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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Freunde, Familie und Erinnerungen,
Von Heike Geilen (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen (HALL OF FAME REZENSENT) (TOP 100 REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Medicine River (Gebundene Ausgabe)
- Ein komplexer Roman der Moderne über Identitätssuche der "Native Americans" - der Indianer Kanadas -
Ob in Literatur, Spielfilm, Werbung oder in der Wissenschaft: Die westlich-europäische Gesellschaft ist geprägt von einem bestimmten Klischee der amerikanischen Ureinwohner. In unseren Köpfen herrschen immer noch die Bilder von vor hundert Jahren: Indianer mit Federn auf dem Kopf, mit Mokassins an den Füßen und dem Tomahawk in der Hand. In seinem bereits 1990 geschriebenen und nun erstmals auf Deutsch erschienenen Roman "Medicine River", der mehrere Auszeichnungen erhielt und 1993 verfilmt wurde, porträtiert der Wahlkanadier Thomas King das Leben in einer Kleinstadt nahe einem Blackfoot-Reservat im Westen Kanadas. Das Buch des Autors - Sohn eines Cherokee und einer griechischstämmigen Mutter - bewegt sich wohltuend jenseits aller Klischees und Sentimentalitäten. Auch wenn seine Protagonisten Indianer sind, so könnten sie genauso gut Weiße sein. Es gibt Intrigen und Klatsch, Spekulationen, dumme Streiche und jede Menge liebenswerter und lustiger Charaktere wie überall im täglichen Leben und typisch für eine kleine Gemeinde jeder Nation. Der Icherzähler Will - ein Fotograf und "Halbblut" (weißer Vater, indianische Mutter) - ist gleichzeitig Hauptfigur des Romans. Nach zwanzig Jahren Abwesendheit kehrt er zur Beerdigung seiner Mutter an den Ort seiner Kindheit zurück - nach Medicine River. Doch was nur als kurzer Besuch geplant war, stellt sich letztendlich als einschneidender Lebensabschnitt heraus. "Schuld" trägt der Indianer Harlen Bigbear, den Will bei der Begräbnisfeierlichkeit kennenlernt und der ständig damit beschäftigt ist, das Leben anderer Leute zu regeln - ob sie das nun wollen oder nicht. Und so nimmt er in Zukunft auch bei Will den aktiven Part ein, der sich in seiner etwas passiven "Lebensresignation" und selbst auferlegten Einsamkeit eingerichtet zu haben scheint. All seine gezielten Aktivitäten tragen unbewusst zu Wills langsamer erneuter Annäherung an seine indianische Kultur und seine entfremdeten Wurzeln bei. "Medicine River" ist gestrickt aus einer Reihe von lose aneinandergereihten Zwischenfällen, die über einen Zeitraum von ca. zwei Jahren in der Gegenwart spielen. Diese Ereignisse sind überschnitten mit Rückblenden auf Wills Vergangenheit, die King virtuos in sein Romankonstrukt einzuflechten weiß. Der "rote Faden" geht dabei niemals verloren. Im Gegenteil, diese Erinnerungen offenbaren stets eine gewisse Parallelität zur Gegenwart und treiben deren Handlung geradezu voran. Dieser "rote Faden" kennzeichnet gleichzeitig die Suche Wills nach seiner individuellen Identität. Thomas King gelingt dies durch den Einsatz der fünf Sinne, die langsam das Gedächtnis seines Protagonisten neu erkunden. Erinnerungen an gefühlte, gehörte, gustatorische, olfaktorische und vor allem visuelle Eindrücke durchziehen meisterhaft den ganzen Roman und zeigen, wie sich Wills eigene Identität langsam formt, zusammenfügt und festigt. Das leise, unaufdringliche und unspektakuläre Buch, geschrieben in einer unprätentiösen und einfachen Sprache, offenbart seinen wahren Charakter erst zwischen den Zeilen. Ruhig und sanft gleitet die Handlung dahin, immer wieder unterbrochen durch Rückblicke in die Vergangenheit. Die Menschen die Will während seines endgültigen Sesshaftwerdens in seiner alten neuen Heimatstadt begleiten sind liebevoll, doch mit ironischer Distanz und herrlich trockenem Humor gezeichnet. In "Medicine River" erwartet den Leser keine Wild-West-Action, keine federgeschmückten Indianerhäuptlinge, keine Fährtensucher und auch keine überschwängliche Sozialkritik, sondern ein behutsames Offenlegen der heutigen Sichtweise und Lebenseinstellungen dieser Menschen, ihren Umgang miteinander, Freund- und Feindschaften sowie jede Menge Familiengeschichten und Liebesepisoden. Auf einen Satz reduziert: Ein Buch über alltägliche Identitätssuche und -wahrnehmung. Den ruhigen, mit leisem Humor durchzogenen Stil Thomas Kings hat Cornelia Panzacchi wunderbar ins Deutsche übertragen. Fazit: King erforscht den Sinn und die Bedeutung hinter Fotos und Erinnerungen. Ein hintergründig-anspruchsvoller, ironischer und raffiniert konstruierter Roman, der überzeugend von den komplizierten Mechanismen indianischen Lebens im Heute berichtet. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Leben mit Coyote,
Rezension bezieht sich auf: Medicine River (Gebundene Ausgabe)
Thomas King schreibt wieder einen sehr lesbaren Roman über Vergangenheit und Gegenwart der Native People (Blackfoot in Kanada), sehr kunstvoll, aber nicht künstlich, verwoben, aber nicht verworren. Wie in "Wenn Coyote tanzt" gibt es wunderbare Dialoge und unerwartete Wendungen. Was ich leider vermissen musste, war das laute Lachen, das "Coyote" teilweise bei mir auslöste und das ich hier auch wieder erwartet hatte (daher nur vier Sterne). Hier ist der Humor leiser, subtiler, sanfter - warum auch nicht.
Für mich ist es die Geschichte eines Freundschaftsversuchs mit einem Menschen, mit dem nicht wirklich Freundschaft möglich ist: Harlen ist unzuverlässig, sprunghaft, manipulativ, grenzüberschreitend, ignorant, nutzt andere aus, gibt nur, wo es ihm nutzt - die menschgewordene Verkörperung der "Coyote"-Figur aus der indianischen Mythologie, der andere nicht wirklich ernst nehmen kann und deswegen auch nicht richtig ernst genommen wird. Die Menschen um ihn herum leben ihr Leben mit und trotz ihm, und wie der Ich-Erzähler Will sich dabei in der Mitte seines Lebens langsam selbst näher kommt und innerlich und äußerlich eine neue Heimat findet, das ist sehr liebenswert beschrieben! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Leiser, langsamer Roman,
Rezension bezieht sich auf: Medicine River (Gebundene Ausgabe)
Der Leser steigt im ersten Kapitel gleich in die Handlung ein. Dabei ist jedes Kapitel zweigeteilt: Im einen Teil wird der aktuelle Handlungsfaden weitererzählt, der im Jetzt und Heute spielt, doch daneben gibt es immer auch einen Handlungsfaden in der Vergangenheit, je Kapitel ein anderer. Diese beiden Fäden wechseln sich immer ab, wobei King es wunderbar schafft, sie so zu verweben, dass der Bruch der einen Story auch immer wieder die andere vorantreibt. So erfährt man viel über Wills Vergangenheit. Die Geschichte, wie er nach Medicine River kam, wird erst nach und nach offen gelegt, und der Autor kokettiert geschickt mit dem aktuellen Handlungsfaden - so viel sei verraten: es geht auch um die Liebe -, sodass man gar nicht anders kann, als weiterzulesen.
So sympathisch die Figur des Will jedoch ist, so sehr kann Harlen nerven. Man muss diese Art von Figur, die sich immer und überall einmischt, Winke mit diversen Zaunpfählen nicht versteht und für alles ihre eigenen Interpretation hat, die mit der Wahrheit nicht immer wirklich etwas zu tun hat, mögen, um sich darauf einlassen zu können. Wenn nicht, kann sich der Leser immer noch glücklich schätzen, keinen Harlen in seiner Nähe zu wissen. Doch King punktet vor allem mit seinen Dialogen. Besonders im Gespräch mit Harlen gilt es oft, Klippen zu umschiffen und zu warten, bis Harlen zum Punkt kommt, doch diese Gespräche wirken authentisch - denn solche Leute kennt mit Sicherheit jeder, Leute, die vom Hundertsten ins Tausendste kommen und zum Schluss so gewagte Gedankensprünge vollziehen, dass man als Gesprächspartner verwirrt zurückbleibt. Es steckt Humor in diesen Dialogen, oft ein leiser, versteckter Humor, der mit den schenkelklopfenden Sprüchen heutiger Comedians" wenig zu tun hat. Medicine River" ist ein leiser, langsamer Roman, der sich die Mühe macht, seine Figuren ordentlich zu behandeln und einzuführen. King hat mit diesem Werk etwas geschaffen, das zwar nicht die Welt der Indianer so zeigt, wie sie sich die meisten (weißen) Menschen vorstellen, das aber dennoch die Sichtweise und Lebenseinstellung dieser Menschen zu vermitteln weiß. Ein lesenswertes Buch. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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