4.0 von 5 Sternen
Interessante Geschichte, aber gelegentlich zu langatmig erzählt, 19. Januar 2011
Die sogenannten Ratcliffe Highway Murders von 1811 sind ein in Großbritannien sehr bekanntes Verbrechen, bei dem innerhalb von 12 Tagen die Bewohner von zwei Häusern, insgesamt 7 Personen, ermordet wurden. Diese Verbrechen erregten die Öffentlichkeit, waren die Opfer doch ganz normale Bürger (darunter ein Kleinkind), die auf brutale Weise (die Opfer wurden mit einem Hammer erschlagen bzw. es wurde ihnen die Kehle aufgeschlitzt) gemeuchelt wurden. Besonders erschreckend war, dass ein offenkundiges Motiv wie z.B. Raub nicht gegeben schien, so dass man an einen wahnsinnigen Massenmörder fürchten musste.
Von der Wirkung auf die Bevölkerung dürften die Morde mit den noch über 75 Jahre entfernten Taten Jack the Rippers vergleichbar gewesen sein. Schon 1811 gab es konkurrierende Zeitungen, welche mit Sensationsberichterstattung die Hysterie anheizten. So schaltete sich auch in diesen Fall die Politik ein und drängte zur Beruhigung der Öffentlichkeit auf eine schnelle Aufklärung.
Da traf es sich gut, dass einer der zahlreichen (teilweise auf aufgrund anonymer Hinweise)verhafteten Verdächtigten namens John Williams mit der Tatwaffe in Verbindung gebracht werden konnte und zudem Blut an seiner Kleidung hatte. Diese Beweise waren zwar alles andere als zwingend, doch als sich Williams dann in seiner Zelle erhängte, hatte die Justiz ihren Schuldigen.
Der Leichnam des vermeintlichen Täters wurde zur Abschreckung mit den Tatwerkzeugen auf einem Karren ausgestellt durch die Straßen gefahren und dann mit einem durchs Herz gerammten Holzpflock unter einer Straßenkreuzung begraben.
Die bekannte Krimiautorin P.D.James und der Historiker T.A. Critchley haben sich dieser faszinierenden Geschichte angenommen und rekonstruieren den Fall anhand alter Dokumente und Zeitungsberichte. Dabei wird schnell klar, dass die Justiz Williams zum Täter machte, weil er sich nicht mehr dagegen wehren konnte. Die Beweislage war doch eher dürftig. So wurde z.B. argumentiert, dass Wiliams eigentlich ein Ire gewesen sei und dass diesem Volksstamm jede Gewalttat zuzutrauen sei.
Es ist schon faszinierend, dass es den beiden Autoren gelingt, fast 200 Jahre nach den Ereignissen anhand von Originalquellen den Fall neu aufzurollen. Den Täter können sie nicht präsentieren (und unterscheiden sich damit wohltuend von manchen Jack-the-Ripper Büchern), aber der Leser erhält ein ziemlich genaues Bild der Zeitumständen und vor allem der damaligen Arbeitsweise von Justiz und Polizei.
Leider übertreiben es die beiden dann mit der Genauigkeit aber manchmal, so dass man sich durch viele belangslose Zeugenaussagen wühlen muss, um irgendwann zu dem Punkt zu kommen, dass Williams Schuld keinesfalls sicher war. Hier hätte etwas Kürzung gut getan, so ist das Buch gelegentlich etwas langatmig.
Aber wer sich für True Crime und Sozialgeschichte interessiert, dem dürfte dieses Buch wie mir gefallen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein