Ich bin Jurastudentin und verstehe nicht viel von Kunst. Aber ich finde es voll krass, dass von den mehr als 800 Beckmann-Büchern, die hier bei Amazon gelistet sind, nur noch drei lieferbar sind. Ein Verlag kann mit dem Thema also nix verdienen. Umso cooler, dass es immer wieder neue Verlage versuchen. Die Wichtigkeit Beckmann's führt sie dazu, zu denken: »Man müßte doch eigentlich mal ein Beckmann-Buch machen!« So auch hier bei dem neuen. Immerhin erhielt der C. H. Beck Verlag eine gewisse Hilfsfinanzierung von der Boehringer-Stiftung. Allerdings ist es schon sehr merkwürdig, wenn ein Autor Unterstützung durch die Boehringer-Stiftung beansprucht, dann jedoch keinerlei Sinn für die entscheidende Begegnung der Nachfolger des Georgekreises, etwa Wolfgang Frommel's, mit Max Beckmann im Amsterdamer Exil zeigt, und dies, obgleich doch Robert Boehringer der Nachlaßverwalter George's war. Die Begegnung der geistigen Welten George's und Beckmann's ist eine entscheidende Berührung der Sphären im 20. Jh., wenn nicht eine Sternstunde der Menschheit. Für den Textverfasser des vorliegenden Bilderbuches, einen konventionellen Nachkriegsdeutschen, kein Thema. Dies ist etwa so, als schriebe jemand ein Buch über Schiller, ohne dessen Freundschaft mit Goethe zu erwähnen.
Man muss zugeben, dass die Bildwiedergabe in dem Taschen-Buch besser war als in dem neuen Buch von Beck und (um vergleichbare Bildmonographien zu nennen) in dem im Südwest-Verlag von 1983 (Stephan Lackner), dem im Bruckmann-Verlag 1991 (Carla Schulz-Hoffmann) und, nicht zu vergessen, denn auch die DDR hatte ihren Beckmann, dem 1981 im Henschel-Verlag erschienenen Prachtband von Fritz Erpel. (Denselben hat der H. C. Beck Verlag vier Jahre später nachgedruckt!) Nix ahnt man in dem neuen Beck-Beckmann von dem knallig-knatschigen Rosa in Beckmann's »Columbine« von 1950, dem metallischen Glanz des Argonauten-Tryptychons, den leichenblassen Farben der Christusbilder von 1917, die auch den Betrachter erblassen lassen. Allerdings konnte es bei Taschen passieren, dass der Autor lang und breit über eine offene Tür am rechten Rand des »Großen Stilllebens mit Musikinstrumenten« von 1926 philosophierte, während diese Tür auf dem Bild nicht zu sehen war, weil die Taschen-Leute die Abbildung beschnitten hatten. (Seit es Verlage gibt, glauben diese, sie könnten bessere Bildausschnitte fabrizieren als die Künstler!)
Der Beckmann à la Beck bringt eine gute Auswahl von Illustrationen, keine jedoch, die nicht schon einmal zu sehen gewesen wäre. Ich bin gerade hier bei meiner Oma, die alle Beckmann-Bücher hat, kann es also ganz gut vergleichen. Voll cool wäre es gewesen, hätte man zu dem jeweiligen Bild auch ein paar Vorskizzen (die sind alle abphotographiert und liegen im Beckmann-Archiv bereit, um ein neuer Katalog zu werden, wie neulich im »Stern« zu lesen war) sowie Werke der Kunstgeschichte sehen können, die Beckmann als Vorbild dienten (Lorrain, Rembrandt, Rubens, Goya, Munch usw.) Eine solche Umrahmung hätte Beckmanns Bilder kunsthistorisch noch besser fassbar gemacht. Dass sie fehlen, kann man aber weder Verlag noch Autor vorwerfen. Trotz Boehriger-Finanzspritze wäre das Buch zu teuer geworden.
Beck's Beckmann wird sein Publikum auch im Geschenkartikel-Bereich finden. Es ist, zum Glück, keine wissenschaftliche Veröffentlichung mit einer abstrusen These und Diskussion der Sekundärliteratur. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft herausgegebenen »Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis« der Kommission Selbstkontrolle der Wissenschaft, unter denen wir Studenten leiden, können ihm piepe sein. Als Autor für den Text zwischen den Abbildungen hat man einen pensionierten Professor der Kunstgeschichte engagiert. Der Mann macht seine Sache ganz gut. Kein Wunder, ist er doch der Herausgeber der Briefe von Beckmann und hat als Direktor der Hamburger Kunsthalle selbst 3 Beckmann-Ausstellungen organisiert.
Reflexionen darüber, was »eigentlich« ist und was nicht, hätte der Autor sich allerdings sparen können. Ebenso Überlegungen, was Beckmann eventuell gedacht haben könnte und was nicht. So was nennt man in der Rechtswissenschaft »retrospektive Intentionszuschreibung«. Der Stil ist heterogen. Mal handelt er im Stil eines Erstsemester-Referates die Biographie ab, mal macht er auf Carl Schmitt (»Souverän ist, wer um die Abgründe weiß.« S. 124), dann wieder schwingt sich Prof. Schneede (so heißt der Autor) zu ebenso brillanten wie faßlichen Resümees geistesgeschichtlicher Entwicklungen auf, als wäre er im Hörsaal und säße vor 300 Kunstgeschichtsmiezen.
Seine zentrale Behauptung ist, Beckmann sei ein Maler seiner Zeit gewesen. Wie originell! Beckmann ist von älterer Kunstgeschichte durchdrungen wie kein anderer Maler der Moderne. Die vielen Echos aus fernen Zeiten läßt Schneede meistens weg, da für ihn Beckmann ja ein Maler der Zeit ist, in der er gelebt hat. Warum es zwischen dem Leben eines Malers und seinem Werk überhaupt einen Zusammenhang geben soll, erklärt der Autor nicht, sondern setzt es als selbstverständlich voraus. Und eindeutige Parameter seines eigenen Standpunkts als Autor? Fehlanzeige. Klare Wertungen künstlerischer Qualität? Iwo! Die kunsthistorische Technologie dürfte gerade in Beckmanns Fall für Nicht-Künstler sehr interessant sein. Nicht aber für Schneede.
Offenbar kennt er auch die Bedeutung der Phrase »Et in arcadia ego« nicht (S. 20f). Bitte bei Panofski nachlesen! Warum spielt Schneede die Bedeutung Harry Keßler's für die Entdeckung Max Beckmann's herunter? Passt dem Herrn Professor der reiche Graf und Kunstkenner irgendwie nicht? Völlig unterbelichtet bleiben auch die Aquarelle und Pastelle, obwohl das geschätzte Publico sie vor drei Jahren in Frankfurt hat sehen dürfen und seitdem einen kultigen Katalog von ihnen besitzt. Wahrscheinlich sind sie dem Autor zu kleinformatig. Denn er liebt die Großformate! Fast jedes Tripychon wird abgearbeitet, obwohl manche »Kleinarbeit« Beckmann's aus derselben Zeit bedeutender ist als manches Triptychon. (Z. B. die Faust- und Apokalypse-Illustrationen!) Nur weil man zum prätentiösen Bildtypus greift, heißt das noch nicht, dass das Werk selbst dann bedeutender ist. Und das großformatigste Beckmann-Gemälde, die sog. II. Auferstehung, bewertet Schneede weniger als ein Resümee des Krieges denn als den zentralen Wendepunkt. (Muß man den nicht etwas früher ansetzen? Schau mal in den Zeichnungen-Katalog des Herrn v. Wiese!) Eng verbunden damit ist Beckmann's zentrale Lebenserfahrung, der nervöse Zusammenbruch im Krieg. Bei Schneede kommt das Hauptereignis seines Buches nur im Anhang vor (S. 274)
Als echter Kunsthistoriker geht der Autor vor allem ikonographisch vor. Dabei entwickelt er einen ganz originellen »ikonographischen Kubismus« (so nenn ich das mal). Er unterstellt dem Maler »dezidierte[n] Inhaltlichkeit.« (S. 144) Vor allem das Spätwerk beruhe auf einer »plötzlichen Verschränkung des Heterogenen« (S. 182) Schneede schreibt: »In der auf Verschränkung des Heterogenen beruhenden eigenen Bildrealität wird keine Geschichte erzählt, doch legen die figürlichen Korrespondenzen nahe, daß von Aspekten ein und derselben Sache gehandelt wird« (S. 173) Gar kein schlechter Ansatz, um sich den rätselhaften Bildinhalten, vor allem des Spätwerks, zu nähern. Vorausgesetzt, der Maler ging nicht rein formal vor. Hermeneutik entspricht aber eher Kunsthistorikern als Künstlern. So erschafft sich Schneede seinen Beckmann.
Nicht nur die ältere Kunstgeschichte, auch Philosophie, Literatur, Tanz und Kultur der Zeit Beckmann's bleiben weitgehend ausgeklammert. Das Positive an dem Buch sind dagegen Einzelbeobachtungen. So spricht Schneede treffend von »sperrigen, klirrenden Formen und ausgezehrten Farben« (S. 62) in Beckmanns Malerei um 1917. Trefflich ist auch die Deutung, Beckmann habe sich im »Selbstbildnis Florenz« auch in effigie vom französischen Impressionismus absetzen wollen. Auch der »innere Ernst« (S. 20) des Künstlers wird benannt. Wenn man jedoch Reklame damit macht, »neue Quellen« (so der Buchumschlag) eingesehen zu haben, dann müssen diese neuen Quellen auch etwas Neues bringen. Die Beckmann-Tagebücher 1942 - 1950 und Quappi's (so hieß Beckmann's 2. Frau) Tagebücher tun dies aber kaum. Außer, dass hier, entgegen modernem editorischen Usus, Unterstreichungen kursiv wiedergegeben werden.
»In den letzten Jahren«, schreibt Schneede, »sind zahlreiche wertvolle Untersuchungen zu allen Aspekten des Beckmannschen Werks in Ausstellungskatalogen und akademischen Publikationen erschienen.« (S. 293) Nee, mein Lieber: Die wertvollen Veröffentlichungen sind AUßERHALB von Katalogen und akademischen Veröffentlichungen erschienen, inkl. diese hier. Ich rechne dies Buch durchaus zu den wertvollen Veröffentlichungen über Beckmann; allein schon der Papierqualität wegen.
Besser zum Verständnis Beckmann's als solche Geschenkbücher wären allerdings neuartige Bildmappen, Puzzles, Spielbaukästen, Puppenhäuser, Computerspiele, ein Beckmann-Ballett, Lieder und Dichtungen. Und ein Film, soweit er surreal und nicht konventioneller Schulfunk ist. Also ein Beckmann-Film bitte nicht von Margarethe v. Trotta, sondern von Quentin Tarantino!