anschließend Rundfunkredakteur in Bukarest. Lebt seit 1969 als freier Schriftsteller in Berlin. Zahlreiche Gedichtbände - zuletzt "Vokalisen & Gimpelstifte" (1992) - Hörspiele - zuletzt "Mordnilapsuspalindrom" (1988) - und andere Texte - zuletzt "Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen" (1994); Übersetzungen u. a. aus dem Rumänischen und Russischen. Erhielt 1990 den Hugo-Ball-Preis, 2000 den Walter-Hasenclever-Preis. Ist Mitglied des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie und der Werkstatt für Potentielle Literatur OULIPO.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.