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Deutsche Zensurpraxis - denn auch in dem freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland wird Zensur als notwendig erachtet - wird in all seinen albernen Ausprägungen vorgestellt und analysiert. Da wir jeder Problembereich angerissen: Film, Comic, Buch, Computerspiel, ...
Es wird aber auch darauf eingegangen, wann Zensur sinnvoll sein kann. Das Verbot von Kinderpornographie und die Probleme des Neo-Faschismus sind solche Felder. Nie wird das Buch Seims auch nur ein wenig polemisch oder machte es sich leicht.
"Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen" ist wahrlich nicht gerade billig. Rund 30 Euro. Aber es ist sicherlich auch kein Buch, dass Massenauflagen erleben wird. Der Normalbürger interessiert sich nur äußerst wenig für dieses Thema. Auch eine erschreckende Erkenntnis aus diesem rundum gelungenen Buch.
Über Zensur läßt sich auch schnell unsachlich und polemisch schreiben...
Aber über Zensur läßt sich auch wissenschaftlich akribisch, präzise und objektiv schreiben. Das zumindest beweist das vorliegende Buch von Dr. Roland Seim auf eindrucksvolle Art und Weise.
Der anerkannte Soziologe und Kunsthistoriker, dessen Buch "Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen" zugleich seine Dissertation darstellt, konnte sich als "Zensurforscher" profilieren und gilt seitdem als eine der Autoritäten auf diesem Gebiet.
Die mit "magna cum laude" bewertete Dissertation beginnt zunächst mit einer allgemeinen Einleitung, gefolgt von einer Darstellung der relevanten soziologischen Begrifflichkeiten wie "Macht", "Herrschaft" und eben "Zensur".
Nach einem historischen Abriß und der Darstellung der rechtlichen Ebene, also insbesondere der Gesetze, die dem Staat die Legitimation zu repressiven Maßnahmen wie z.B. Totalverboten verleihen, werden die in Deutschland anzutreffenden Institutionen vorgestellt, die (oft gerne als "Sittenwächter" tituliert) über die Medien wachen und eine Kontrolle ausüben, die zwar nicht den klassischen Zensurbegriff erfüllt, aber faktisch dennoch eine vergleichbare Form darstellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang besonders die Vollständigkeit der Aufzählung. Neben den verhältnismäßig berühmten/berüchtigten Behörden wie der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften existieren noch weitere Einrichtungen, die nicht nur einen weitaus geringeren Bekanntheitsgrad besitzen, sondern durch den Einsatz ihrer besonderen Instrumente oft auch weit subtiler und somit "unerkannter" vorgehen als es z.B. ein Gericht durch den Erlaß einer umstrittenen und extremen Maßnahme wie einer Beschlagnahmung machen kann. Das Buch betrachtet auch diese Methoden sehr kritisch und diskutiert dabei auch die Frage, inwieweit eine indirekte Beeinflussung der Herausgeber bestimmter Medienobjekte als Zensur anzusehen ist.
Gut die Hälfte des Buches widmet sich dann der konkreten Fallebene. Es werden Beispiele aus sämtlichen Bereichen der deutschen Kultur(geschichte) gebracht, die teils amüsieren und teils schockieren. Es wird dabei nicht versäumt, auch durchaus kritische Themen anzuschneiden, bei denen bestimmte Formen der Zensur durchaus angebracht erscheinen. Das eine absolute Freiheit der Medien nicht wünschenswert ist, darüber besteht kein Zweifel. Es ist aber dennoch nicht einfach, eine klare Abgrenzung vornehmen zu können. Die Strafbarkeit von Kinderpornographie ist unstrittig, aber wie sieht es mit rechts- oder linksextremen Schriften aus? Wo endet die politische Meinungsfreiheit und wo beginnt die Straffälligkeit?
Abgerundet wird das sehr umfangreiche Werk dann durch eine kurze Schilderung der Zensurpraktiken in anderen Ländern. So ähnlich sich die demokratischen Industrienationen in vielerlei Beziehung auch sein mögen, so unterschiedlich sind oft die Auffassungen über das, was dem "Normalbürger" zugemutet werden kann und was nicht.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Autor es verstanden hat, ein neues Standardwerk über die Medienzensur in Deutschland zu schreiben. Mit bewundernswerter Fach- und Sachkenntnis wurde ein Aspekt der deutschen Kultur durchleuchtet, der sich als erstaunlich diffus und nahezu allgegenwärtig herausstellt. Das Buch vermittelt dem Leser dabei nie den Eindruck, es wolle ihn beeinflussen oder in eine bestimmte Denkweise drängen. Es dient vielmehr als Lehrbuch, indem es dem Leser die Informationen liefert, die er benötigt, um sich selber eine eigene fundierte Meinung bilden zu können, ohne dafür auf die mitunter sehr einseitige Berichterstattung der Massenmedien Fernsehen und Boulevardpresse zurückgreifen zu müssen.
Es sei abschließend noch erwähnt, daß das Buch stellenweise keine "leicht verdauliche" Kost darstellt. Aufgrund des Umfangs und des wissenschaftlichen Schreibstils sollte man schon ein tiefgreifenderes Interesse an dem Thema haben und den Willen mitbringen, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. Wer diesen Anspruch allerdings erfüllt, wird sich einem Werk konfrontiert sehen, das man als "Zensurbibel" schätzen lernen wird und das trotz des wissenschaftlichen Hintergrunds äußerst flüssig und angenehm zu lesen ist.
Um es in Anlehnung an einen bekannten Spielfilm zu summieren: "Was Sie schon immer über Zensur wissen wollten, aber sich bisher nie zu fragen trauten?" - Hier finden Sie es, garantiert!
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