Als ich das erste Mal die DDR besucht habe, wurde an der Grenze meine kleine Sammlung "Micky Maus" als kapitalistische Propaganda beschlagnahmt. Das die DDR solche Angst vor bestimmten Comics hatte, habe ich damals nicht verstanden- denn ich war jung, und habe einfach nicht gewusst, welche Macht Bilder und Worte gegen Ideologien und Weltvorstellungen richten konnte. Wenn man sich Art Spiegelmans Graphic Novel "Maus - die Geschichte eines Überlebenden" ansieht, dann kann ich heute sehr gut verstehen, welche Kraft von einem Graphic Novel/Comic; Roman ausgehen kann- denn im eigentlichen Sinne bedient sich Art Spiegelmanns sowohl verschiedener Handwerkstechniken des Comics, als auch einigen literarischen/ postmodernen Techniken des Romans.
"Maus - die Geschichte eines Überlebenden" erzählt die Geschichte von Art Spiegelman und seinem Vater Wladek als eine Rahmenhandlung, in der es um das Verhältnis von Vater und Sohn geht (sowie um die Lebenssituation der beiden) und in der Art Spiegelman seinen Vater bittet ihm seine Lebensgeschichte aus der Zeit des Holocaust zu erzählen. In einer Binnenhandlung werden dann die Erzählungen des Vaters von Art Spiegelman in Zeichnungen und Texte umgesetzt und an zwei Stellen die Texterstellung selber problematisiert. Dabei sind beide Ebenen eng miteinander verbunden, einerseits über die Mutter, die 1968 Selbstmord begangen hat und die im Leben des Vaters in beiden Zeiten und im Verhältnis zum Sohn eine Rolle gespielt hat, und über viele Photos, über Schmuck und den Verhaltensweisen des Vaters, der immer noch spart und versucht auf alles vorbereitet zu sein. Diese Verhaltensweisen des Vaters, die eng mit seinen Erfahrungen aus dieser Zeit zusammenhängen, werden beim alten Wladek Spiegelman reflektiert und manchmal in Frage gestellt, als z.B. die Vorurteile Wladek Spiegelmans gegen Schwarze deutlich werden.
Gleichzeitig erzählt Spiegelman die Geschichte seines Vaters, indem er ihn erst seine Frau kennenlernen lässt (und vorher eine Geliebte), die Geschichte vor dem Angriff der Deutschen auf Polen, seinen Vater als polnischen Soldaten und dann die Geschichte der Verfolgung, der Versuche aus dem Land zu gelangen, der Beginn der Lager, die Deportationen und dann wie die Eltern getrennt nach Auschwitz kommen.
Handwerklich zititert Spiegelman einerseits auf die rassistische Propaganda der Nazis zurück, indem er die Juden als Mäuse darstellt, ein Verweis auf die Ungezieferbezeichnungen der Nazis, und ihnen das Gesicht nimmt, indem er alle Juden das gleiche Gesicht gibt. Die unterschiedlichen Figuren sind nur an ihrer Kleidung zu erkennen und an dem was sie sagen.
Aber nicht nur den Juden wird ein Einheitsgesicht und ein Tier zugeordnet: Die Deutschen sind Katzen, die Franzosen Frösche, die Amerikaner Hunde, die Polen Schweine, die Schweden als Elche, die Roma/Sinti als Nachtfalter, die Engländer als Fische und die Russen Bären. Diese Darstellung der Polen hat dort für viele Probleme mit dem Roman gesorgt, obwohl Spiegelman mehrfach betont hat, dass diese Darstellung sich an großen Comicfiguren wie Miss Piggy anlehnt und darauf verweist, dass viele Polen sehr positiv dargestellt werden. Was er wohl unterschlägt, ist das er auch hier die Propaganda der Nazis zitiert, wie er das im Text für die Franzosen einmal klärt, indem er seiner fanzösisch Frau erklärt, warum Franzosen keine Kaninchen werden, sondern Frösche. (Kinder eines polnischen Judens mit einer Deutschen haben übrigens ein Mausgesicht mit Streifen, und wenn Wladek Spiegelmann sich verkleidet, dann setzt er eine Maske auf- entweder eine Schweine- oder eine andere Maske).
Insgesamt handelt es sich bei Art Spiegelmans Graphic Novel "Maus - Die Geschichte eines Überlebenden" um ein Porträt des Vaters und eine Familiengeschichte in Zeiten des Holocaust. Wie gelungen diese Graphic Novel ist, zeigt nicht nur die Verleihung des Pulitzer Preises, wenn auch in einer etwas seltsamen Kategorie, sondern das Unbehagen, wenn man sich langsam in diese Geschichte einliest, und dann nicht mehr von ihr lassen kann, während sich immer wieder eigene Fragen an die Geschichte anschließen, mal beantwortet werden, mal offen bleiben, wenn nach und nach immer mehr Haltungen, Positionen, Schicksale auftauchen und letztlich ein volles Panorama über diese Zeit auftaucht, und über Art Spiegelman und seinen Vater.
"Maus - Die Geschichte eines Überlebenden" ist aus vielen Gründen eine der gelungensten Werke über den Holocaust, und ich kann es immer wieder nur empfehlen. Zudem wird in dieser Graphic Novel, einem illustrierten Buch nach Definition, klar, welche Möglichkeiten dies bietet und das viel zu lange Comics und Graphic Novels der Kunstcharakter abgesprochen wurden.