Zum Roman:
Schon während seines letzten Tages an der Universität bemerkt Christopher, dass es ihn zum Meer zieht. Ein tragischer Unfall seiner Eltern bringt ihn nun auch dazu, seinen Job an der Universität aufzugeben und zurück nach Isle of Sky zu ziehen, um seine Schwester nicht im Stich zu lassen und sich um sie zu kümmern. Dort nach Arbeit suchend lernt er im biologischen Institut die Tiefseeexpertin Maya kennen. Neben seiner Liebe zu ihr und seiner Fürsorge seiner Schwester gegenüber merkt er jedoch, dass das Meer immer wieder und jedes Mal stärker nach ihm ruft. Und auch, dass sein Körper sich auf sonderbare Weise zu verändern beginnt. Schlussendlich muss sich Christopher entscheiden, wohin seine Seele gehört: Zu seiner Geliebten Maya oder zu seiner Liebe, dem Meer...
Fazit:
"Denke daran, dass wir dazu bestimmt sind,
Seelen ins Meer zu locken.
Wer uns liebt, liebt den Tod,
Wer uns begehrt, begehrt seinen eigenen Untergang."
Gelesen habe ich den Roman am Meer in Italien, sodass dies wahrscheinlich auch auf die Empfindungen, die mit dem Lesen der Lektüre einhergehen, Auswirkungen zeigt. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wo ich mit meiner Lobeshymne über diesen Roman ansetzen soll.
"Er war wie die See in der Nacht. Man sah den Glanz der Oberfläche, aber die Tiefe darunter blieb den Augen verborgen."
Christopher, der Protagonist der Geschichte, ist ein sehr vielschichtiger Charakter. Einerseits klar gezeichnet, schafft die Autorin es, ihm immer etwas Verzweiflung anhaften zu lassen, all seinen Gedanken und Handlungen eine Bedeutung beizumessen, als ob nichts ohne Grund gedacht, nichts ohne Grund getan würde. Abgesehen von seiner außerordentlich symphatischen Erscheinung dem Leser gegenüber, wird der innere Konflikt, den Christopher während der Geschichte mit sich selbst und seiner Sehnsucht zum Meer austrägt, atemberaubend dargestellt. Die innere Zerrissenheit, sowie seine Gedankengänge, die damit einhergehen, wirken unglaublich nah und authentisch, sodass man sich mit ihm in einer Zwickmühle der Gefühle und des Für und Widers wiederfindet.
"Wir hörten beide bei unserem ersten Atemzug das Geräusch der Wellen, sagte sie.
Unser ganzes Leben ist davon erfüllt. Als wären sie unser Herzschlag. Und wenn sie aufhören, hören auch wir auf."
Auch Maya, neben Christopher ebenfalls Protagonistin in der Geschichte erfährt eine unglaublich vielfältige Zeichnung. Ihre Entwicklung innerhalb der geschichtlichen Ereignisse lassen sie in vielen verschiedenen Facetten darstellen, die sie ebenso zu einem sympathischen Charakter werden lassen. Auch sie hat schwer mit den inneren Konflikten Christophers zu kämpfen den ihre Angst um ihn und ihr Verständnis für seine Sehnsucht zum Meer fordern auch von ihr einen seelischen Tribut.
"Wie konnte er seine Empfindungen mit Worten beschreiben, die nicht dafür geschaffen waren, dergleichen zu erfassen?"
Neben der großen Detailarbeit, die der Geschichte inne wohnt und nicht nur den Charakteren und ihrer Zeichnung, sondern auch der Umgebung und vor allem der Beschreibung des Meeres anheftet, glänzt auch der Plot als solches; Klischees werden geschickt umgangen oder neu umwoben, sodass etwas völlig neues entsteht und dem Leser eine neue Sichtweise auf so manche Ereignisse verleiht.
"Die Welt löste sich auf ... und entstand neu...
...schwerelos schwebte sie in die Tiefe. Sah nichts außer dem Mond, der hoch über ihr durch das Wasser schimmerte, mit den Wellen zerfließend und tanzend. Sie trieb dahin. Gedankenlos, zeitlos. Eine Strömung umgarnte ihren Körper. Gab ihr das Gefühl, als wäre sie ein Kind und läge in einer Wiege. Sie wusste nicht, warum sie hier war, woher sie kam oder wie viel Zeit vergangen war. Jahrtausende hätten vorbeifließen können. Es war gleichgültig. Sie trieb dahin im Meer des Vergessens, und über ihr wanderten die Sterne mit ihr durch die Ewigkeit."
Womit ich auf etwas ganz besonderes hinweisen möchte, ist die unglaublich feinfühlige und poetische Sprache, die den Leser wie die Wellen des Meeres durch den Roman trägt und ihn auf den verschiedenen Hürden trägt und als treuer Begleiter zur Seite steht. Selten habe ich eine so kunstvolle Sprachgestaltung bei einem Roman genießen dürfen. Der Sprachstil ist nicht einfach nur fließend und schön zu lesen, sondern auch eine reine Wohltat für das eigene Leseempfinden. Auch hier hat man das Gefühl, auf den Wogen des Meeres zu schweben und sich ganz dem Meer und dessen Treiben hingeben zu können.
"Sterblicher Erdenwurm, was hast du mir zu sagen? Woher nimmst du dir das Recht, meine Wellen mit deinem Schiff zu zerschneiden und meine Kinder zu töten? In die Tiefe will ich's ziehen, hinab zum Meeresgrund. Nähren sollst du die Fische mit deinem Fleisch und Blut. Höre, Mensch, ich bin die See. Nie wirst du mich bezwingen."
Was mir außerdem besonders gut gefallen hat, dass in der Geschichte auch sozialkritisch die Meeresausbeute der Menschen behandelt wird. Wie wir uns an dem Schönen und Lebendigeen des Meeres bereichern und nur Tod und Verwüstung zurücklassen - und das Meer stirbt. Erschreckend offen werden dem Leser die Ausbeute der Meere und die (hoffentlich nicht gänzlich) nutzlosen Versuch von Menschen, die sich für den Erhalt und den Schutz des Meeres und deren Lebewesen einsetzen, dargestellt. Und auch die Machtgier wird hier deutlich in Form einiger Einzelhandlungen einiger Nebencharaktere kritisiert, ebenso wie die Sensationslüsternheit der Menschheit in allen Einzelheiten offen zur Schau gestellt wird.
Ich muss sagen, nach dem Buch habe ich keine Meeresfürchte im Restaurant mehr angefassen.
Insgesamt betrachtet muss man sagen, dass Britta Strauss es geschafft hat, mit ihrem Roman eine unglaublich einfühlsame Geschichte zu erzählen, die auf der schmalen Gradlinie zwischen Melancholie und Traurigkeit, sowie Freude & Hoffnung, als auch Liebe und Hoffnungslosigkeit den Leser in eine unglaublich poetische Geschichte entführt, jedoch auch sozialkritische Punkte aufweist, die den Leser nicht nur mit einem Gefühl der Vollkommenheit angesichts der Geschichte zurücklässt, sondern auch zum Nachdenken bringt (und damit hoffentlich dem Ein oder anderen vor Augen führt, das die Welt, in der wir Leben, auch seine Schattenseiten birgt).
Ein Wort zum Cover:
Wie immer einfach nur wunderschön und atemberaubend. Dieses Blau in den unterschiedlichsten Tönen spieglt die vielen Seiten des Meeres auf wunderbare Weise wieder, und wie die Autorin selbst mich auch darauf aufmerksam gemacht hat, hat man am Buchrücken das Gefühl, als würde man Tauchen - denn das Blau gleitet von hell auf dunkel nieder. Unglaublich toller Effekt. Zur Schriftgestaltung brauche ich nichts zu sagen, außer wie immer ebenfalls wunderschön.
Volle 5/5 Sternen von mir für diesen atemberaubend, einfühlsamen Roman, der in meinen Augen einer der besten ist, die ich dieses Jahr lesen durfte.