Wer einen Bestseller schreiben will, der tut gut daran, sein Thema gegen den Strich zu bürsten, also einer verbreiteten Meinung zu widersprechen. Diesem Grundsatz folgte der Autor konsequent: "Max Schmeling. Eine Biographie in 15 Runden", so lautet der Titel, ist eine Attacke auf das Jahrhundert-Idol der Deutschen, zielt auf die Schmeling-Verehrung. Doch wie es scheint, wollte Volker Kluge, der Autor mit der imponierenden Ost-Biographie: zum Beispiel acht Jahre lang Pressechef des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, noch mehr, das Idol der Deutschen möglicherweise im Gefühl anno 89/90 "zwangsvereinigt" und der DDR-Meriten "beraubt", vom Sockel zu holen. Deshalb rückte Kluge Max Schmeling über eine Distanz von 560 Seiten immer näher an die Nazi-Größen heran.
Um seine Absicht zu belegen, sponn er rund um Schmeling ein Netz aus Zitaten und Verdächtigungen, die er quer durchs Werk in diesem Sinne interpretierte. Die Fotos in dieser Schmeling-Biographie aus der Blickrichtung Ost, sind sorgsam selektiert, um die Attacke ins Bild zu setzen: Schmeling mit Hitler, Schmeling in Unform beim Hitlergruß, Schmeling-Ehefrau Anny Ondra gemeinsam mit dem Ehepaar Goebbels, letztere sozusagen "mitfiebernd" bei der Rundfunkübertragung des zweiten Kampfes gegen Joe Louis.
Dabei hätte Kluge eigentlich wissen müssen, daß sich auch oder gerade die sportliche Prominenz - und auch er zählte als Spitzenfunktionär in der DDR und als NOK-Mitglied des Arbeiter- und Bauernstaates zu dieser Elite - der Nähe der Mächtigen und der Machthabenden schwer entziehen kann. Als Stasi-Informant IM Franke informierte Kluge laut Wikipedia die stets an solchen Nachrichten interessierte Staatsführung über die Ab- und Sonderwege des Goldkindes Katharina Witt.
Auch Henry Maske, einst Major der Volksarmee und in den neunziger Jahren aus "gesamtdeutscher Sicht" ein großartiger Weltmeister im Halbschwergewicht, als Sympathieträger der eindrucksvollste und überzeugendste unter den "Wiedervereinigern", konnte sich der unvermeidlichen Nähe zu den DDR-Bonzen nicht entziehen. Doch Henry und "Honny", eben der Olympiasieger von 1988 und der viel zu langjährige Staatsratsvorsitzende, ähnlich perfide zusammengespannt wie Schmeling mit Hitler von Kluge, das ergäbe - theoretisch - eine unendlich belastende Bilddokumentation - und wäre dennoch eine Fälschung. Kluges Attacke auf das Denkmal Schmeling ist perfide und läßt entlastende Fakten wie die Rettung der beiden jüdischen Jugendlichen aus. Kluge spinnt ein künstliches Gespinst zwischen Schmeling und den Mächtigen der Hitler-Diktatur. Und etwa ab Seite 400 werden in Kluges Biographie die Kämpfe der Systeme wichtiger als die Kämpfe im Ring.
Kluge, der einstige Star aus der Beletage des DDR-Sports spricht den Entlastungszeugen aus Schmelings Erinnerungen" (Sportverlag), zu dem übrigens Henry Maske im Vorwort über die vielen Beweggründe" schreibt, warum man ihn (Schmeling) "...liebte und immer noch liebt", grundsätzlich die Glaubwürdigkeit ab. Ludwig Maibohm, der einst Schmelings Erinnerungen" aufschrieb, diskreditiert Kluge, nennt ihn einen "Hof-Dichter". Und die Freundschaft, die Schmeling mit den Hamburger Verlegern Axel Springer und John Jahr verband, ist Kluge grundsätzlich suspekt und belastend. Die versuchte Demontage enthüllt sehr viel mehr über das Weltbild Kluges als ihm lieb sein kann. Im übrigen erhielt auch Max Schmeling ein "Belegexemplar" dieses Buches. Schmeling reagierte so, wie ihn die Deutschen über viele Jahrzehnte kennen und schätzen lernten - als Gentleman. Schmeling bedankte sich bei dem Autor und schrieb: "Ihr Buch habe ich heute mit herzlichem Dank erhalten. Es hat Sie sicherlich viel Zeit und Mühe gekostet, ein so seitenstarkes Buch zu vollenden. Ich werde sicherlich in den nächsten Wochen Zeit finden, das Buch mit Interesse zu lesen. Nochmals vielen Dank für Ihr freundliches Geschenk und alles Gute für Ihre weitere Zukunft. Mit freundlichen Grüßen - Max Schmeling." Das hatte Stil, fanden Sie nicht auch, Herr Kluge?