Schon wieder eine Biographie über Max Frisch? Ja, aber eine, die ziemlich flott daherkommt und sich daher klar von Gesamtschauen mit zu hohen literaturwissenschaftlichen Ansprüchen abhebt. Zwar darf sich auch der 1969 in Darmstadt geborene Volker Weidermann, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Germanist nennen, legt aber alles andere als eine akademische Arbeit vor. Vielmehr verbindet er sein universitäres Wissen mit einem journalistischen Temperament, das Weidermanns Beobachtungen vorantreibt und Langeweile gar nie aufkommen lässt. Sein unverkrampftes Zugehen auf ein literarisches Monument liegt vielleicht auch daran, dass Volker Weidermann gerade mal sechs Jahre alt war, als "Montauk" erschien. Ohne den Ballast früherer Frisch-Interpretationen kann er über Mutmaßungen und Einschätzungen anderer Germanisten hinweggehen. Und er fühlt sich auch nicht dazu gedrängt, seinen Malus als Nachgeborener durch das Aufführen unzähliger Fakten wettzumachen. Aber dort, wo sie für das Verständnis notwendig sind, fügt er sie meist ein.
Wenn sich am 15. Mai 2011 der Geburtstag von Max Frisch zum hundertsten Mal jährt, werden vielleicht Biographien vorliegen, deren Verfasser das Frühwerk von Max Frisch positiver gewichten als Volker Weidermann. Aber gerade seine Kritik an den ersten Erzählungen und Romanen war mit sympathisch. Nur weil ein Autor außer dem Nobelpreis fast alle bedeutenden Ehrungen erhielt, muss man nicht gleich jede seine Schriften mit Superlativen überschütten. Und dass Volker Weidermann Qualität sehr wohl einschätzen kann, beweisen seine Ausführungen zu "Bin oder Die Reise nach Peking", 1945 erstmals erschienen.
Gut möglich, dass Volker Weidermann mit seinen Formulierungen nicht bei allen Kollegen seiner Zunft gut ankommt. Aber die meisten Leser werden sich kaum daran stören, dass Weidermann auch Saloppes und Verkürztes liebt. Beim Anhang hätte ich mir allerdings eine ausführlichere Vita, eine umfassendere Bibliographie und Nachweise der Zitate gewünscht. Denn eine Biographie soll ja auch dazu verführen, sich die Werke von Max Frisch zu lesen. Für den dürftigen Anhang wird man immerhin durch die beiden Bildteile etwas entschädigt, die nebst bekannten Fotos auch selten Gesehenes bieten.
Mein Fazit: Der Leser merkt schnell, dass sich Volker Weidermann dem Leben und Werk von Max Frisch mit Leidenschaft nähert. Das mag zwar Literaturwissenschaftler und Liebhaber exegetischer Analysen ärgern, hat aber den großen Vorteil, dass man ohne große Mühe bis zum Schluss durchhält. Und ganz erfassen lässt sich ein Autor ohnehin nie, dessen zentrales Thema die Suche nach der eigenen Identität ist.