Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
med ana schwoazzn dintn
OA 1958 Form Gedichte Epoche Moderne
Artmanns erste Buchveröffentlichung machte ihn mit einem Schlag bekannt und wurde bei moderner Lyrik eine Ausnahmeerscheinung in kurzer Zeit ein Bestseller. Zu dem Erfolg trugen auch Schallplatten, gesprochen vom Autor und von Friedrich Polakovics, bei. In den »mit schwarzer Tinte« geschriebenen Gedichten, im Untertitel als gedichta r aus bradnsee (Breitensee, einem Wiener Stadtteil) lokalisiert, entdeckte Artmann die Mundart als künstlerisches Ausdrucksmittel neu. Hinter ihrer scheinbaren Volkstümlichkeit und dem Wiener schwarzen Humor scheinen die Traditionen der europäischen Poesie vom Barock bis zum 20. Jahrhundert durch.
Inhalt: Makabre Themen prägen die etwa 60 Gedichte, in denen selbst bei Liebeserklärungen und Naturbeobachtungen Alltägliches zum Unheimlichen gerinnt und das Verderben hinter jeder noch so harmlosen Ecke lauert. Zu den berühmtesten Figuren in diesem skurrilen Panoptikum gehören der Karussellbesitzer, der sich als Vorstadt-Blaubart entpuppt, und der böse Gärtner, der den Blumen nach dem Gießen mit sadistischer Lust die Köpfe abschlägt, Oft im Ton von Kinder- oder Volksliedern und als Rollengedichte in der Ich-Form geschrieben, entwerfen die poetischen Miniaturen grotesk bedrohliche Bilder. Die artifizielle Naivität und finstere Unschuld erteilt allem Herzschmerz eine rigorose Absage. »nua ka schmoez how e xogt!« (Nur kein Schmalz hab ich gesagt), lautet die programmatische Anfangszeile des ersten Gedichts: »reis s ausse dei heazz dei bluadex/und haus owe iwa r bruknglanda!/fomiaraus auf d fabindunxbaun/en otagring
«
Aufbau: Der durch Motive locker verbundene Gedichtzyklus verzichtet durchweg auf konventionelle Endreime und entfaltet in metrisch und rhythmisch freien Versen seinen klanglichen und semantischen Horizont in witzig variierten Wiederholungen. Wegen der phonetisch eigenwilligen Umschrift des Dialekts, deren Schriftbild jedes Wort verfremdet und neu auf die Probe stellt, erfordern die Texte ein lautes Lesen. Dann wird das Banale zur hintergründigen Poesie und begreiflich, dass ein Dichter, bevor ihm »das Herz austrocknet vor lauter Wörtern«, sein »blutiges Herz« ausreißen und »über ein Brückengeländer
hauen« soll.
Wirkung: Artmanns österreichische Mundart-Experimente befreiten den Dialekt von nationalistischen Belastungen, besinnlicher Innigkeit und betulicher Provinzialität. Sie fanden viele Nachfolger im deutschsprachigen Raum (in der österreichisch makabren Variante z. B. Georg Kreisler, in der Schweiz Kurt Martis hinterhältige Idyllen), auch unter Pop- und Rockmusikern. Die vertrackte Sinnlichkeit seiner Sprachkunst animierte bekannte Grafiker (z. B. Uwe Bremer, Ernst Fuchs und Ali Schindehütte) zu Illustrationen seiner oft in bibliophilen Ausgaben erschienenen Werke. Artmann selbst gab den Dialekt bald zugunsten subtilerer Sprachspiele auf. Es war sein respektlos souveräner Umgang mit Sprache, der die Lyrik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusste. E. E. K.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Artmann, dem skurrilen Kauz und echten Dichter ist hier mehr als ein Augenblickserfolg gelungen." (Gerhard Fritsch, Die Presse, Mai 1958)
"Das Neue, das Einzigartige an seinen Mundartgedichten ist: Artmann hält die Sprache im Augenblick des Entstehens fest. Er hat den Dialekt an den Wurzeln gepackt, wo er aus sich selbst dichtet, wo er bei jeder Konfrontation mit der Wirklichkeit originär eine bildhafte, plastische Wendung hervorbringt, in der dieses Stück Wirklichkeit enthalten ist. So kommen uns alle seine Erfindungen ganz selbstverständlich vor. die Sprache erfindet für ihn, er braucht nur den Mund aufzumachen." (Wieland Schmid, Wort in der Zeit, Heft 1, Wien, Jänner 1959)