Vorweg: Dieser Film besitzt als UK-Import leider nur eine englische Tonspur, sowie, Hard-of-Hearing, englische Untertitel; da die Leute im Film manchmal sehr leise sprechen und flüstern, sollte man die Untertitel in jedem Fall anstellen, wenn es einen nicht irritiert oder stört.
In Deutschland ist dieser Film - für dessen Hauptrolle John Cusack übrigens auf seine Gage verzichtete - nie erschienen, weiß der Teufel warum. Vielleicht, weil man sich Hitler nicht in der Zeit vorstellen will, wo er womöglich noch nicht gänzlich seinem Wahn verfallen war? Weil man leugnen will, dass er überhaupt mal ein Mensch war?
Wohl auch weil diese "Was wäre wenn" Klausel in Deutschland nicht angebracht scheint. "Was wäre wenn Hitler dann und dann gestorben wäre", ja, dass kann man noch machen, aber zu sagen "was wäre wenn Hitler ein berühmter Maler geworden wäre", das geht dann wohl doch zu weit.
München 1918. War ist done - der Krieg ist vorbei. Aber der eigentliche Krieg in Deutschland, an dessen Ende das wohl verbrecherischste deutsche Regime aller Zeiten stehen wird, hat noch gar nicht begonnen. Das Land ist zwar besiegt, aber die Schuldfrage ist noch ungeklärt; die Perspektive des scheinbar entmachteten und zerrütteten Landes (wenn man es mit 1945 vergleicht, war man immerhin noch infrastrukturell ohne Schäden) ebenso.
Durch die Straßen der Stadt läuft ein junger Mann von 30 Jahren, mit dem Abzeichen des Gefreiten auf seiner Jacke, und eine Zeichenmappe unterm Arm. Er stromert durch die Gassen, ist Suppe bei einer Armenspeisung.
Währenddessen wird in einer alten, weiträumigen Fabrikhalle eine der ersten Kunstausstellung nach dem Krieg auf die Beine gestellt. Der jüdische Maler und Ex-Soldat Max Rothmann, der im Krieg seinen rechten Arm verloren hat, betätigt sich nun hier als Galerist. An Ketten hängen Gemälde von der Decke: Expressionisten, Futuristen, Kriegsbilder braun in grau, gesellschaftliche Bilder voller Grotesken; in der Umgebung aus Eisen, Rost, schmutzigen Fußböden und alten Gleisen, wirken sie beinahe unscheinbar, aber stechen gleichzeitig auch hervor.
Auch der Gefreite Hitler findet seinen Weg in diese Galerie. Er zeigt seine Entwürfe Max, der nach neuen Talenten und nach Künstlern, die den Krieg in ihren Bildern wirklich auszudrücken vermögen, weil sie auch dabei waren (etwas, das er ja nicht mehr kann), sucht. Der schon beinahe fanatisch von seinem Talent (oder eher vom Untalent aller anderen) überzeugte Hitler, versteht Max's erfahrenen, routinierten Rat, sich noch weiter in die Tiefe zu begeben, seine Ansätze auszuarbeiten, als Abweisung. Trotzdem kreuzen sich ihre Wege von da an wieder und wieder und langsam entwickeln sie eine Art Mentor-Schüler Verhältnis. Doch leider ist Max für Hitler eine zweifache, doppelschneidige Inspiration, künstlerisch zum einen, aber zum anderen als Person des reichen, authentischen und unbesorgten Menschen jüdischen Glaubens auch Leitbild für Hitlers aufkeimende Ideologie und sein Feindbild.
Darstellerisch wird jedem Zuschauer hier großes Kino geboten. Allein John Cusack wächst in der Rolle des Max gleich zweifach über sich hinaus, was nicht nur daran liegt, dass er einen Einarmigen spielt; nein, seine Authentizität, sein Eingehen in die Rolle ist beinahe überwältigend. Auch die sonstigen Rollen sind gut besetzt, die Story ist vielschichtig und natürlich auch in einer interessanten Zeit angesiedelt und in einem interessanten Milieu - und vor allem sind Handlung und Wendungen doch irgendwie spannend. Es wird natürlich viel über Kunst geredet, aber auch über einiges andere und die Dialoge bestechen durch die immer greifbare Lakonie und den Witz von Max, sowie durch intelligente Betrachtungen.
Alles in allem, ein Film der eine Geschichte erzählt, die so hätte stattfinden können, aber eigentlich mehr mit der Ursache für spätere Folgen spielt. Ein Versuch etwas zu Erklären - das wäre wohl zu viel gesagt. Aber interessant und mit einigen Tiefen und unterhaltsamen Szenen; aber natürlich liegt für jeden Deutschen, der den Film guckt, auch ein bitterer Tropfen in dieser Fiktion und ein Film für nette Fernsehabende wird dies nie sein. Ich würde ihn, von der Einschätzung in Sachen Anspruch und Stimmung, ein wenig neben
Good Night, and Good Luck positionieren. Eine anschauliche Fiktion, aber für viele sicherlich eine Fiktion, die finstre Realitäten mit sich trägt.