"Da wir als Kinder geboren werden und von den sinnlichen Dingen mancherlei geurtheilt haben, noch ehe wir den vollen Gebrauch unserer Vernunft hatten, so werden wir durch viele Vorurtheile von der Erkenntnis des Wahren abgewendet. Diese Vorurtheile können wir, so scheint es, nur los werden, wenn wir einmal im Leben geflissentlich an Allem zweifeln, worin sich auch nur der kleinste Verdacht der Unsicherheit findet."
Wenn man diesen §1 der "Prinzipien der Philosophie" betrachtet, wie Rene Descartes (1596-1650) ihn dem 17. Jahrhundert als Aufforderung mitgab, dann weiß man um die eine Sichtweise der Neuen Zeit. Gleichzeitig erinnert man sich, dass die Herren Spinoza, Leibniz und sicher auch Pascal den neuen Rationalismus konstruktiv aber kritisch entwickelten. Wenn nun das Selbstbewusstsein des Menschen in dieser Zeit aus dem Satz: "cogito ergo sum" sich entfaltete, dann weiß man zugleich als zum Zweifeln Aufgeforderter, dass man den Menschen in seiner Ganzheit auch aus dem moralischen, ethischen wie gesellschaftlichen Blick zu betrachten hat.
Der Herzog François de La Rochefoucauld, geboren am 15. September 1613, konnte nun vor gut 400 Jahren seinen Blick auf eine sich verändernde Gesellschaft werfen und sich als Anstifter einer neuen Schriftstelleier und als französischer Moralist einen dauerhaften Namen machen. Ihn heute als überholt zu betrachten schlägt fehlt, allein schon deshalb, weil der Rationalismus der heutigen Zeit in seinen Anstrengungen, sich Gehör zu verschaffen, in keiner Weise sich von dem des aufstrebenden 17. Jahrhunderts unterscheidet. Wenn man zugleich bedenkt, dass es diese geheimen, tiefgründigen und unvorhersehbaren Eigenschaften des Menschen gibt, deren Beweggründe selbst zu ergründen ein Leben nicht ausreicht, ja dann greift man zu den Toten, deren Wissen auf ewig gilt.
Zu diesen gehört der große La Rochefoucauld. Er ist, wie Nietzsche schrieb, ein scharf zielender Schütze auf die menschliche Natur und dazu ein guter Treffer. Und dieses liest man in diesen Maximen und Reflexionen, erstmals im Jahre 1664 erschienen, in dieser Fassung im Jahre 1678. Neben der Überschrift nun einige Bespiele:
"Es bedarf zuweilen nicht weniger Klugheit, einen guten Rat zu nutzen, als sich selbst gut zu raten." (#283)
"Wir vergessen unsere Fehler leicht, wenn niemand sie kennt als wir." (#196)
"Der Verstand wird stets vom Herzen getäuscht." (#102)
"Es gibt keine Fehler, die nicht verzeihlicher wären als die Mittel, die wir anwenden, sie zu verbergen." (#411)
"Man soll den Wert eines Menschen nicht nach seinen großen Gaben beurteilen, sondern nach dem Gebrauch, den er davon macht." (#437)
Und wenn er schreibt, das der Fehler des Scharfsinns nicht darin liegt, nicht ans Ziel zu gelangen, sondern darüber hinaus, dann hat er seine Lektion bei den alten Griechen gelernt, vornehmlich bei Aischylos. Aber diese Welt der Griechen und Römer ist eine dauerhaft angeeignete nahezu jeder Zeit. Montaigne hat in seinen Essais davon bestens berichtet. Und nun die Lebensweisheiten hier, Aphorismen in belebender Weise: 504 Maximen und Reflexionen über Liebe, Eifersucht, Eigenliebe, über Tugend und Moral können nun vor Ihnen liegen, preiswert in wahren Sinne und in der Reflexion wert zu lesen. Dass La Rochefoucauld sich dem Leben zuwandte, sich der Menschen und ihrer Kunst der Tugendhaftigkeit annahm, deren Sein und Schein entlarvte und pointierte, ist nun die eine Seite der Medaille. Und so bleibt in #504 eine Betrachtung des Lebensende, die Feststellung über die Unabwendbarkeit des Sterbens und zugleich die dadurch errungene Festigkeit zu einer Haltung gegenüber dem Augenblick, dem man nicht fern bleiben kann.
La Rochefoucauld konnte diesem Schritt nicht entgehen. Er starb 1680 in Paris. Und doch blieb er unsterblich; sein Leben konnte er nicht retten, doch seinen Ruf verewigen und so bleibt den Generationen heute und morgen der Blick in den Menschen über die Kunst des verbalen Schießens in das Schwarze der menschlichen Natur.
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