"Meere" ist nicht nur ein leidenschaftlicher Liebesroman, in dem die Protagonisten an ihrer tragischen Obsession scheitern, sondern auch ein Buch, das an dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnert.Die Hauptgestalt, der Künstler Fichte alias Kalkreuth, erfindet sich als Person neu, um den Traumata einer Kindheit und Jugend zu entfliehen, die ihn in Eins mit seinem Großvater, einem Kriegsverbrecher, setzen wollten. "Du wirst", drohte der Lehrer einst vor lachender Klasse, auch einmal aufgehängt wie dein Großvater, Kalkreuth." Von dieser Drohung gejagt, wird aus dem eingeschüchterten Julian von Kalkreuth der selbstbewusste, manische Künstler Fichte. Neuerfindung, Flucht ins Modell,in Stilisierung ist auch für Irene, Tochter eines Asylanten, die Fremde, einzige Möglichkeit sozial zu überleben. Und so rasen zwei aufeinander zu, hoffnungslos miteinander verstrickt, die ihr selbstentworfenes ICH vor dem Anderen zu retten suchen. Im Roman, grammatisch perfekt,leiht sich der Erzähler autobiographische Fakten aus der Jugend des Autors Alban Nikolai Herbst, mit dem der Protagonist - ähnlich wie in der Novelle "Vergana" (Alban Herbst: Die Niedertracht der Musik, Verlag Tisch 7) - im Verlauf des Romanes scheinbar zu verschmelzen beginnt. Alban Nikolai Herbst, eigentlich Alexander v. Ribbentrop, legt mit "Meere" einen Roman vor, in dem der familiäre geschichtliche Background beider Protagonisten, konfliktreiche Künstlerprobleme und der verzweifelte Eros eine unheilbringende intensive Trinität miteinander eingehen. Die sprachliche Meisterschaft des Autors und die den Roman durchziehende Motive stellen "Meere" gleichwertig an die Seite bedeutender Liebes- und Künstlerromane des XX. Jahrhunderts.