Max Weber, akzeptabler in den Augen des Kapitalismus als ein Karl Marx, hat versucht den empirisch begründeten denkerischen Realismus in Philosophie und Wissenschaftstheorie konsensfähig einzuführen - und wurde somit zu einem weltberühmten Urmeter der Soziologie - von großen Teilen der Sozialdemokratie genauso verehrt wie auch von Philosophen wie Karl Popper. Besonders den scharf und zynisch herausgeschnitzten Zusammenhang zwischen bigotter Frömmigkeit, puritanistischer Sexualenthaltung und Verschiebung psychischer Energien hin zum Arbeitswahn des überfleißigen Menschen, der dem idiotischen Glauben nachrennt, Gott würde im Himmel für die wirtschaftlich Erfolgreichen besonders schöne Plüschsessel bereithalten - dieser psychischen Vernetzung hat Max Weber eine unauslöschlich evidente und bissige Beschreibung an den Leib geheftet. Dies ist kein verstaubtes Wissen: Betrachtet man die gegenwärtige Macht des "Bible Belt" im Süden der USA, der sich selbstgefällig suhlt in dem Gefühl, von Gott gesandter Weltpolizist und erfolgreicher Öl-Industrieller gleichzeitig sein zu müssen (am besten umgeben von einer mormonisch-friedlichen Schar von Frauen, die einem einzigen Familienvater zu Diensten sind) - diese evangelistisch-größenwahnsinnige Politik, die uns derzeit womöglich in einen Kreuzzug der Neuzeit zerrt: dies zeigt, wie ungeheuer bedenkenswert eine Wissenschaftler-Persönlichkeit wie Max Weber war und immer noch ist - solange, bis es der letzte Amerika-Korrespondent begriffen hat zumindest. Weber war es zum Verdruss, dass dem Calvinismus derart gut gelungen war, Religiosität und wirtschaftliches Erfolgsstreben miteinander ideologisch zu verquirlen, so dass niemand mehr in der Lage schien, es wieder voneinander zu trennen. Die Schweiz (der Plattform des Herrn Calvin) fährt mit diesem Verschmelzungszustand (wirtschaftlich) bis in die heutigen Tage beneidenswert gut. Jean Ziegler leidet darunter heute wie damals ein Weber. Etwas verwirrend ist, dass der Weber-Biograph Radkau eine Parallelsetzung vollzieht zwischen Webers Religions- und Kapitalismus-Kritik einerseits und Webers Sexualleben andererseits. Es mag sein, dass ihm seine Ehefrau puritanisch, verklemmt, calvinistisch, sexualfeindlich vorgekommen ist. Es mag auch sein, dass die Geliebten, die er sich später zulegte, ihn ein Paradies nicht nur erahnen sondern gar irdisch bereits erleben ließen, auf welches moderne Frömmler erst im Jenseits hoffen dürfen; dort sind es zwar sogar sieben Jungfrauen und nicht bloß zwei, aber dafür muss man die Leistung erbracht haben, sich aus Frömmigkeit in die Luft gesprengt zu haben. Ganz so viel an Unterwürfigkeit verlangt der Kapitalismus ja nicht von seinen Gefolgsleuten. Aber Radkaus Methode, sexualpsychologisch den Max Weber auf dem Seziertisch der überraschten Öffentlichkeit auszubreiten, hat den Verdacht an sich, dass hier von der eigentlich wissenschaftlichen und überaus nutzvollen Thesen Webers abgelenkt werden soll. Deshalb sei sie des Widerspruchsgeistes wegen noch einmal deutlich wiederholt: Die Verquickung der mächtigen Megaphilosophien Religion und Kapitalismus ist eine historische Katastrophe. Danke Max Weber. Radkau sollte lieber für die Boulevardpresse schreiben. Er begreift den Gegenstand seiner Betrachtung nicht.