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Mehr als ein Leben
 
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Mehr als ein Leben [Gebundene Ausgabe]

Richard W. Sonnenfeldt
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (13 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Biografien aus der NS-Zeit gibt es inzwischen unüberschaubar viele. Aber ein jüdischer Deutscher, der rückblickend froh ist, von Hitler aus seiner Heimat vertrieben worden zu sein, ist ungewöhnlich: "Mein Leben ist wesentlich besser verlaufen, als es jemals hätte sein können, wenn ich als arischer Junge in Gardelegen aufgewachsen wäre." In Gardelegen, einem kleinen Ort im Sachsen-Anhaltinischen, wird Richard als ältester Sohn einer angesehenen Arztfamilie geboren und merkt erst einige Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, was es nun heißt, in dieser Gesellschaft als Jude zu leben. Seine Eltern planen rechtzeitig die Auswanderung nach Amerika. Während sie auf ein Visum warten, kommen Richard und sein jüngerer Bruder auf ein englisches Internat.

Mit dem Kriegsausbruch beginnt für den 16-Jährigen eine unfreiwillige Weltreise: Von den Briten interniert, wird er mit einem Gefängnisschiff, das nur sehr knapp deutschen U-Boot-Torpedos entgeht, nach Australien in ein Gefangenenlager in der Wüste geschickt, bald darauf aber freigelassen. Über Indien gelangt er schließlich in die USA, wo seine Eltern ihn erwarten. Als US-Soldat kehrt er kurz vor Kriegsende nach Deutschland zurück. Durch Zufall wird er Dolmetscher bei den Verhören vor den Nürnberger Prozessen und sitzt nun Nazigrößen wie Göring, Höß oder Heß Auge in Auge gegenüber.

Mehr als ein Leben erzählt von den verrückten Launen des Schicksals in einer schwierigen Zeit, aber auch davon, wie es Menschen mit Mut gelingt, sich in den unterschiedlichsten Situationen zurecht zu finden. Richard W. Sonnenfeldt erzählt sehr lebendig von seinem geglückten Emigranten-Leben, aber auch davon, wie er als alter Mann in sein Heimatdorf zurückkehrt, ohne Groll auf die Deutschen, weil er weiß: "Es ist so leicht zu behaupten, man hätte nicht in den vergifteten Apfel gebissen, wenn er einem nie angeboten worden ist." --Christian Stahl

Kurzbeschreibung

Richard Sonnenfeldt gehört zu den wenigen jüdischen Menschen, die Hitlers Führungsmannschaft persönlich kennen gelernt haben. Als 23-Jähriger arbeitete er als Chefdolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Er verhörte angeklagte Nazi-Größen wie Göring, Höß und viele andere.
Sonnenfeldt, 1923 im sachsen-anhaltinischen Gardelegen geboren, flüchtete mit 15 Jahren nach England. Nach Ausbruch des Krieges deportierten ihn die Engländer zusammen mit Nazi-Gefangenen nach Australien. Nach vielen weiteren Umwegen landete er 1941 schließlich in den USA. Er kehrte als amerikanischer Soldat nach Europa zurück, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Fast 60 Jahre später erzählt der heute 80-Jährige aus seinem bewegten Leben.

Über den Autor

Richard W. Sonnenfeldt, geboren 1923 in Gardelegen, machte nach dem Krieg in den USA eine glänzende Karriere als Elektroingenieur. Er war maßgeblich an der Erfindung des Farbfernsehens und der Videodisk beteiligt. Seinen 75. Geburtstag feierte er auf seinem Segelboot während seiner dritten Atlantiküberquerung. Richard Sonnenfeldt lebt mit seiner Frau in Port Washington, Long Island, in der Nähe seiner Kinder und 15 Enkelkinder. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Auszug aus Mehr als ein Leben von Richard W. Sonnenfeldt, Theda Krohm-Linke, Theda Krohm- Linke. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Als wir in Folkestone ankamen, beherrschte ich noch nicht einmal hundert Wörter auf Englisch. Meine Zunge war außerdem auch noch nicht an das englische "Arrr" gewöhnt, das von nun an das deutsche "R" ersetzte. Und dann gab es noch das leidige Problem mit dein englischen "W", für das es in Deutschland keine Entsprechung gibt.
Von Folkestone aus nahmen wir den Zug nach Faversham in Kent, wo wir in einen Regionalzug umstiegen. Die Züge hatten gepolsterte Sitze, keine Holzbänke, wie in der dritten Klasse in Deutschland. Die Waggons waren hellgrün und glänzend schwarz gestrichen, genau wie die Lokomotive, die ganz anders aussah als die rußigen deutschen Lokomotiven. An den Seiten und um den Schornstein herum hatte sie sogar goldene Streifen, die Griffe an den Türen waren aus Messing. Es war ein richtig fröhlicher Zug. Erstaunt betrachtete ich die parkähnliche Landschaft, durch die wir fuhren. Alles sah so ganz anders aus als die öden Kartoffel-, Roggen- und Spargelfelder in Gardelegen. Die englischen Kühe waren braunweiß und viel dicker als die schwarzweißen Kühe, die ich kannte. Schafe und Ziegen grasten auf den Weiden und auf ordentlich mit Hecken eingefassten Koppeln galoppierten Pferde. Die Bahnhöfe waren sauber, manche sogar mit Blumen geschmückt. Ich kam mir vor wie in den Ferien. 1938 war das ländliche Kent eine hübsche Gegend mit seinen grünen Wiesen und den weiß verputzten Steinhäusern, die von hohen Hecken umgeben waren. Am ersten Tag meiner neuen Freiheit in England zogen weiße Schäfchenwolken über den blauen Morgenhimmel. Ich hatte das Gefühl, in einer neuen Welt angekommen zu sein.
Ein Fahrer, der mit einem Akzent sprach, den ich später als "Kent" zu identifizieren lernte, holte uns ab und brachte uns zur New Herrlingen School in Bunce Court in Otterden, in der Nähe von Lenham. Die gewundenen, von hohen Hecken eingerahmten Straßen hatten weiße und gelbe Mittelstreifen. Wir hielten vor einem großen dreistöckigen Herrenhaus mit vielen Fenstern, Dutzenden von Kaminen und einem hübschen Rosengarten davor. Das war das Haupthaus der Schule.
Einjunge in meinem Alter brachte mich zu einer strohgedeckten Hütte mit zwei Zimmern. Daneben stand auf der einen Seite das Stromhäuschen, auf der anderen Seite wohnte der Chauffeur. Früher waren hier bestimmt die Dienstbotenquartiere gewesen. In unserer Hütte waren vier Jungen untergebracht, und ich teilte das Zimmer mit Gaby Adler, einem deutschen jungen, der schon seit einigen Jahren auf der Schule war und fließend Englisch sprach. Das andere Zimmer belegten Peter Morley und noch ein Junge. Die Unterbringung war zwar primitiv, aber wir waren für uns. Mein Bruder bekam ein Bett im Schlafsaal zugewiesen, der sich im Haupthaus befand. Die jüngeren Schüler wurden von einer Lehrerin und ihrem Mann, der in der Schreinerwerkstatt arbeitete, betreut.
Obwohl ich mich noch lebhaft daran erinnere, wie mein Vater beim Abschied auf dem Bahnhof in Gardelegen geweint hat, weiß ich kaum noch, ob ich meiner Mutter in England überhaupt auf Wiedersehen gesagt habe. Ich war immer noch böse auf sie, weil sie im Zug so auf mir herumgehackt hatte. Jedenfalls war ich froh, endlich frei und allein zu sein, und außerdem ging ich sowieso davon aus, dass ich meine Eltern bald in Amerika wiedersehen würde.
In England erschloss sich mir eine neue Welt. Bei uns daheim in Preußen galten osteuropäische Länder als unterlegen, Frankreich als schmutzig, Österreich konnte man nicht trauen, Italien war unzuverlässig und Amerika weich und verwöhnt, aber die Engländer wurden mit Bewunderung betrachtet. Vielleicht lag das ja daran, dass Deutschland nie einen Krieg gegen England gewonnen hatte, England hingegen nicht nur die Franzosen und die Spanier besiegt hatte, sondern auch an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg beteiligt gewesen war. 1938 war Großbritannien immer noch ein Weltreich, etwas, was Deutschland immer angestrebt, aber nie erreicht hatte. Und jetzt war ich in dem Land, das zu bewundern und zu respektieren man mir beigebracht hatte.
Ich musste vieles lernen und ebenso viel vergessen. Zahlreiche Schüler an der New Herrlingen School waren vor den Nazis geflüchtet, wie mein Bruder und ich. Es gab allerdings auch Kinder, deren Eltern geschieden waren, ein paar englische Jungen und Mädchen und ein paar wenige Tschechoslowaken und Polen. Einige der Schüler waren 1934 gekommen, als Bunce Court eröffnet wurde. Zwar sprachen sogar die englischen Kinder deutsch, aber die offizielle Schulsprache war Englisch, und auch der gesamte Unterricht fand auf Englisch statt. Ich weiß noch, dass ich ungefähr acht Wochen lang kaum den Mund aufbekam, aber dann erzählte mir mein Zimmergenosse Gaby, dass ich im Schlaffließend Englisch gesprochen hätte. Er forderte mich auf, es auch einmal in wachem Zustand zu versuchen, und ich war erstaunt, wie gut es funktionierte. In den nächsten sechs Monaten wurde mein Englisch immer besser, und bald mochte ich die Sprache lieber als das Deutsche mit seinen endlosen Sätzen und seiner komplizierten Grammatik. Im Englischen kam man viel schneller auf den Punkt. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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