Medizinethik ist etwas für "Nach-Denker", die sich dann erst Gedanken machen, wenn die neuen Gegebenheiten schon da und die schwierigen Probleme bereits entstanden sind. Dabei hat es vieles von dem, was uns heute beschäftigt oder belastet, vor einigen Jahren oder Jahrzehnten überhaupt noch nicht gegeben. Schließlich ist es sehr "modisch" und findet überall Beifall, wenn man sich immer wieder und zu allen Gelegenheiten entsprechend äußert und jede Tagung mit einem medizinethischen Essay schmückt. All das erklärt die Inflation medizinethischer Bücher, Artikel oder Symposien.
Daher ist es ebenso wohltuend wie verdienstvoll von der "edition suhrkamp", ein Buch vorzulegen, in dem zu allen wesentlichen Problemen auf den Gebieten der Medizinethik Stellung bezogen wird. Mit Prof. Höffe ist ein höchst kompetenter Experte gewonnen worden, der uns sehr verständlich, ja: spannend und ebenso umfassend wie detailliert informiert. Die Schwerpunkte reichen von der Biomedizin zur Menschenwürde, von Fragen der Moral zur Ressourcenverknappung, von der Embryonenforschung zum "Sterbenlernen". Dabei werden auch ganz praktische Ratschläge formuliert, etwa, wenn im Text über ein sinnerfülltes Leben gesprochen wird und darüber, wie wichtig für uns alle mehr Gelassenheit und Besonnenheit wäre.
Mir imponieren immer wieder die klaren und fast einprägsamen Formulierungen, von denen ich hier nur ein Beispiel zitieren möchte: "Wie alle Menschen dürfen sich auch die Ärzte gelegentlich irren; ein Recht auf mangelnde Sorgfalt haben sie aber nicht!"
Drei Dinge zum Schluß: 1. Dies Büchlein sollte Pflichtlektüre sein, und zwar nicht nur für Medizinstudenten, sondern für jeden, der sich um kranke Menschen bemüht. 2. Wir streichen das Fragezeichen im Buchtitel, denn Medizin ist ohne Ethik nicht denkbar. Und 3.: Dank an Autor und Verlag!