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Seit Beginn ihrer Karriere hat Björk in punkto Instrumentierung stets aus dem Vollen geschöpft. Als auf ihrer letzten Tournee ein 50 köpfiges Orchester und eine 20-köpfige Band aufspielte, schien eine Steigerung kaum mehr möglich. Und so musste Björk die Erfahrung machen, dass "mehr" nicht unbedingt "mehr" bedeutet, als sie mit ihrer Arbeit an ihrem aktuellen Album im Frühstadium in eine Sackgasse geriet. Nichts an den vier bereits fertigen Stücken mit aufwändigen Orchesterarrangements schien ihr wie es sein sollte. Erst als sie begann, im Tonstudio die einzelnen Instrumente zu reduzieren, bis lediglich die Gesangsstimme übrig blieb, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. "Die letzten Male, die ich betrunken war, habe ich meine Freunde ermutigt, die Stereoanlage abzustellen und einfach zu singen, Rave, Techno Disco. Einer macht mit dem Mund das Schlagzeug, die anderen die Melodie", so Björk in einem Interview. Die Idee eines reinen Vokalalbums war geboren. Was als Partylaune und Ermutigung, sich auf die eigene Stimme zu besinnen, begann, mündete in Medulla, einer atemberaubenden Reise durch menschliche Stimmwelten.
Doch nicht nur Björks markante Stimme gibt auf Medulla den Ton an. Die reduzierten Instrumentalspuren hat sie neben zwei Chören mit Stimmen unterschiedlichster Künstler ersetzt und erweitert, darunter Oberton Sängerin Tanya Tagaq aus Grönland, der japanische Vokalist Dakoka und der seit Jahren an den Rollstuhl gefesselte Robert Wyatt. Björks Bedingung, dass dieses Album am Ende nicht wie Bobby McFerrin oder Müsli-Jazz klingen dürfe, ging vollständig in Erfüllung. Trallala-Nummern sucht man hier vergeblich. Stattdessen verleihen HipHopper Rahzel, der Beatboxer der Roots und Faith-No-More-Kopf Mike Patton Medulla zuweilen den notwendigen Drive. "Show me forgiveness" erinnert in seiner schlichten Strenge an einen protestantischen Gottesdienst und "Oceania", komponiert für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Athen, beschwört die Urmutter unserer Herkunft, das Meer. Aufnahmen von Atmen, Lachen, Schreien, Flöten, Walgesang und die vokale Beatbox in digitaler Bearbeitung lassen das Ganze einerseits erstaunlich modern klingen und andererseits den Eindruck entstehen, als spanne die Musik den Bogen von den Anfängen bis zur Gegenwart der Entstehungsgeschichte des Menschen.
Die Hoffnung, auf Medulla eine Fortführung björktypischer Stücke im Stile von "Human Behaviour" zu finden, ist ebenso zum Scheitern verurteilt, wie der Versuch diese CD als gefällige Hintergrundberieselung einzusetzen. Aber das macht überhaupt nichts. Endlich einmal wieder intelligente Musik, die eine Einladung zum bewussten Hören darstellt und den Zuhörer für seine Hingabe mit einem wahren Goldregen an Entdeckungsmöglichkeiten im Mikrokosmos des menschlichen Gesangs belohnt. Andreas Schultz
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
35 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der kleine Troll ist wieder mal einen Schritt voraus!,
Von
Rezension bezieht sich auf: Medulla (Limited Edition) (Audio CD)
Seit einer knappen Woche hab' ich jetzt fast jeden Tage eine "Medulla"-Promo laufen und ehrlich gesagt bin ich mir bis jetzt nicht sicher, ob hier ein Meisterwerk oder ein ganz gewagtes Experiment im CD Player rotiert. -Wahrscheinlich ist es beides! "Medulla" ist ein Wechselbad der Gefühle; hat Songs die sofort zünden, ja fast gefangen nehmen, und solche, die sich vermutlich erst nach beständigem Hören "öffnen".Zu den Spitzentracks dieser CD zählen sicherlich das wundervolle "Oceania", die beiden, von Chören getragenen Take's "Pleasure is all mine" und "Vokuro" (ganz auf isländisch) sowie das eingängige "Who is it". Was weiter, z.T. sehr positiv, hängen bleibt, sind "Mouths Craddle", "Desired Constellation", "Sonnets..." und "Triumph of a heart". -Auch das etwas kurze "Show me forgiveness" ist beachtenswert. (Was jetzt aber nicht heißen soll, dass der Rest nicht beachtenswert wäre!) Zur etwas schwereren Kost gehört jedenfalls das isländische "Öll Birtan". Ein Take, bei dem ich jetzt nicht so recht weiß, ob es ein Lückenfüller, ein Scherz oder, auf seine Weise, einfach nur genial ist...! Provozierend-absonderlich ist "Ancestors". Eine echte Extrem-Nummer und so ziemlich das schwierigste Stück auf diesem Album. Ich kann nicht sagen, wie lange es dauert bis man sich dieses Take "erhört" hat. Aber dass hab' ich bei vielen Beafheart- und Zappa-Take's auch schon gesagt. -Und auf einmal geht der Knopf dann doch auf! Auf jeden Fall fordert "Ancestors" den Hörer über Gebühr. Solch vokalistische Schlitterpartien sind ja seit den Sugarcubes Fräulein Gudmundsdottirs Bestreben, dem Hörer etwas Mitarbeit und guten Willen abzuverlangen. Eigentlich macht dies ihre Musik so sympathisch. -Und kommerziell war die Eisprinzessin ja ohnehin noch nie! Insgesamt ist "Medulla" auf jeden Fall eine empfehlenswerte Scheibe. Wer bei Björk neu einsteigt sollte aber zunächst zu "Vespertine" oder "Debut" greifen! Bei der Bewertung von "Medulla" halte ich mich jetzt erstmal ein bisschen zurück, wobei der CD vier Sterne aber ganz sicher sind. Allein der Mut, ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, verdient nochmal einen halben "Bonus-Stern". -Damit sind wir von fünf Sternchen gar nicht soweit entfernt! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
22 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Bitte nicht querhören!,
Rezension bezieht sich auf: Medúlla (Audio CD)
Da machte sich ja selbst der geneigte Hörer so seine Gedanken, als er dann endlich das langersehnte neue Werk des wunderlichen isländischen Workaholics endlich in die Anlage schob und gespannt war auf das, was es jetzt auf die Ohren geben würde. In der Fachpresse wurde man ja ausreichend vorgewarnt, daß Björk hier nochmal eine Schippe drauflege, einen Schritt weiter ginge als sonst. Allzu schwierig und far out sei sie diesmal gelandet, mit ihren vokalakrobatischen Nicht-Songs.Nun, sicherlich. Aber weiter als einst Radiohead mit dem Klassiker ‚Kid A' wagt sich Björk hier auch nicht raus - alles halb so wild also. Das wichtigste kann man gleich bei den ersten Momenten des Openers festhalten: Björk bleibt Björk. Unverkennbar natürlich die Stimme, der verkopfte Gesang jenseits des Taktes, die typische Intonation und das doch recht stark akzentuierte Englisch. Wobei sie sich diesmal auch an eine isländische Weise traut - lange her, daß wir Frau Gudmundsdottir in ihrer Muttersprache trällern hören durften. Jedenfalls ist ‚Medúlla' ein Hammer von einem Album. Ein schwerer Brocken, zweifelsohne, aber die locker dahinpluckernden Eigentlich-Noch-Pop-Nummern sind spätestens seit ‚Post' ohnehin passé. Fast schon ein Konzeptalbum, liegt die Stimme, und was man so alles mit ihr machen kann, im Fokus. Und w a s man damit so alles machen kann, wird hier eindruckvoll gezeigt! Provokant könnte man sagen, daß das hier ‚Homogenic' nur mit Stimmen wäre, was natürlich maßlos übertreiben aber nicht so völlig unwahr wäre. Wer braucht Geigen oder gar ein Orchester, wenn der ‚London Choir' in ‚Oceania' Tonleitern in atemberaubender Geschwindigkeit hoch- und runterkiekst und ansonsten der obligatorische Island-Chor das Musikerensemble mehr als gleichwertig ersetzt? Wer braucht einen Drum-Computer, wenn Roots-Mann Rahzel als menschliche Beatbox fungiert? Neben den Stimmen ist hier die Stille das wichtigste Stilmittel. Das ist mal eine Platte, die man tatsächlich auf CD haben sollte. Diese sterile, rauschfreie Stille scheint nicht nur zwischen den Stücken zu bestehen, sondern in ihnen selber irgendwie parallel zu laufen. Das ist der zweite große Schnitt speziell im Vergleich zu ‚Vespertine' wo es ständig irgendwo knisterte und pluckerte. Faszienierend bis zuletzt reiht sich Stück an Stück, und der willige Hörer wird von den stimmlich entfachten Wogen verschluckt, versinkt in diesem Stück großartiger, in neue und doch vertraute Bereiche vorstoßende Musik. Hier nicht die 45 Minuten am Stück zuzuhören, wäre bei nur wenigen Alben unverzeihlicher. Highlights lassen sich dennoch ausmachen; das düstere ‚Where Is The Line' etwa, daß sich mit klasse Beats und dissonantem Grusel-Chor durch die Ohren in den Kopf bohrt. Oder die ziemlich fetzige Schlußnummer ‚Triumph Of A Heart' - eigentlich ein Club-Song, nur eben ohne Plastik-Beats aus dem Computer, quasi ‚handgemacht'. Schließlich als Höhepunkt ‚Who Is It', fast Pop, fast eingängig, fast ein Hit - wunderschön und doch meilenweit neben der Spur, wie der Rest der Platte. Doch wie gesagt, ‚Medúlla' sollte man sich besser am Stück geben, auch wenn's manchmal schwerfällt. Das spannendste Buch ist nicht auf jeder Seite ein Hammer - aber wer liest quer, wenn das Buch dermaßen gut ist? Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
spannender Ansatz, aber streckenweise unspannende Umsetzung,
Von derbone "derbone" (Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Medúlla (Audio CD)
Was mir eigentlich an Medulla nicht so gefällt, ist die Tatsache, dass es irgendwie als Album so inhomogen ist, nicht alle Potenziale des an sich doch abgefahrenen und spannenden Ansatzes ausnutzt und stellenweise doch einfach an Einfallsreichtum und Originalität vermissen lässt, weil einige Stücke zu simpel konstruiert und manche Melodien zu schwach sind.. So geniale Stücke wie 'The Pleasure Is All Mine', 'Oceania', 'Mouth's Cradle'und das an Genialität nicht mehr zu überbietende 'Where Is The Line' werden kontrastiert mit etwas zu simpel und platt offensichtlich gestrickten Stücken wie 'Who Is It (was mir inzwischen in der Glöckchenversion doch ganz gut gefällt, es wächst und wächst in mir) und diesen total nackten, stellenweise doch recht unspannenden Akkapellageschichten (was nicht für alle zutrifft). Bei so Stücken wie "Desired Constellation" die wie Ausschussmaterial von 'Vespertine' klingen fragt man sich was hat sich die Gudmondstochter nur dabei gedacht? Oder warum nicht gleich den Ben Frost Remix, der sich auf der 'Triumph Of The Heart' -Single befindet und der es eindeutig rettet auf das Album nehmen wenn es denn unbedingt drauf sein soll?Als ich die ersten Rezessionen hörte dachte ich, "wow das wird wohl sicher eine weißgott wie abgedrehte Platte", doch in Wirklichkeit wurden viele Potenziale nicht genutzt, das macht die Platte teilweise sogar konventionell banal. Wie gesagt, manchmal etwas mehr zündende Einfälle, etwas mehr 'Where is the line' und viel weniger "vokuro", dann hätt es besser gepasst. Man hat das Gefühl, irgendwie will man hier zu vielen Geschmäckern gerecht werden, immer wieder wenn sich die Platte traut loszulaufen um spannend zu werden folgt eine Extrembanalität um den Ausreisser wieder zurückzupfeiffen, damit es dann doch wieder ein bisschen mehr Mainstream wird. Durch dieses Wechselbad der Gefühle ist ein kongruentes künstlerisches Konzept bei der Platte nicht erkennbar, und dadurch ist sie dann fürs Mainstreampublikum eben doch zu anstrengend...(was ja per se ja ok wäre) Im Vergleich zu der meisten anderen faden Einheitsbrei-Musik die so im Äther rumspukt, ist 'Medulla' jedoch defintiv als Meilenstein zu bezeichnen. Björk macht ihr Ding und das ist, bis auf die von mir so empfundenen Mängel an der Platte, gut so. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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