Erzählt wird die Geschichte des Titelhelden Maurice, wobei: sowohl das Wort Geschichte als auch der Begriff
Titel h e l d wollen eigentlich nicht recht passen. Denn eine Geschichte kann man die lose Abfolge von Alltagsbeobachtungen, Selbstbetrachtungen und Monologen der Erzählerstimme sicherlich nicht nennen. Vielmehr erwartet den Leser eine Ansammlung von Anekdoten, Assoziationen und Szenen, die stroboskoplichthaft das Leben des Protagonisten beleuchten.
Ein Leben, dass äußerlich betrachtet nur ereignisarm genannt werden kann: Er treibt ziellos durch einen grauen Berliner-Vorstadt-Alltag. Seine finanzielle Situation ist desolat, die Geschäfte laufen nicht. Auch seine Freundin, der schauspielernde Freund und sein cleverer früherer Geschäftspartner können Maurice nicht aus seiner melancholischen Grundstimmung befreien. Umso mehr Zeit bleibt ihm zum Beobachten und Nachdenken. Alles kann für Maurice zum Thema werden, selbst ein Wörterbuch, in dem er regelmäßig Zufallsbegriffe nachschlägt.
Der einzige Ansatz eines roten Fadens ist ein Cello, dessen Töne irgendwie aus einem Nebengebäude an Maurice` Ohr dringen. Über der Suche nach dem Urheber dieser Musik vergehen Monate, Jahre. Aber auch diese Suche ist unentschlossen, denn bei Maurice gewinnt die Angst vor der Aufdeckung des geheimen Cellisten - alles könnte dann unendlich trivial sein - regelmäßig die Oberhand über die Neugier. Irgendwann verstummt das Cello und ein Klavier tritt an seine Stelle.
Formal entspricht der Roman seinem Inhalt: Er beginnt - allerdings nur für wenige Seiten - in der Ich-Perspektive, bevor ein personaler Erzähler die Erzählstimme übernimmt. In die Handlung eingestreut sind zudem Briefe des Maurice an seinen früheren Geschäftspartner Hamid, so dass auf diese Weise alle gängigen Erzählperspektiven ("Ich", "Er/Sie" und das zum Glück seltene "Du") vorkommen. Das klingt verwirrend und indifferent, passt aber letztlich erstaunlich gut zum Inhalt.
Darüber hinaus sollte sich der Leser ohnehin auf einige formale Experimente einlassen. Beispielsweise wird die Mutter des Protagonisten wie folgt eingeführt: "Eine Greisin an einem Fenster erweckt den Anschein, in diesem Buch die Rolle von Maurice` Mutter übernehmen zu wollen." Dieses Spiel mit einem scheinbaren Erstaunen des Erzählers über Dinge, die außerhalb seiner Macht und seines Verstehens liegen, begegnet dem Leser dieses Buches häufiger.
Ich bin selbst etwas verwundert, dass mir ein Roman der geschilderten Art insgesamt gut gefallen hat: Normalerweise lösen formale Brüche z.B. in der Erzählperspektive und die Benutzung von Stilmitteln, die nicht aus dem Inhalt begründet sind oder deren Sinn sich mir nicht erschließen, bei mir innerliche Abwehrreaktionen aus.
Dieser Roman enthält das alles und dennoch habe ich ihn mit Gewinn gelesen. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, einen Schachspieler (den Erzähler) zu beobachten, der seine Figuren (Maurice und die Nebencharaktere) über ein Schachbrett zieht und - während er auf den Gegenzug wartet, auf den er keinen Einfluss hat und ihn deshalb selbst erstaunen kann - mehr oder weniger relevante Betrachtungen über ihn interessierende Themen anstellt. Diese Exkurse fand ich mehrheitlich gelungen und lesenswert; nur gelegentlich konnte oder wollte ich ihnen nicht folgen (z.B. muss nicht unbedingt eine Mutter, die ihrem Kind mit einem Hammer den Schädel einschlägt angeführt werden, um zu belegen, dass Menschen zu absurden und brutalen Handlungen fähig sind). Aber solche Einschränkungen sind selten und vermögen nicht, den insgesamt humoristisch-melancholischen Grundton des Romans nachteilig zu verändern.
In der Gesamtsicht ergibt sich daher für mich, ein interessantes, manchmal skurriles aber immer lesenswertes Buch gelesen zu haben, das ich allen empfehlen kann, die durch diese Rezension neugierig geworden sind.
P.S. Das mit dem Huhn im Titel klärt sich dann auch...