Medizin für Heilpädagogen: Bücher mit diesem Versprechen im Titel lassen vielleicht die Darstellung eines Sammelsuriums von Krankheitsbildern erwarten, die an sonderpädagogischen Förderorten vorzufinden sind - unter bemühtem Verzicht auf allzu viele medizinische Fachbegriffe, da nicht erwartet wird, dass diese den Pädagogen geläufig sind. Und man fühlt sich als Leser immer ein bisschen klein und unwissend, wenn man dieses Bemühen bemerkt.
Dieser Karikatur entspricht das Buch von Thomas Hülshoff, Mediziner und Hochschullehrer an der Kath. Fachhochschule Münster, nun in keiner Weise.
Unerwartet - aber sehr nützlich - ist die Gliederung, die sich, nach Kapiteln über neurophysiologische und sozialmedizinische Grundlagen, an den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten orientiert. Jedes der Kapitel "Basale Wahrnehmungsfunktionen", "Auditive Wahrnehmung", "Visuelle Wahrnehmung", "Motorik", "Sprache", "Kognitive Fähigkeiten" und "Emotionen"" ist untergliedert in "Grundlagen", "Entwicklung", "Störungen" und "Heilpädagogische Herausforderungen" und schließt mit Übungsfragen und Hinweisen auf weiterführende Literatur.
Piktogramme und Stichworte in einer Marginalienspalte, typographisch abgesetzte Beispiele und Begriffsklärungen und ein Sachregister unterstreichen den Charakter eines Lehr- und Nachschlagewerkes, das nicht (nur) darauf angelegt ist, durchgehend gelesen zu werden.
Es geht dem Autor gewiss nicht darum, anatomisches Detailwissen auszubreiten oder jede nur denkbare Behinderungsform zu erwähnen, wichtiger ist ihm vielmehr, in gut lesbarer, aber sprachlich angemessener Weise - der eine oder andere Fachbegriff darf ruhig vorkommen - die lebendigen Prozesse und ihre möglichen Störungen nachvollziehbar zu machen, die dem Sehen, dem Hören, der Motorik usw. zugrunde liegen.
"Überdies mein Sohn, lass dich warnen! Das viele Bücher machen nimmt kein Ende, und vieles Studieren ermüdet den Leib."
Die Souveränität, mit der Hülshoff diesen Verweis auf Kohelet 12,12 seinem ansehnlichen Literaturverzeichnis voranstellt, zeigt sich in der ganzen Anlage des Buches. Er versucht nicht, das Terrain der Medizin abzugrenzen, sondern medizinische Aspekte in die interdisziplinäre Zusammenschau der Problematiken von Menschen mit Behinderungen einzubringen. Als Beispiel sei hier nur auf die Skizzierung des Konzepts der "basalen Stimulation" hingewiesen, in der pädagogische, pflegewissenschaftliche und medizinische Gesichtspunkte ineinander fließen.
Es ist nicht sehr gewagt vorauszusagen, dass dieses Buch zu einem Standardwerk in der heil- bzw. sonderpädagogischen Ausbildung werden wird. Ein Standardwerk sollte man allerdings öfter zur Hand nehmen können, doch leider machten sich bereits bei der ersten Lesephase einige Seiten selbständig - eine bessere buchbinderische Verarbeitung wäre wünschenswert!