Little Italy, der italienische Teil von Manhattan, ist ein Hexenkessel - ein Hexenkessel, in dem die Kleinganoven versuchen, den Tag zu überleben und die berüchtigte Leiter der Mafia-Karriere hoch zu kommem - ein Hexenkessel, in dem Gier, Angst und Brutalität, Gewinnstreben und Überlebenskampf regieren.
In diesem Hexenkessel lebt in den 60er Jahren Charlie (Harvey Keitel) mit seinem Freund Johnny Boy (Robert De Niro). Charlie ist eher zu nachdenklich und zu weichherzig für die raue Umgebung und hofft, daß er bald ein angesehenes Mitglied der Mafia werden wird, so wie sein Onkel Giovanni, der ein angesehenes Mitglied der lokalen Cosa Nostra ist und dessen Restaurant er übernehmen will. Sein Freund Johnny Boy ist eher ungestüm, gewalttätig und psychotisch und leiht sich bei jeder Gelegenheit Geld - was für Charlie zum Problem wird, da er sich darum kümmern muß, um Johnny Boy Unannehmlichkeiten zu ersparen.
Charlies zweites Problem ist seine Freundin Teresa (Amy Robinson), Johnny Boys Cousine, die er trotz ihrer epileptischen Anfälle liebt. Charlies Liebe zu Teresa wird von seiner Familie und sogenannten Geschäftspartnern abgelehnt. Das, gemeinsam mit dem Bewußtsein ein Gangster zu sein, löst in ihm, dem gläubigen Katholiken, einen tiefen Zwiespalt aus. Ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens besteht aus dem Balanceakt, Teresa mit schlechtem Gewissen heimlich zu treffen und Johnny Boys Schulden begleichen zu können. So sind die beiden Menschen, die Charlie am nächsten stehen, gleichzeitig die größten Hindernisse seiner Mafia-Karriere.
Der Mafiaboss Michael (Richard Romanus) ist einer jener Männer, denen Johnny Boy Geld schuldet. Johnny Boy erscheint dann nicht zum vereinbarten Termin der Rückgabe des Geldes, was sich als fataler Fehler erweist, da Michael rasend vor Wut zurück bleibt. Böses ahnend will deshalb Charlie mit Johnny Boy und Teresa eine zeitlang untertauchen. Auf der Fahrt durch Brooklyn begegnen sie Michael im vorbeifahrenden Auto ....
Mean Streets ist 1973 noch vor Good Fellas, Casino und Departed entstanden, wurde von Martin Scorsese schwungvoll und mit deutlichem Blick auf das Milieu von Little Italy inszeniert und ist eher eine Schilderung des Milieus als ein Actionfilm. Mit Robert De Niro hat Scorsese auch die Idealbesetzung für den verwegenen Johnny Boy gefunden, einem Schauspieler, der wie er selbst in Little Italy aufgewachsen ist und zur atmosphärischen Dichte wesentlich beiträgt. Der Film war ein großer Erfolg und der Beginn der großartigen Karrieren von Martin Scorsese und Robert De Nero.
Main Streets trägt deutlich autobiografische Züge mit den Mythen des amerikanischen Gangsterfilms im Hintergrund, die Scorsese auch bei seinen Schauspielern durchscheinen läßt. Scorsese bringt leidenschaftliches Kino, die Bilder könnten aus seinem eigenen Leben sein und er bekennt sich damit durchaus zu seinen italo-amerikanischen Wurzeln. Dazu gehört auch der Katholizismus als Gegenpol zu den Gesetzen der Strassen und der Gangs in Little Italy, den er durch Charlie verkörpern läßt. Der Katholizismus dürfte von besonderer Faszination auf Scorsese sein, denn z.B. in Gangs of New York (2002) geht Priest Vallon erst nach Entgegennahme der Kommunion, die Monstranz vor sich tragend, in den entscheidenden Kampf in den Five Points von Manhattan. Die besondere Mischung aus menschlicher Dramatik, unmenschlicher Härte, realistischen Figuren und christlicher Symbolik bestimmen den Film und auch das weitere Werk Scorseses.
Ein kulturell, historisch und ästhetisch bedeutender Film! Die Umsetzung auf DVD ist leider nicht sehr geglückt.