Es klingt verwegen, was auf dem Umschlag des Buchs Medizin für die Bildung" steht: Was kann die Bildung von der Medizin lernen ? ... Damit unsere Kinder gut durch die Schule kommen, sollten wir nicht auf politische Reformen hoffen, sondern auf das Wissen über Lernen und Lernerfolg setzen ... In diesem provozierenden und zugleich ermutigenden Buch geht es um nichts weniger als eine neue Sicht von Bildung. Nicht Leistungsziele und Wissenskanons sind gefragt, sondern die Förderung von Neugier und der Lust am Lernen."
Mit einer lebendigen Bildersprache formuliert der Psychiater Manfred Spitzer, was er sich im deutschen Bildungssystem wünscht. Nach der Beschreibung verschiedener Pflanzen schreibt er: Für Pflanzen gibt es keine beste Umgebung, denn diese hängt ganz von den genetisch festgelegten Eigenschaften der Pflanze ab. Ganz entsprechend sind auch Menschen verschieden, auch Schüler." Deshalb spricht er sich ganz deutlich für Heterogenität und Individualität im deutschen Bildungswesen aus. Wer gut unterrichte, der fördere jeden nach dessen Begabungen und Möglichkeiten und bewirke, dass aus unterschiedlichen Potentialen auch wirkliche Unterschiede würden. Spitzer spricht aber auch einige Warnungen aus, wie zum Abschluss: Ein System, das die Menschen gängelt, das Lehrende und Lernende als Befehlsempfänger begreift, das Zwang ausübt statt Freiheit gewährt, das Reformen von oben diktiert, statt sie von unten zuzulassen, bringt keine kreativen, selbstbewussten, kritischen, motivierten und zeitlebens bildungshungrigen wie bildungsfähigen Menschen hervor, sondern Rädchen in grossen Getrieben, Büro-und Technokraten, Unselbständigkeit und Unfähigkeit zur Verantwortungsübernahme, und Angst vor Veränderung statt Aufgeschlossenheit für Neues."
Als Neurowissenschaftler und Lernforscher beschäftigt sich Spitzer mit vielen Fragen um die Bildung. Er thematisiert die Motivation und Neugier genauso wie Emotionen und Persönlichkeitsbildung. Er diskutiert Selbstbild und Leistungsbereitschaft. Dem Leser verlangt er Konzentration und Aufmerksamkeit, aber auch die Freude an wissenschaftlichem Denken ab. Wer sich darauf einlässt, für denjenigen ist die Lektüre des Buchs Medizin für die Bildung" ein grosser Gewinn.
Für die Lehrer wünscht sich Spitzer nicht nur, dass sie ihren Beruf begeistert wahrnehmen. Spitzer schlägt beispielsweise vor, dass regelmässige Unterrichtsbesuche an Schulen der Normalfall werden. Es dürfe nicht um Kontrolle, sondern um Unterstützung gehen. In diesem Kontext zeigt er Analogien zum medizinischen Beruf zwischen Assistenz-und Oberarzt: Dieses in der Medizin längst übliche Arrangement sollte auch an Schulen zur Regel werden. Nur so kann sich eine Kultur der Diskussion über eigene Erfahrungen, eine erfolgreiche Weitergabe dessen, was funktioniert und damit eine konstruktive kritische Atmosphäre bei der Reflexion des Verhaltens des Lernenden einstellen. Ganz nebenbei sorgen die jungen Lehrer für die Aktualisierung des Wissens ihrer älteren Kollegen, halten sie mit ihren Fragen und Problemen auf Trab."
Es ist nicht nur die dialektische Grundhaltung, mit der das deutsche Bildungssystem positive Impulse erhalten könnte und die der Psychiater Manfred Spitzer vorschlägt. Es sind viele Ideen aus der Feder des Mediziners aus Ulm, die in deutsche Amtsstuben, Schulen und Elternhäuser gehören. Die Verantwortung ist viel zu gross, die für die Jungen der Gesellschaft getragen werden muss.