Als einen Versuch im Stadium präformaler Theorie darüber, was man aus Sicht der Publizistik und Kommunikationswissenschaften unter Medienökonomie verstehen könnte, präsentiert Marie Luise Kiefer ihr neuestes Werk. Der Titel "Medienökonomik" soll dabei die von ihr eingeforderte Übernahme anschaulich für den Nichtökonomen dargestellter ökonomischer Instrumentarien und Theorieansätze verdeutlichen, die für die Untersuchung der Medien herangezogen werden müssen. Denn als soziale Institutionen sind sie insbesondere in ihrer privatwirtschaftlich organisierten Form gleichsam in ein ganzes System von ökonomischen Beziehungen eingebettet. Was sich alleine schon an dem enormen volkswirtschaftlichen Beitrag der Medien in Gesellschaften westlichen Typs ablesen lasse. Grundlegende Theoreme, wie Markt, homo oeconomicus, methodologischer Individualismus, et al werden von der Wiener Privatdozentin aus dem neoklassischen Vakuum der Wirtschaftswälzer gelöst und explizit für eine Betrachtung der Medien gangbar gemacht, wobei gerade der stringente Lehrbuchcharakter angloamerikanischen Stils, der sich auch in den hilfreichen kontinuierlichen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels zeigt, für Studierende und Wirtschaftslaien ein großes Plus darstellen durfte. Kiefer gelingt es bereits bei dieser mehr oder minder Vorstellung zentraler Momente der Ökonomie aufs Vortrefflichste, die Damen & Herren Ökonomen, aber auch die Kommunikationswissenschaftler aufs Glatteis zu führen: zeigt sich doch, daß die, die am lautesten für den deregulierten und liberalisierten Mark plädieren, am wenigsten dessen plötzliches Versagen und nicht steuerbare externe Effekte, insbedonsere im Bereich der seltsamen Kuppelprodukte Medien, erklären können. Und die, die für journalistische und publizistische Normen plädieren, von der realen ökonomischen Situation der Medien rein gar nichts verstehen und nichts verstehen wollen. Von ganz speziellem Interesse für eine Medienökonomie als neu zu formierende Disziplin der Publizistik und Kommunikationswissenschaften seien deshalb die Ansätze der Neuen Politischen Ökonomie. Diese versuchen freilich zunächst aus den Basiskonzepten der neoklassischen Ökonomie heraus gesellschaftliche Institutionen zu analysieren. Der große Unterschied zu ihrer Mutterdisziplin liegt indes darin, daß sie die Notwendigkeit expliziter Bewertung ihrer Befunde vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ziele betonen, und diese sozialen und politischen Gegebenheiten in ihren Untersuchungen berücksichtigen. Unter dem alleinigen Maßstab markttransparenter Effizienz und des methodologischen Individualismus alleine können Medien hingegen nicht ausreichend analysiert werden. Von der Kreation einer weiteren zahnlosen "Bindestrich-Ökonomie" ist Kiefers Medienökonomik weit entfernt. Vielmehr könne diese unter systematischen Rückgriff auf die Instumente der Ökonomie auf den Ebenen gesellschaftlichen Entscheidens wesentliche Ergänzungen leisten, die die Publizistik und Kommunikationswissenschaft bislang versäumt hat. Da bei einer so gearteten neuen Medienökonomik letztlich medien- und somit auch wirtschafts- und gesellschaftspoltische Fragen im Zentrum stehen, entsteht für Medienökonomen eine zu sytematisierende beraterische Bringschuld gegenüber Politik und Gesellschaft. Das klingt zugegebenermaßen ein bißchen zu sehr nach Platon und seine Forderung nach den Philosophenkönigen. Dennoch lohnt es sich, am Ideal der Vision festzuhalten. Daran vermag auch nicht die trostlose Situation in puncto Lehre der Medienökonomie an den deutschsprachigen Hochschulen, die Kiefer im Detail am Ende ihres Buches aufzeigt, etwas zu ändern. Macht sie doch eines überdeutlich: es gibt viele, die sich auf ihre Art und Weise mit Medienökonomie beschäftigen. Nur leider gibt es bis jetzt keine solche.
Kiefers Buch und die Werke ihrer Schüler (insbesondere ist hier Christian Steininger zu nennen) werden eines Tages zu den Klassikern des Faches Medienökonomie zählen.