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Lebenswerte jenseits des Ökonomischen, 6. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Megaphilosophie. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie. (Taschenbuch)
Ab und zu fahren wir nach Regensburg zu dem Philosophen Dr. Joachim Koch, der dort mit der Künstlerin Lara Bandilla (und mit seinen zwei Kindern) in der Galerie "Stranamente" in der Altstadt nahe der Donau lebt. Aufgefallen war er uns zunächst durch sein genial nüchternes Buch "MEGAPHILOSOPHIEN". Dort untersucht er (stilistisch streckenweise durchaus vielleicht sogar selbst-ironisch) "IDEOLOGIE-FLOPS", jene "vom Klassenkampf zum Klasseweib" oder die "von der Revolution zur verkehrsberuhigten Zone" oder jene "von der sozialistischen zur kulinarischen Internationalen". Er wirft einen kritischen Blick Richtung USA: "Allan Bloom warnte in seiner Streitschrift CLOSING THE AMERICAN MIND vor dem Nihilismus der deutschen Philosophie, deren Einfluss auf das intellektuelle und moralische Klima der amerikanischen Gesellschaft bedenklich sei... verkaufte Auflage: 500.000 Exemplare." Obwohl Joachim Kochs Buch in andere Sprachen übersetzt wurde (so zum Beispiel in das für mich unleserliche Koreanisch) war sein Buch bisher deshalb in den USA nicht der TOP-Renner. Vielleicht sind unsere amerikanischen Freunde wirklich allmählich immun für Beeinflussungen jenseits des Ölgeschäfts und der blinden Gläubigkeit. Aber in Deutschland sieht es nicht unbedingt enorm besser aus. Denn der WÄHLERAUFTRAG (und hier greift unser Gedanken-Koch als Würz-Zutat auf Hans Magnus Enzensberger zurück) ist durch "die Institute der Listenwahl und des Fraktionszwangs praktisch abgeschafft". "Die WERBUNG prägt die Kultur, nicht die Kultur die Werbung." "Die Ökonomie ist nicht nur angetreten, die Rolle der Politik zu übernehmen, sondern an der Seite der Psychologie auch zur maßgeblichen Definitionsmacht geworden. Sie gibt vor, wie der Alltag auszusehen habe." Das RELIGIÖSE kam als das variierte "Irrationale in Mode und mit ihm Bachblüten, Capra, Castaneda, Esoterik, Ethnologie, i ging, Indianer, Papalagi, Poona, Tarot." Was hilft uns aus diesem fast analphabetischen Sumpf? "Der Künstler", notiert Koch, "ist der Gegenentwurf zur Politik. Er wählt die Selbstinszenierung, fern des Alltags und des Banalen. Er lebt ohne Rücksicht. Er ist Ästhet." Nun, ein Philosoph immer auch, möchte man hinzufügen. Und wenn ein Philosoph und eine Künstlerin zusammenleben (egal ob in Regens- oder Hamburg, in Rom oder Köln), verdoppelt sich diese Energie in die Richtung der Erkenntnis, dass Glück nicht unbedingt am Stand von Auflagenzahl und Bankkonto ablesbar ist. "Zum Künstler kann noch werden, wer ein Quantum Schizophrenie beherrscht. Bedroht ist: das Neue, das seit jeher Zeit braucht. Zeit, es zu schaffen. Zeit, verstanden und genutzt zu werden." Nun wir wollen hoffen, dass jene, die einer jahrtausende alten Menschheitstradition sich entsinnen, nämlich dem Recht auf lebensphilosophische Nachdenklichkeit und künstlerisches Zusammenfassen von Erlebnishorizonten, - dass diese Menschen nicht schizophren werden müssen unter dem Diktat des Ökonomischen. Joachim Koch ist übrigens keinesfalls ein Marxist. So schreibt er "falsch war es zu glauben, die verlorene Gemeinschaft sei gerettet, sobald sie hoheitlich verordnet werde. Die Anamnese war präzis, die Therapie falsch und der Patient am Ende tot." Nein, Koch möchte nur für ein gesunderes Gleichgewicht kämpfen zwischen Humanität und Wirtschaftlichkeit, Firmen-Image und Sozial-Verantwortung, zwischen dem Aussehen des Bank-Kontos und seelischer Unversehrtheit. "Seit jeher steht die Schuldfrage unter dem Diktat der Megaphilosophien. Sie ist nicht unabhängig von Aspekten der Macht, sondern im Gegenteil eines ihrer maßgeblichen Machtmittel," schreibt Koch und wieder stehen wir am Scheideweg: Wer hat Schuld: die Gewerkschaften mit unverschämten Lohnforderungen oder die "heuschreckenhaften" (Müntefering), rücksichtslosen Aktionäre? Die krank Werdenden oder jene, die Kürzungen im Gesundheitsbereich fordern? "Wenn alles zur Ware wird, warum sollte da der Mensch sich noch auf sein Menschsein berufen dürfen? Er muss sich halt genauso verscherbeln, wie dies andere mit Semmeln tun." Krankheit wird zum bloßen Kostenfaktor, sich verlängernde Lebenszeit ebenfalls - wann hat es eine Kultur gegeben, in welcher der Wert des Lebens völlig vom Horizont eines Taschenrechners einkreisbar war? Aber Joachim Koch, der auch als philosophischer Therapeut und als Image-Berater für die Industrie arbeitet, - er schöpft auch Hoffnung aus anderen, sich vermehrenden Anzeichen: "Man sagt, die Arbeit habe sich von der Kraft über den Verstand der Kreativität zugewandt; gewissermaßen vom Bücken zum Stehen zum Sitzen." Ich wünsche ihm und seiner Frau Lara Bandilla ein Leben im Sitzen. Und den LeserInnen seines Buches auch.
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ein megaphilosophisches vergnügen ..., 12. September 2002
mir gefiel das buch von dr. joachim koch so gut, dass ich mir sofort einen kochbuch-zettelkasten angelegt habe: A - Anfangsgedanke - "Die Ökonomie ist nicht nur angetreten, die Rolle der Politik zu übernehmen, sondern an der Seite der Psychologie auch zur maßgeblichen Definitionsmacht geworden. Sie gibt vor, wie der Alltag auszusehen habe." (10) B - Bredouille - KANT: "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen." (202, 152, 66) C - Claqueure - "Ohne Zustimmung oder Tolerierung konnte sich noch keine Megaphilosophie etablieren." (178, 200) D - Demoskopie - "Sie studieren Wählerschicht-Analysen der Demoskopen, um herauszufinden, welchen Wählern sich am leichtesten nachlaufen lasse." (180) E - Ethik - "Ein Ethiker macht sich Gedanken darüber, was an Ungerechtigkeiten passiert, wenn eine Torte verteilt wird." (221) u.s.w. ein megaphilosophisches vergnügen, muss ich sagen, ist es, sich mit diesem buch zu beschäftigen!
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