Hamed Abdel-Samad wurde in einem kleinen Dorf südlich von Kairo als Sohn eines Imam geboren. Seine tief religiöse Erziehung dient vor allem dem Zweck, dass er eines Tages das geistliche Amt des Vaters übernehmen sollte. Nach einem Fremdsprachenstudium in Kairo reist er, dreiundzwanzigjährig, 1995 zum weiteren Studium nach Deutschland, wo er heute als Historiker tätig ist.
Besonders im Zusammenhang mit seinem nachfolgenden Werk, Der Untergang der islamischen Welt (2010), kann Mein Abschied vom Himmel als Beitrag zu der intensiven öffentlichen Islamdiskussion gelesen werden, die gegenwärtig in den deutschen Medien geführt wird. Heute sieht sich Abdel-Samad als Muslim der sich ,,vom Glauben zum Wissen' gewandt hat, aber schon seine frühe Kindheit und Jugend waren mit ernsten Problemen befrachtet, für deren Überwindung seine religiöse Erziehung ihm keinerlei Handhabe oder Trost bot. Gewalt und körperliche Züchtigung -- auch die seiner Mutter durch den Vater -- gehörten in seinem Elternhaus zum Alltag. Dies, sowohl wie die Rituale seiner eigenen Beschneidung und der genitalen Verstümmelung seiner Schwester beschreibt der Autor in schonungsloser Offenheit, desgleichen das Trauma seiner eigenen Vergewaltigung, die ein fünfzehnjähriger Kairoer Mechanikerlehrling an dem Vierjährigen verübt hat. In der Rückschau schreibt der nunmehr fünfunddreißigjährige Hochschuldozent: ,,Das Leben der Stadt ging weiter, als sei nichts geschehen, als wären nicht gestern einem Kind alle Hoffnungen und Träume mit einer glühenden Zange aus dem Leib gerissen worden.' (S. 94).
Sowohl das soziale Umfeld auf dem Dorf als auch die verwirrenden Lebensverhältnisse der Studenten in Kairo weisen chaotische Züge auf und bieten dem jungen Hamed weder inneren Halt noch eine politische Heimat. Er kokettiert zeitweise mit der Muslimbruderschaft, dann wieder mit den Kommunisten, der ,,Muslimbruderschaft ohne Gott', wie er schreibt. Kritiklos macht er sich den Judenhass der ägyptischen Medien zu eigen. Obwohl ihm auch deren Hassliebe gegenüber dem Westen nicht fremd ist, bewirbt er sich mit Erfolg um ein Studentenvisum für Deutschland.
Seine Integration gestaltet sich schwieriger als er erwartet hatte. Es kommt zunächst zu einer Zweckehe mit einer Frau, die er in Ägypten als Touristin kennengelernt hat. Zeitweise betrachtet er sein Gastland mit den kritischen Augen vieler anderer radikalisierter Muslime, während er gleichzeitig die eigene Heimat und Religion idealisiert. Diese ungelösten Spannungen führen zu akuten köerperlichen und seelischen Krankheitszuständen.
Um seine japanischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen, entschließt er sich, ein Studienjahr in Japan zu verbringen. Dort begegnet er in Connie einer jungen Frau dänisch-japanischer Herkunft, ,,die Liebe [meines] Lebens', die ihm einen vertieften Einblick in die japanische Kultur und Religion vermittelt. Er vergleicht schintoistisches Denken mit seiner eigenen Religion: ,,Wenn der Japaner den Tempel verlässt, verfolgen ihn diese Götter nicht mit Verboten und Geboten. Der Mensch bringt die Götter zum Leben, nicht umgekehrt. Ein faszinierender Gedanke' (Seite 246).
Wie sein Verhältnis zu den meisten Frauen gestaltet sich auch die Beziehung zu Connie, obgleich sie später in eine Ehe mündet, vielschichtig und problematisch.
Der allmähliche Glaubensverlust des Autors wird auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung immer wieder erneut thematisiert und zu erklären versucht. Dennoch entschloss sich Abdel-Samad, das Werk zunächst in Ägypten zu veröffentlichen, wenn auch als ,,Roman'. Es fand große Beachtung, aber auch heftige Kritik und wurde von islamischer Seite mit einer Fatwa belegt. Der Autor lebt heute in München unter Polizeischutz.
Es gehört Mut dazu, sein Innerstes so schonungslos preiszugeben; aber Hamed Abdel-Samad bietet dem deutschen Publikum damit einen authentischen, ganz persönlichen Bericht der schwierigen Reise eines Muslimen nach Westen, wie sie sich heute tausendfach vor unseren Augen abspielt.