Reemtsmas Büchlein versucht, den Stil Muhammad Alis anhand seines vermutlich besten Kampfes, dem dritten Aufeinandertreffen mit Joe Frazier 1975, zu beschreiben. Daß für ein derartiges Unterfangen eine Einbeziehung zumindest seiner zehn, fünfzehn wichtigsten Kämpfe notwendig wäre, bedarf keiner näheren Erläuterung. Reemtsma beschränkt sich dennoch auf den 'Thrilla in Manila', da er in seinen Augen all das, was man an Muhammad Ali studieren kann, in sich vereint. Zwar bezieht er sich hin und wieder auf andere Ali-Kämpfe, doch werden sie eher als empirisches Zusatzmaterial zur Untermauerung derjenigen Thesen, die anhand Ali-Frazier III herausgearbeitet werden, behandelt - nicht jedoch als antithetisches Material, um Aussagen hinsichtlich dieses Kampfs zu relativieren.
Die Stärken des Buchs liegen im genauen Studium Alis Vorgehensweise in Manila, auch wenn Reemtsmas Aufarbeitung einiger wesentlicher Erkenntnisse ein wenig oberflächlich bleibt - so etwa der (nicht erwähnte) Umstand, daß Ali davon ausging, daß Frazier nach den Niederlagen gegen Foreman (1973) und ihn selbst (1974) mehr oder weniger erledigt sei und es eine Frage von sieben, acht Runden sei, bis Frazier k.o. gehe. Wie sehr Ali seinen Gegner unterschätzte, ist bereits vor Jahren von Ferdie Pacheco (Alis Arzt) und Angelo Dundee (seinem Trainer) bestätigt worden. Dennoch muß dem Autor zugute gehalten werden, daß er sich ernsthaft bemüht, den Boxer (nicht den Menschen) Muhammad Ali zu erklären. Seine Ausführungen zu Alis Schlagtechnik, Haltung, Bewegungsablauf und geistiger Flexibilität im Ring sind höchst lesenswert und werden durch ein nicht minder aufschlußreiches Kapitel allgemeingültiger Erkenntnisse über das Boxen bereichert, die Reemtsma aus seiner Hausdisziplin, der Soziologie, heraus entwickelt.
Ein wenig nachteilig wirkt sich Reemtsmas Ignoranz der hervorragenden Kommentare der amerikanischen Boxjournalisten aus, etwa Bob Sheridans in Kinshasa oder Don Dunphys in Manila. Um ein Beispiel zu nennen: Reemtsma erwähnt, daß 'wenigstens' dem amerikanischen Kommentator (der Videokassette, nämlich Bob Sheridan) in Kinshasa während der achten Runde aufgefallen sei, daß es Alis Taktik sein könne, Foreman sich müde schlagen zu lassen. Nun, das hatte Ko-Kommentator Frazier bereits nach der dritten Runde bemerkt, John Daly (einer der Organisatoren) nach der vierten und Jim Brown (Football-Legende und ebenfalls Ko-Kommentator in Kinshasa) nach der fünften. Was Manila betrifft, so hatte Dunphy Ken Norton als Ko-Kommentator zur Seite, und seine Ansichten sind in jeder Hinsicht bemerkenswert. Darüber hinaus fehlt dem Buch eine genaue Analyse des Übergangs von der zehnten zur elften Runde, d.h. jener Pause, in der Ali bemerkte, so nahe sei er dem Tod noch nie gewesen. Der Wandel von dieser Feststellung zur Dominanz der darauffolgenden Runden läßt sich evtl. anhand Alis Durchhaltevermögen, seinem Überlegenheitsgefühl und seiner völligen Identifizierung mit dem Weltmeistertitel beschreiben, nicht jedoch hinreichend erklären. Dazu bedürfte es mehr Hintergundmaterials hinsichtlichs Alis Auffassung über seine Rolle als sozialer Punkt, an dem die Energien von Millionen Menschen zusammenlaufen sowie seine Überzeugung, daß nicht er selbst, sondern Allah sein Handeln bestimme. An dieser Stelle muß ein Autor mit Professorentitel tiefer graben als einer mit Redakteursausbildung.
Darüber hinaus kann man sich nur wundern, daß selbst Reemtsma nicht in der Lage ist, "jab" korrekt als "linke Gerade" zu übersetzen sowie keinerlei Einblicke in die gerade aus soziologischer Sicht hochinteressante Rolle Alis im Zusammenhang mit den Frazier-Kämpfen zu liefern, sprich: Alis Versuch, sich als Sprecher der Schwarzen auszugeben und Frazier ("so ugly, his face should be donated to the Bureau of Wildlife") als 'Onkel Tom', als servilen Dummbeutel hinzustellen, ihn mit der herrschenden weißen Klasse zu identifizieren und als widerwärtigen Gorilla zu verunglimpfen ("it's gonna be a killa / and a chilla / and a thrilla / when I get the gorilla / in Manila").
Kurzum, Ali-Frazier III erweist sich als ein Thema, dem Reemtsma nicht vorbehaltlos gewachsen ist. Daß man das Buch dennoch lesen und weiterempfehlen sollte, beruht in erster Linie darauf, daß Reemtsma nicht glorifiziert und ernsthaft bemüht ist, diesen einen Kampf in Manila Runde für Runde zu erklären. Daß er dabei meist in deskriptive Bemerkungen abgleitet, muß seiner Faszination für etwas, das er letztlich ohne analytische Distanz bewundert, zugeschrieben werden.