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4.0 von 5 Sternen
Lob der Faulheit, 15. Januar 2009
Ein völlig unspektakuläres Buch hat der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke geschrieben. Und das wiederum entspricht seinem Helden Maurice. Dieser hält sich für eher unscheinbar und uninteressant und liebt das Spiel des Cellos von nebenan. Eigentlich ist dieser Maurice ein Melancholiker. Und als solcher flaniert er durch Berlin. Sein Prinzip ist die Langsamkeit, aus der heraus er Geschichten und Skizzen - "erlebt", die dann Zschokke in Lesestücken und Bildern vermittelt. Matthias Zschokke, 1954 in Bern geboren, lebt und arbeitet seit dreißig Jahren als Schriftsteller und Filmemacher in Berlin. Mit Roman "Das lose Glück" und den Erzählungen "Ein neuer Nachbar" hat er in der letzten Zeit auf sich aufmerksam gemacht. Den Protagonisten des neuen Romans Maurice hat er sich beim Schweizer Maler Albert Anker entliehen. Dessen Bild "Maurice mit Huhn" hat ihn ebenso inspiriert wie die Prosa von Robert Walser. Maurice also flaniert durch Berlin als einer, der nichts tut und vielleicht auch nichts taugt. Er fährt mit dem Fahrrad, schreibt Briefe für andere oder an Hamid, einen ehemaligen Geschäftspartner, der sich mittlerweile nach Genf abgesetzt hat. Als ihm Hamid bei einem Besuch in Berlin ein fragwürdiges Geschäft anbietet, nimmt er an. Mit der Moral hat er es ohnehin nicht, aber er hat einen sehr eigenwilligen Blick auf die Welt. Von außen. Und das macht seine Beobachtungen so überaus reízvoll. Es gibt in Zschokkes Roman keinen eigentlichen Handlungsfaden. Dem Prinzip seines Helden gemäß reihen sich Gedankengänge, lose verknüpft, aneinander; poesievolle Beobachtungen wechseln ab mit sehr direkten Erlebnissen. So, wenn Maurice plötzlich von der Zuneigung zu über den Boden tänzelnden Stöckelschuhen erfasst wird. Besonders eindringlich vermitteln sich die Beobachtungen über das Spiel des Cellos von nebenan. "Die Faulheit meldet sich mit kleinen Aussetzern im Alltag...". heißt es an einer Stelle. So singt Matthias Zschokke ein "Lob der Faulheit", einer sehr produktive Faulheit, die uns mit den wunderbaren Erzählungen, die diesen Roman ausmachen, schlichtweg verzaubert. Der Blick, den der Tunichtgut Maurice sehr verlangsamt und aus unterschiedlichen Perspektiven auf die schnelle Welt richtet, öffnet auf kunstvolle Weise dem Leser die Augen für das Unspektakuläre und Zufällige.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wie das Leben eben ist, 20. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Maurice mit Huhn (Gebundene Ausgabe)
Worum geht es in diesem Buch? Um nichts Sensationelles. Da beobachtet einer einfach nur seine Welt, das, was er so wahrnimmt und was ihm dazu durch den Kopf geht - und wundert sich darüber. Zum Beispiel: Der Arzt hat Maurice ein Medikament verschrieben, Maurice hat es in der Apotheke gekauft, "verzichtet (nach Lektüre des Beipackzettels) aber lieber darauf, es auszuprobieren", sondern bringt es in die Apotheke zurück, auf dass es an einem sicheren Ort entsorgt werde. Der Apotheker versichert ihm, "das sei alles halb so wild, wie auf dem Beipackzettel angegeben, sonst würden sie nicht hergestellt, und ich würde sie nicht in meinem Sortiment führen. Die Herren aus der Pharmaindustrie nehmen den Mund gern ein bisschen voll und würden am liebsten behaupten, ein Tropfen aus ihrem Labor könne die ganze Welt verändern, nur um damit Eindruck zu schinden... Es macht keine Freude mehr, Apotheker zu sein, wenn jeder hergelaufene Kunde an unseren Produkten zweifelt. Woran soll unsere Nation gesunden, wenn nicht an dem, was wir zu ihrer Heilung anbieten?" Und während der Apotheker ihm so sein Leid klagt, denkt Maurice über die Bedeutung des Wortes "Nissenhütte" nach, denn "seit Wochen sucht er nach einem Wort, das für eine weitverbreitete Attitüde steht, die bei ungenauem Hinsehen als Bescheidenheit wahrgenommen wird, sich bei genauem Hinsehen aber als anmaßende Unverschämtheit entpuppt." So eine Art Buch muss man mögen, klar. Ich habe es mit großem Vergnügen gelesen.
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4.0 von 5 Sternen
Lebensbetrachtungen eines Melancholikers., 10. August 2011
Erzählt wird die Geschichte des Titelhelden Maurice, wobei: sowohl das Wort Geschichte als auch der Begriff Titel h e l d wollen eigentlich nicht recht passen. Denn eine Geschichte kann man die lose Abfolge von Alltagsbeobachtungen, Selbstbetrachtungen und Monologen der Erzählerstimme sicherlich nicht nennen. Vielmehr erwartet den Leser eine Ansammlung von Anekdoten, Assoziationen und Szenen, die stroboskoplichthaft das Leben des Protagonisten beleuchten. Ein Leben, dass äußerlich betrachtet nur ereignisarm genannt werden kann: Er treibt ziellos durch einen grauen Berliner-Vorstadt-Alltag. Seine finanzielle Situation ist desolat, die Geschäfte laufen nicht. Auch seine Freundin, der schauspielernde Freund und sein cleverer früherer Geschäftspartner können Maurice nicht aus seiner melancholischen Grundstimmung befreien. Umso mehr Zeit bleibt ihm zum Beobachten und Nachdenken. Alles kann für Maurice zum Thema werden, selbst ein Wörterbuch, in dem er regelmäßig Zufallsbegriffe nachschlägt. Der einzige Ansatz eines roten Fadens ist ein Cello, dessen Töne irgendwie aus einem Nebengebäude an Maurice` Ohr dringen. Über der Suche nach dem Urheber dieser Musik vergehen Monate, Jahre. Aber auch diese Suche ist unentschlossen, denn bei Maurice gewinnt die Angst vor der Aufdeckung des geheimen Cellisten - alles könnte dann unendlich trivial sein - regelmäßig die Oberhand über die Neugier. Irgendwann verstummt das Cello und ein Klavier tritt an seine Stelle. Formal entspricht der Roman seinem Inhalt: Er beginnt - allerdings nur für wenige Seiten - in der Ich-Perspektive, bevor ein personaler Erzähler die Erzählstimme übernimmt. In die Handlung eingestreut sind zudem Briefe des Maurice an seinen früheren Geschäftspartner Hamid, so dass auf diese Weise alle gängigen Erzählperspektiven ("Ich", "Er/Sie" und das zum Glück seltene "Du") vorkommen. Das klingt verwirrend und indifferent, passt aber letztlich erstaunlich gut zum Inhalt. Darüber hinaus sollte sich der Leser ohnehin auf einige formale Experimente einlassen. Beispielsweise wird die Mutter des Protagonisten wie folgt eingeführt: "Eine Greisin an einem Fenster erweckt den Anschein, in diesem Buch die Rolle von Maurice` Mutter übernehmen zu wollen." Dieses Spiel mit einem scheinbaren Erstaunen des Erzählers über Dinge, die außerhalb seiner Macht und seines Verstehens liegen, begegnet dem Leser dieses Buches häufiger. Ich bin selbst etwas verwundert, dass mir ein Roman der geschilderten Art insgesamt gut gefallen hat: Normalerweise lösen formale Brüche z.B. in der Erzählperspektive und die Benutzung von Stilmitteln, die nicht aus dem Inhalt begründet sind oder deren Sinn sich mir nicht erschließen, bei mir innerliche Abwehrreaktionen aus. Dieser Roman enthält das alles und dennoch habe ich ihn mit Gewinn gelesen. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, einen Schachspieler (den Erzähler) zu beobachten, der seine Figuren (Maurice und die Nebencharaktere) über ein Schachbrett zieht und - während er auf den Gegenzug wartet, auf den er keinen Einfluss hat und ihn deshalb selbst erstaunen kann - mehr oder weniger relevante Betrachtungen über ihn interessierende Themen anstellt. Diese Exkurse fand ich mehrheitlich gelungen und lesenswert; nur gelegentlich konnte oder wollte ich ihnen nicht folgen (z.B. muss nicht unbedingt eine Mutter, die ihrem Kind mit einem Hammer den Schädel einschlägt angeführt werden, um zu belegen, dass Menschen zu absurden und brutalen Handlungen fähig sind). Aber solche Einschränkungen sind selten und vermögen nicht, den insgesamt humoristisch-melancholischen Grundton des Romans nachteilig zu verändern. In der Gesamtsicht ergibt sich daher für mich, ein interessantes, manchmal skurriles aber immer lesenswertes Buch gelesen zu haben, das ich allen empfehlen kann, die durch diese Rezension neugierig geworden sind. P.S. Das mit dem Huhn im Titel klärt sich dann auch...
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