Trotz allem Lob ist bei diesem Buch und seinem Partnervolumen "Tudor Costume and Fashion" Vorsicht angebracht. Auf den ersten Blick bestechen beide durch reiche, auch einige farbige Illustrationen. Dabei ist aber unbedingt zu beachten, dass es sich fast durchweg **nicht** um Originale aus der Zeit (also Stiche, Miniaturen etc.) handelt, sondern vom Autor selbst anhand dieser Vorlagen in modernem Stil nachgemalte, (bunte) Bilderchen. Somit sind sämtliche Vorlagen für den historisch interessierten Leser / Schneider / Kostümgeschichtler oder -bildner eigentlich unbrauchbar, da Mr Norris bei den farbigen Abbildungen manchmal eine etwas überschwengliche Farbgebung wählt und nicht alles immer zu 100% historisch korrekt wiedergegeben wird. Bei den schwarz/weiß Illustrationen ergibt sich das Problem, dass mit den teils ungenauen Quellenangaben nicht genau nachvollzogen werden kann, *woher* nun das nachgezeichnete Bild stammt; so dass man, wenn es sich nicht gerade um ein Bild mit Wiedererkennungswert beispielsweise aus dem Codex Manesse handelt, schon fragt: Wo, wann, was und wie wurde das so getragen?
An und für sich ist es ein schöner Ansatz, alte Bilder mal in modernem "Gewand" zu präsentieren, aber dann sollte auch auf historische Korrektheit geachtet werden, denn der Schaden den man mit so einem Buch auch anrichten kann ist nicht unbeträchtlich (ich denke jetzt an diverse kostümtechnische Totalausfälle auf hiesigen Mittelaltermärkten; allerdings ist mir Ähnliches auch schon bei an sich "seriösen" Anlässen - Museumsveranstaltungen usw. - aufgefallen). Natürlich ist an all dem nicht alleine dieses Buch schuld, aber Werke wie dieses tragen eben zur allgemeinen Miskonzeption über mittelalterliche Mode bei.
Dazu kommt, dass der Text manchmal alles andere als wissenschaftlich fundiert ist und Mr Norris sehr oft vergißt oder umgeht, seine Quellen zu nennen. Somit sieht sich der Leser mit dem Problem konfrontiert, die angebotene Information entweder zu schlucken oder es halt sein zu lassen.
Überdies ist das komplette Problem dieser Kostümbücher, dass sie halt schon von 1923 sind und - trotz allem löblichen Ansatz - mehrfach umkonzipiert wurden. So sollten speziell der Mittelalter- und Tudor-Band in je zwei Bänden erscheinen; diese hat man früh schon in einem Band zusammengefasst und diesen Band später wiederum auf zwei aufgeteilt, nur um ihn jetzt wieder in je einem Volumen aufzulegen. Dies resultiert in teils abenteuerlichen Querverweisen: Das Kapitel über Schleier beginnt auf Seite 176, continued on page 223, dort dann ein vierzeiliger Absatz und "continued on page xy". Das macht das Lesen etwas anstrengend.
Zudem sind die Informationen fast schon *zu* umfangreich. Es soll um "Fashion" gehen, und dann finden sich Infos über Tafelsitten, Jagd, Besteck, Geschirr, Tapisserien...denen gegenüber die eigentlichen Infos über "Fashion" dann teilweise zu kurz kommen.
Andererseits hat das Buch dann doch wieder interessante Stellen, z.B. einen sehr guten Kurzabriss über mittelalterliche Heraldik oder eine Anleitung für kompliziertere Flechtfrisuren.
Wer aber vollständig ausgereifte Schnittmuster oder Vorlagen erwartet, sollte schlußendlich hier komplett die Finger weg lassen, denn so etwas wird nicht geboten - da greife man für die Tudor-Zeit lieber zu den "Patterns of Fashion" von Kostüm-Ikone Janet Arnold oder zu "The Tudor Tailor".
Alles in allem sind beide Bücher nette Bilderbücher zum durchblättern und Inspiration holen; bevor man irgendetwas aber rein nach Angaben in diesem Buch näht oder herstellt, sollte man sich unbedingt noch woanders Rat holen!