Da machte sich ja selbst der geneigte Hörer so seine Gedanken, als er dann endlich das langersehnte neue Werk des wunderlichen isländischen Workaholics endlich in die Anlage schob und gespannt war auf das, was es jetzt auf die Ohren geben würde. In der Fachpresse wurde man ja ausreichend vorgewarnt, daß Björk hier nochmal eine Schippe drauflege, einen Schritt weiter ginge als sonst. Allzu schwierig und far out sei sie diesmal gelandet, mit ihren vokalakrobatischen Nicht-Songs.
Nun, sicherlich. Aber weiter als einst Radiohead mit dem Klassiker ‚Kid A' wagt sich Björk hier auch nicht raus - alles halb so wild also. Das wichtigste kann man gleich bei den ersten Momenten des Openers festhalten: Björk bleibt Björk. Unverkennbar natürlich die Stimme, der verkopfte Gesang jenseits des Taktes, die typische Intonation und das doch recht stark akzentuierte Englisch. Wobei sie sich diesmal auch an eine isländische Weise traut - lange her, daß wir Frau Gudmundsdottir in ihrer Muttersprache trällern hören durften.
Jedenfalls ist ‚Medúlla' ein Hammer von einem Album. Ein schwerer Brocken, zweifelsohne, aber die locker dahinpluckernden Eigentlich-Noch-Pop-Nummern sind spätestens seit ‚Post' ohnehin passé. Fast schon ein Konzeptalbum, liegt die Stimme, und was man so alles mit ihr machen kann, im Fokus. Und w a s man damit so alles machen kann, wird hier eindruckvoll gezeigt! Provokant könnte man sagen, daß das hier ‚Homogenic' nur mit Stimmen wäre, was natürlich maßlos übertreiben aber nicht so völlig unwahr wäre.
Wer braucht Geigen oder gar ein Orchester, wenn der ‚London Choir' in ‚Oceania' Tonleitern in atemberaubender Geschwindigkeit hoch- und runterkiekst und ansonsten der obligatorische Island-Chor das Musikerensemble mehr als gleichwertig ersetzt? Wer braucht einen Drum-Computer, wenn Roots-Mann Rahzel als menschliche Beatbox fungiert?
Neben den Stimmen ist hier die Stille das wichtigste Stilmittel. Das ist mal eine Platte, die man tatsächlich auf CD haben sollte. Diese sterile, rauschfreie Stille scheint nicht nur zwischen den Stücken zu bestehen, sondern in ihnen selber irgendwie parallel zu laufen. Das ist der zweite große Schnitt speziell im Vergleich zu ‚Vespertine' wo es ständig irgendwo knisterte und pluckerte.
Faszienierend bis zuletzt reiht sich Stück an Stück, und der willige Hörer wird von den stimmlich entfachten Wogen verschluckt, versinkt in diesem Stück großartiger, in neue und doch vertraute Bereiche vorstoßende Musik. Hier nicht die 45 Minuten am Stück zuzuhören, wäre bei nur wenigen Alben unverzeihlicher.
Highlights lassen sich dennoch ausmachen; das düstere ‚Where Is The Line' etwa, daß sich mit klasse Beats und dissonantem Grusel-Chor durch die Ohren in den Kopf bohrt. Oder die ziemlich fetzige Schlußnummer ‚Triumph Of A Heart' - eigentlich ein Club-Song, nur eben ohne Plastik-Beats aus dem Computer, quasi ‚handgemacht'. Schließlich als Höhepunkt ‚Who Is It', fast Pop, fast eingängig, fast ein Hit - wunderschön und doch meilenweit neben der Spur, wie der Rest der Platte. Doch wie gesagt, ‚Medúlla' sollte man sich besser am Stück geben, auch wenn's manchmal schwerfällt. Das spannendste Buch ist nicht auf jeder Seite ein Hammer - aber wer liest quer, wenn das Buch dermaßen gut ist?