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Medizin ohne Ethik? (edition suhrkamp)
 
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Medizin ohne Ethik? (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Otfried Höffe
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 272 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (22. Juli 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518122452
  • ISBN-13: 978-3518122457
  • Größe und/oder Gewicht: 18,1 x 10,9 x 1,9 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Otfried Höffe
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Kardinaltugenden in der Medizin
Otfried Höffe erweitert das ärztliche Ethos
Medizin ohne Ethik? – Natürlich ist die im Titel des Buches gestellte Frage rhetorisch gemeint: Otfried Höffe votiert für eine Medizin mit Ethik, genauer: mit einer auf Grundsatzfragen bezogenen Ethik, bei der, so die These, auch die vielfach des Aufenthalts im Wolkenkuckucksheim gescholtene Philosophie ein Wörtchen mitzureden habe. Höffe konstatiert eingangs, dass im Zeitalter der modernen Biomedizin das «medizinische Ethos» nicht mehr ausreiche. Dieses medizinische Ethos wende allgemein gültige moralische Grundsätze (Notleidenden helfen; keinesfalls schädigen; Selbstbestimmung anerkennen) auf die besondere Aufgabe von Ärzten, Pflegepersonal und Forschern an. Laut Höffe bleibt dieses Ethos auch weiterhin gültig. Es reiche jedoch nicht aus: «Mehr als nur eines ärztlichen oder medizinischen Ethos, tatsächlich einer veritablen Ethik bedarf die Medizin deshalb, weil sie mit neuen, sogar grundlegend neuartigen Entscheidungen konfrontiert wird.» Für Höffe besteht der Kern der medizinischen Ethik in einem zweistufigen «sittlich-politischen» Diskurs. Der erste richte sich auf die Grundfragen und gebe ihnen «die Richtung, vielleicht sogar die Regeln vor»; er habe einen «quasi gesetzgebenden und nicht selten, beispielsweise bei der verbrauchenden Embryonenforschung, insofern sogar tatsächlich gesetzgebenden Charakter, als er die Gesetzgebung argumentativ vorbereitet, begleitet und kommentiert». In diesem Diskurs, so die Empfehlung Höffes, solle die Philosophie «judikativ» tätig werden, d. h. eine «richterliche Kritik» vorbringen und sich bei der moralischen Bewertung alle Möglichkeiten offen halten: «für eine volle Rechtfertigung, für eine begrenzte Erlaubnis und für ein vollständiges Verbot» des Infragestehenden. Der zweite «sittlich-politische» Diskurs der medizinischen Ethik richte sich auf konkrete Anwendungsfragen. Diesen Diskurs habe der für den jeweiligen Fall zuständige Arzt zu führen, «gelegentlich klugerweise im Gespräch mit Juristen oder auch Philosophen». Doch angesichts der neuartigen Entscheidungsaufgaben ist laut Höffe noch mehr notwendig, und zwar eine Erweiterung des medizinischen Ethos um Grundeinstellungen, die «früher als Kardinaltugenden bekannt waren, da sich um sie alles andere dreht, denn cardo heisst Türangel». Das aus der Antike bekannte Quartett der Kardinaltugenden – Besonnenheit, Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit bzw. Zivilcourage – sei dabei um eine fünfte Haltung zu erweitern, um die Gelassenheit. Bevor auf konkrete Problemfelder eingegangen wird, entfalten zwei Kapitel noch Grundlegendes: Zunächst wird unter der Überschrift «Moralische Grundsätze für freie Bürger» für eine säkulare, interkulturelle und «topische» Argumentation im ethischen Diskurs plädiert, wobei «topisch» mit Bezug auf Aristoteles so verstanden wird, dass sich die Argumentation «so weit wie möglich auf unstrittige Grundsätze» der Moral berufen solle. Ein solcher Grundsatz, genauer: ein grundsätzliches Prinzip für den Diskurs, ist laut dem dritten Kapitel das «Prinzip Menschenwürde». Es sei kein «höchstes Denkprinzip», wohl aber ein «höchstes Moral- und Rechtsprinzip». Im vierten Kapitel wird die Frage gestellt, ob die «verbrauchende Embryonenforschung», die Forschung mit Stammzellen, die aus sogenannten «Frühembryonen», die sich noch nicht eingenistet haben, gewonnen werden, gegen die Menschenwürde verstosse. Die Antwort fällt eindeutig aus: «Weil der Frühembryo nicht irgendein Zellhaufen, sondern ein Wesen ist, das das Entwicklungsprogramm zum Menschen schon vollständig in sich trägt, weil menschliches Leben sich nicht etwa zum Menschen, sondern als Mensch entwickelt, verdient der Frühembryo den Lebensschutz und mit ihm den Rechtfertigungsgrund des Lebensschutzes, die menschliche Würde.» In weiteren Kapiteln bezieht Höffe konkret zu aktuellen medizinethischen Fragen Stellung. In Anbetracht des mangelnden «Pönalisierungserfolges» und der besonderen Konstellation von Frau und Fötus akzeptiert er, dass der Schwangerschaftsabbruch nach «notlagenorientierter Beratung» vom Gesetzgeber in Deutschland als «rechtswidrig, aber straffrei» gewertet wird. In einer Zeit der knappen Ressourcen mahnt Höffe des Weiteren einen besonnenen und gerechten Einsatz dieser Mittel auch im Bereich der Medizin an. Der Philosoph gibt sich in diesem Zusammenhang allerdings (und zu Recht!) bescheiden: «Nur auf Grund empirischer Überlegungen können Anreize zur Kostenersparnis im Gesundheitswesen gefunden und gegeben werden . . .» Besonders am Herzen liegt Höffe eine «gerontologische Ethik». Dabei erinnert er an das «aufgeklärte Selbstinteresse» der gegenwärtig Jungen an einer solchen Ethik ebenso wie an das Prinzip der «Tauschgerechtigkeit» über Generationen hinweg. Als «goldene Regel» der «gerontologischen Ethik» wird daher formuliert: «Was du als Kind nicht willst, dass man dir tu', das füg auch keinem Älteren zu», oder positiv gewendet: «Behandle hilfsbedürftig gewordene ältere Menschen so, wie du als Kind und Jugendlicher von den Erwachsenen behandelt werden wolltest!» – All dies und sehr viel mehr ist wohltuend sachlich und mit wünschenswerter Deutlichkeit formuliert. Es ist nicht nur für Ärzte und Philosophen gewinnbringend zu lesen.

Udo Benzenhöfer

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Die Zeit, 09.01.2003
Besonders in den bioethischen Reflexionen mag Thomas Assheuer Ottfried Höffes neuem Buch gerne folgen. Wohlwollend paraphrasiert er Höffes Forderung nach einer doppelten Skepsis, sowohl gegenüber jenen Biopropheten, die sich von der Stammzellforschung das größte Heil versprechen, als auch gegenüber den Apokalyptikern, die die Gentechnik grundsätzlich ablehnen. Höffe plädiert dabei nach Assheuer gegen eine verbrauchende Embryonenforschung - schon der Zweizeller ist demnach als menschliches Leben zu betrachten, das auch in der Hoffnung auf medizinische Fortschritte nicht geopfert werden darf. Weniger überzeugt ist Assheuer von Höffes Versuch, eine neue, an Sokrates angelehnte Ethik des Sterbenlernens zu empfehlen. Assheuer findet diesen Versuch schon deshalb absurd, weil die Grenzen zwischen Leben und Tod mit den Fortschritten der Medizin immer stärker verwischen. Auch die Kritik am deutschen Gesundheitssystem und Höffes Vorschlag , nur mehr eine Grundversorgung zu finanzieren, während zusätzliche Leistungen freiwillig versichert sein sollten, mag Assheuer nicht nachvollziehen.

© Perlentaucher Medien GmbH

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Format:Taschenbuch
Medizinethik ist etwas für "Nach-Denker", die sich dann erst Gedanken machen, wenn die neuen Gegebenheiten schon da und die schwierigen Probleme bereits entstanden sind. Dabei hat es vieles von dem, was uns heute beschäftigt oder belastet, vor einigen Jahren oder Jahrzehnten überhaupt noch nicht gegeben. Schließlich ist es sehr "modisch" und findet überall Beifall, wenn man sich immer wieder und zu allen Gelegenheiten entsprechend äußert und jede Tagung mit einem medizinethischen Essay schmückt. All das erklärt die Inflation medizinethischer Bücher, Artikel oder Symposien.
Daher ist es ebenso wohltuend wie verdienstvoll von der "edition suhrkamp", ein Buch vorzulegen, in dem zu allen wesentlichen Problemen auf den Gebieten der Medizinethik Stellung bezogen wird. Mit Prof. Höffe ist ein höchst kompetenter Experte gewonnen worden, der uns sehr verständlich, ja: spannend und ebenso umfassend wie detailliert informiert. Die Schwerpunkte reichen von der Biomedizin zur Menschenwürde, von Fragen der Moral zur Ressourcenverknappung, von der Embryonenforschung zum "Sterbenlernen". Dabei werden auch ganz praktische Ratschläge formuliert, etwa, wenn im Text über ein sinnerfülltes Leben gesprochen wird und darüber, wie wichtig für uns alle mehr Gelassenheit und Besonnenheit wäre.
Mir imponieren immer wieder die klaren und fast einprägsamen Formulierungen, von denen ich hier nur ein Beispiel zitieren möchte: "Wie alle Menschen dürfen sich auch die Ärzte gelegentlich irren; ein Recht auf mangelnde Sorgfalt haben sie aber nicht!"
Drei Dinge zum Schluß: 1. Dies Büchlein sollte Pflichtlektüre sein, und zwar nicht nur für Medizinstudenten, sondern für jeden, der sich um kranke Menschen bemüht. 2. Wir streichen das Fragezeichen im Buchtitel, denn Medizin ist ohne Ethik nicht denkbar. Und 3.: Dank an Autor und Verlag!
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