"Mein Agnes" ist eine in der dritten Person geschriebene Romanbiographie des Ehepaares Dürer, dargestellt aus der Perspektive von Agnes.
Agnes Frey wird im Alter von ca 17 Jahren im Jahr 1494 von ihrem Vater, dem Rotschmied Hans Frey, mit dem jungen Maler Albrecht Dürer verheiratet, der gerade von seiner Gesellen-Wanderzeit nach Nürnberg zurückgekehrt ist.
Als 1495 in Nürnberg wieder einmal die Pest ausbricht, reist Agnes mit ihrem Mann für knapp ein Jahr nach Venedig, wo er die neuen Techniken der Malerei erlernen will, da die Italiener den Deutschen in der Malerei weit voraus sind. Die Rückkehr nach Nürnberg verläuft nicht sehr erfreulich, denn im Hause Dürer sind inzwischen fünf Geschwister von Albrecht an der Pest gestorben, zwei weitere Schwestern sterben bald darauf an Ruhr oder Typhus. Albrechts Mutter Barbara hat von ihren insgesamt 18 Kindern 15 verloren, sie wird durch diese Schicksalsschläge immer schwieriger im Umgang, verbringt fast ihre ganze Zeit im Gebet und verbreitet eine düstere Stimmung im Haus. Auch Albrecht, mit dem Agnes im Großen und Ganzen eine harmonische Ehe führt, verfällt immer wieder in sehr melancholische Phasen, in denen er kaum ansprechbar ist. Für Agnes ist es nicht einfach, mit dem schwierigen Künstlercharakter ihres Mannes umzugehen. Sie ist jedoch eine tatkräftige Frau, die sich auf das Rechenwesen und den Verkauf versteht, regelmäßig fährt sie zu Messen, auf denen sie die Drucke ihres immer erfolgreicheren Mannes vertreibt. Durch ihre Kinderlosigkeit wird ihre Ehe nicht übermäßig belastet, Albrecht akzeptiert diese Situation recht gelassen. Ein größeres Problem für die Ehe ist seine Freundschaft mit dem Humanisten Willibald Pirkheimer , durch den Albrecht immer mehr in Patrizierkreise gerät und wissenschaftliche Interessen verfolgt, die nach Agnes'Meinung einem "Handwerker" nicht anstehen. Albrecht ist jedoch von der Idee besessen, mathematische Regeln für die Gliederung und Abbildung des menschlichen Körpers zu finden...
Im Laufe der Jahre gelangen die Dürers zu großem Wohlstand, sehen sich aber durch das Vorantreiben der Reformation auch großen gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber.
Die Autorin hat das Leben des Ehepaares Dürer genau recherchiert und schreibt sehr anschaulich: der Leser kann sowohl die Beschwernisse des Reisens als auch die Angst vor der Allgegenwart tödlicher Krankheiten gut nachvollziehen. Über die Entstehung der äußerst zahlreichen und verschiedenartigen Kunstwerke Dürers gibt es eine Fülle von Informationen. Ich hätte sehr gern Abbildungen der wichtigsten Kunstwerke im Buch gehabt, musste mich aber mit einem nebenbei betrachteten Bildband begnügen.
Stattdessen bietet das Buch jedoch eine "Nachbemerkung" der Autorin, in der sie erläutert, dass die gemeinsame Venedigreise des Paares nicht historisch verbürgt ist, warum sie aber nach der Quellenlage davon ausgeht, dass Agnes bei der ersten Venedigreise ihres Mannes (1494/1495) mit gefahren sein könnte.
Sehr hilfreich finde ich auch die Zeittafel hinten im Buch, die sich nicht nur auf das Leben der Dürerfamilie beschränkt, sondern auch zeitgeschichtliche Ereignisse berücksichtigt. Schließlich enthält der Roman auch noch eine recht umfangreiche Auswahlbibliographie zur Familie Dürer sowie zu den Lebensumständen der Zeit.
Mir hat dieser biographische Roman einen unterhaltsameren und informativeren Zugang zu Albrecht Dürers Kunst und Zeit gewährt, als es ein entsprechendes Sachbuch gekonnt hätte. Ich vergebe eine Leseempfehlung (nicht nur) für Kunstinteressenten.