Schon beim Betrachten des Covers wagt man anfangs seinen Augen nicht zu trauen: hellblaue Plastikhülle? Manson mit knallig-, feuerroten Haaren? Manson nackt und mit Oberweite?
Dann ein Blick auf die Songs: „Great Big White World"? „The Speed Of Pain"? „New Model No.15"? "Coma White"? Eines ist sicher: Irgendetwas hat sich ganz gravierend verändert, denn solch ein Bild hätte man vom kontroversen Antichristen wohl am allerwenigsten erwartet.
All diejenigen, die Marilyn Manson für eine Band halten, die nur schockieren, schreien und mithilfe obszöner Lyrics und Bilder provozieren kann, werden spätestens nach dem Hören von „Mechanical Animals" eines besseren belehrt. Denn hier wird nicht über Mansons Metamorphose vom Wurm zum Antichristen musiziert, sondern, als zentraler Handlungskern, über Verblödung durch erhöhten Medien- und Drogenkonsum. „Mechanical Animals" ist im Gegensatz zum erfolgreichen Vorgängeralbum eher zartbesaitet, demnach sehr gefühlvoll, ruhig, ja fast schon melancholisch könnte man meinen. Was ja nicht unbedingt schlecht sein muss, auch bei Marilyn Manson nicht. Denn das androgyne Etwas auf dem Cover hat einiges mehr zu bieten als weibliche Rundungen und eine neue Frisur.
Die 14 Songs bieten einen fantastischen Stilmix. Während Lieder wie „Rock Is Dead" oder „I Want To Disappear" gewohnt rockig daherkommen, ist einem bei „The Speed Of Pain" oder „Coma White" dann doch eher zum Kullern der ein oder anderen Träne zumute. Auch die erste Singleauskopplung „The Dope Show", welche von verzerrten Gitarren und glamourösen Klängen dominiert wird, zeigt, in welche Richtung sich die Band bewegt: weg von Aggression und hin zu Gefühl und Glam. Beim ersten Hören des rhythmisch- groovigen, poppigen und ironischen „I don't like the drugs (but the drugs like me)" folgt dann oft ein Stirnrunzeln, denn wer hätte gedacht, dass „Schockrocker" Marilyn Manson jemals Gospel-Sängerinnen in seine Lieder integrieren würde? Nun gut, zumindest wissen wir spätestens jetzt, dass die Band für Überraschungen gut ist, was bei „Fundamentally Loathsome" nochmals bestätigt wird, oder können Sie sich vorstellen, wie ein Mix aus episch- balladesker Leidenschaft gemischt mit einer Art „Industrial-Blues" und unterlegt mit melancholischen Akustik-Gitarren, klingen mag? Anders könnte ich den Song nicht beschreiben. Er macht genauso süchtig wie die meisten anderen Lieder auch.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Platte viel gitarrenlastiger ausgefallen ist, als ihr Vorgänger. Wunderschöne Gitarrensolos wie bei „Fundamentally Loathsome" oder „Coma White" findet man des öfteren auf der Platte, die die überwiegenden Drums von „Antichrist Superstar" ersetzen. Vielleicht ist damit zu erklären, dass die raue Verschrobenheit des Vorgängeralbums hier keine Präsenz findet, was anfangs bedauerlich sein mag, jedoch durch die vielen Stärken und Vorzüge von „Mechanical Animals" wieder wettgemacht wird.
Auf „Mechanical Animals" überwiegen eindeutig die leiseren Klänge. Sie ist mehr Pop als Rock, mehr Glam als Schatten und mehr David Bowie als Alice Cooper. Das musikalische Chamäleon Marilyn Manson hat somit einen Imagewechsel vollzogen, an dem möglicherweise nicht jeder Gefallen findet, speziell weil es am Anfang noch recht gewöhnungsbedürftig ist und die Lieder einem keineswegs vertraut vorkommen; Mansons Stimme ist verpackt in einem poppigen Glam- Rock- Gewand. Doch wen diese Platte erst einmal in seinen Bann gezogen hat, der wird davon nur schwer wieder loskommen und erkennen, dass „Mechanical Animals" ein sehr facettenreiches Album ist, welches keinesfalls schlechter ist als „Antichrist Superstar". Marilyn Manson beweisen mit dieser Platte, dass sie mehr sind als eine skandalträchtige Band, die nur zu provozieren weiß. „Mechanical Animals" zeigt, dass sie auch mit ruhigeren Klängen grandiose Musik machen können, ohne dabei an Überzeugung einzubüßen. Ein wunderbares Gesamtkunstwerk, welches in keiner LP-Sammlung fehlen darf.
Anspieltipps: "I don't like the drugs..." , "Fundamentally Loathsome" , "Coma White"