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Mediale Gewalt: Eine reale Bedrohung für Kinder?
 
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Mediale Gewalt: Eine reale Bedrohung für Kinder? [Unbekannter Einband]

Susanne Bergmann
3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktinformation

  • Unbekannter Einband: 208 Seiten
  • Verlag: Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur in der Bundesrepublik (2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3929685248
  • ISBN-13: 978-3929685244
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.381.393 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Falsches Fragezeichen 26. Januar 2010
Der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Band vereint die Beiträge einer 1999 zum Thema Mediengewalt abgehaltenen Fachtagung, wobei es aber fast ausschließlich um filmische Gewalt ging. Der Amoklauf von Erfurt, der Computerspiele in die Diskussion brachte, lag noch in der Zukunft, und die Gewalt aggressiver Musik wird bekanntlich heute wie damals bei weitem unterschätzt.
Michael Kunczik ("Medien und Gewalt"), der in seiner 1975 veröffentlichten Dissertation "Gewalt im Fernsehen" noch keine Belege für eine aggressivitätsfördernde Wirkung sah, revidiert diese Auffassung nun: "Die These der Wirkungslosigkeit ist nicht länger haltbar" (S. 18). Eine bisher unbeachtete Wirkungsweise der Mediengewalt sieht der Autor darin, dass sie Straftätern eine vermeintliche Rechtfertigung für ihre Taten bietet, was wiederum die Wahrscheinlichkeit von Straftaten erhöhen kann.
Jürgen Grimm ("Mediengewalt - Wirkungen jenseits von Imitation") untersucht den "Einfluss ästhetischer und dramaturgischer Faktoren auf die Aggressionsvermittlung" anhand von Filmen, wobei er je nach Art der Darstellung zwischen "schmutziger" und "sauberer" Gewalt unterscheidet. Die Ergebnisse sind unterschiedlich, je nachdem in welcher Reihenfolge diese beiden Arten gezeigt werden, je nach Geschlecht des gezeigten Aggressors, und je nach Geschlecht und Alter der Rezipienten. Der Autor schließt daraus, dass die Wirkung von Gewaltdarstellungen von deren Kontext abhängt. Wichtig sei auch, ob sich der Zuschauer mit dem Opfer oder mit dem Täter identifiziert; unter Umständen kann jedoch auch die Opferperspektive die Aggressivität erhöhen (S. 54).
Nach einem mehr historisch-theoretisch orientierten Beitrag von Lothar Mikos ("Beobachtete Gewalt - mediale Gewaltformen") betrachtet Claudia Wegener ("Mit Gewalt unterhalten - Fernsehen zwischen Fiktion und Realität") die Aufarbeitung realer Gewalt in Fernsehsendungen. Sabine Sonnenschein ("Im Schatten eines Problemberges") und Andreas von Hören ("Noch mehr Mörder ...") schildern Jugendmedienarbeit in Zusammenhang mit der Gewaltthematik.
Der Journalist Peter Schran ("Gewaltkompetenz und mediale Zielgruppen-Prävention: Hilfe gegen die neue Bilderflut") beschreibt, wie Schulen und Politiker Berichterstattung über Jugendgewalt verhindern. Er fordert, dass "die Fernsehanstalten, gestaffelt nach Mord- und Totschlaganteilen, in einen staatlichen Medien-Fonds einzahlen, der versucht, die entstandenen Schäden durch gegenläufig orientierte Werbespots, durch Videos oder Belegung von Sonder-Sendeplätzen und über Spezial-Programme im zukünftigen Internet-TV aktuell zu kompensieren" (S. 120), sowie ein "Anti-Gewalt-Medienzentrum", übergangsweise von Staat, dann vom genannten Medien-Fonds finanziert (S. 122). Bekanntlich ist heute, zehn Jahre später, noch immer nichts davon umgesetzt.
Joachim von Gottberg gibt einen ernüchternden Überblick über die "Möglichkeiten und Grenzen der Institutionen des Jugendschutzes" im zusammenwachsenden Europa und setzt für die Zukunft auf die Medienpädagogik; hier sollte man sich aber ein Wort der Herausgeberin zu Herzen nehmen: "auch medienkompetente Kinder können uns nicht die Verantwortung für Medieninhalte abnehmen" (S. 8)!
Waldemar Vogelgesang ("Jugendliches Medienhandeln in Gruppen") übt sich in verharmlosendem Soziologenjargon: "Vor allem die Freaks [...] entwickeln eine erstaunliche Virtuosität bei der Funktionalisierung äußerer (medienbestimmter Umstände für innere (affektuelle) Zustände. Sie sind letztlich prototypische Repräsentanten der für die Gegenwartsgesellschaft von Gerhard Schulze (1992) diagnostizierten zunehmenden Dominanz von Erlebnisrationalität" (S. 156). Oder hier, ausnahmsweise einmal zur Musik: "Metal-Musik und Metal-Konzerte grenzen mithin Alltag aus und ermöglichen das Eintauchen in Sonderwelten. Sie erzeugen ein Refugium, in dem die Stillegung des Körpers und die Unterdrückung der Gefühle - wenigstens temporär - aufgehoben wird" (S. 157). Einen Psychopathen mit einer Folterkammer könnte man ähnlich beschreiben und verharmlosen. Anderen Medienkritikern hält der Autor ein "sehr `moralisches' Medienverständnis" vor (S. 158), was die Frage provoziert, ob dann er wohl ein "unmoralisches" Medienverständnis habe. Schließlich muss aber auch Vogelgesang einräumen: "Sowohl in Einzelfällen [...] als auch in bestimmten Jugendgruppierungen sind Stimulationswirkungen und Nachahmungseffekte nicht auszuschließen" (S. 158).
Psycho-soziologisch orientiert ist auch der Beitrag von Jan-Uwe Rogge ("Die Gefahr des Bösen, die Lust am Bösen"), der zwar anhand einiger Fallbeispiele die negativen Wirkungen von Mediengewalt aufzeigt, schließlich aber den Mediengewaltkritikern vorwirft, die Medien zum "Sündenbock" zu machen.
Mit zwei kurzen Beiträgen warnen schließlich die Kinderärzte Volker Hoffmann und Jürgen Schmetz aus ihrer Erfahrungssicht vor den Wirkungen des Mediengewaltkonsums wie überhaupt eines süchtigmachenden exzessiven Medienkonsums.
Man fragt sich, inwieweit sich die Herausgeberin mit den einzelnen Texten auseinandergesetzt hat, wenn sie ihren abschließenden Beitrag unter die Überschrift "Eine reale Bedrohung? Das Fragezeichen bleibt" setzt und meint: "Ein Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit und Medienkonsum ist bisher nicht eindeutig belegt, jedenfalls nicht in der Weise, dass Medienkonsum die Ursache des Gewalthandelns darstellt" (S. 196). Ob man den Medienkonsum als "Ursache" oder beispielsweise als "Katalysator" bezeichnet, ist freilich Wortklauberei; auch scheint die Autorin vergessen zu haben, dass es hier nicht um den Medienkonsum an sich, sondern um Mediengewalt geht. Tatsächlich aber besteht ein Zusammenhang zwischen der bloßen Menge des Medienkonsums und Gewalthandeln schon alleine deshalb, weil wer viel konsumiert, in der Regel auch Gewaltinhalte konsumiert. Immerhin konzediert Bergmann, dass "beispielsweise vor Schlägereien [...] das Aufputschen durch Musik eine Rolle spielen" kann (ebd.) - eine der wenigen Erwähnungen dieses Mediums im ganzen Buch.
Wer die Beiträge gründlich gelesen hat, wird feststellen, dass auch die um Verharmlosung bemühten Autoren die negativen Wirkungen von Mediengewalt letztlich eingestehen. Was sie nicht zu bedenken scheinen, ist die Tatsache, dass wir es in der heutigen Zeit nicht nur mit Medien, sondern mit Massenmedien zu tun haben: Wirkungen, die sich im Einzelfall schwierig nachweisen lassen, und die nicht bei jedem Konsumenten in gleicher Weise und in gleichem Ausmaß auftreten, werden in hunderttausend-, ja millionenfacher unkontrollierter Verbreitung zu einem ungeheuren gesellschaftlichen Problem in Form einer vermeidbar hohen Gewalt- und Kriminalitätsrate. Die scheinbare Uneinigkeit der Experten, die bei genauerer Betrachtung nicht die Fakten, sondern nur deren ideologische Bewertung betrifft, bestätigt freilich die Politik des ewigen Diskutierens und Aussitzens. Verbote und Beschränkungen sind nun einmal unpopulär, auch wenn sie täglich tausendfaches Unrecht und Leid verhindern könnten.
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