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Pirandellos «Mattia Pascal»
Von Ute Stempel
Als Luigi Pirandello am 10. Dezember 1936 in seiner spartanischen Wohnung in Rom an einer Lungenentzündung starb, die er sich während der Dreharbeiten bei der Verfilmung seines Romans «Il fu Mattia Pascal» zugezogen hatte, schickte der Duce Benito Mussolini sofort einen Regierungsvertreter in das Trauerhaus. Und der war entsetzt, als er von der letzten Verfügung des Verstorbenen erfuhr, weil sie dem faschistischen Regime das Spektakel eines pompösen Staatsbegräbnisses verwehrte. Schliesslich hiess es da: «Man übergehe meinen Tod mit Stillschweigen. Keine Anzeigen, keine Mitteilungen. Man hülle mich nackt in ein Leinentuch. Keine Blumen, keine Kerzen. Wagen letzter Klasse wie für die Armen. Nackt . . . und sonst gar nichts.»
Mit kategorischer Konsequenz hat der grösste Dramatiker Italiens, dessen Stücke das Theater des 20. Jahrhunderts revolutionierten und alle Bühnen der Welt eroberten, in seinem Testament noch einmal bekräftigt, dass wir alle nur maschere nude, nackte Masken, sind. Unter diesem Titel liess er sein gesamtes dramatisches Werk (mit Ausnahme der unvollendeten «Riesen vom Berge») erscheinen. Und ohne diesen Schlüsselbegriff der Maske sind auch seine beiden wichtigsten Romane, «Mattia Pascal» und «Einer, keiner, hunderttausend», nicht wirklich zu verstehen.
Doch während Pirandellos Dramen etwa «Sechs Personen suchen einen Autor», «Heinrich IV.» und «Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt» weiterhin zum internationalen Bühnenrepertoire gehören, war seinen Romanen im deutschsprachigen Bereich nie ein grosser Erfolg beschieden. In Frankreich beispielsweise war und ist das anders. Da ist der «Mattia Pascal» nicht nur als epochale Vorstufe der späteren Theaterstücke bekannt, da wird auch «Einer, keiner, hunderttausend» als Gipfelpunkt einer Lebensphilosophie verstanden, gemäss der jedes Ich, jedes scheinbare Individuum, ständig neue Rollen improvisiert und immer andere Masken tragend die Idee menschlicher Identität karikiert. Schein und Sein, Fiktion und Wirklichkeit, Illusion und Desillusion sind bei dem 1867 in Agrigent geborenen Sizilianer nicht mehr zu trennen.
«Il fu Mattia Pascal» «Der gewesene Mattia Pascal», Pirandellos dritter Roman aus dem Jahre 1904, ist nun dank qualitäts- und traditionsbewussten Lektoren des Manesse-Verlags endlich wieder in einer angemessenen Neuübersetzung unter dem publikumsfreundlich verkürzten Titel «Mattia Pascal» erschienen. Der erzählende Protagonist, ein in einer Bibliothek ohne Leser gelangweilter, zu Hause von Frau und Schwiegermutter malträtierter Mann ohne Eigenschaften, der eigentlich nur von sich weiss, «dass ich Mattia Pascal hiess», flieht aus seinem provinziellen Ghetto nach Monte Carlo. Dort gewinnt er beim Spiel eine beachtliche Summe, die ihm ein besseres Leben ermöglichen kann.
Und Fortuna gibt ihm noch eine weitere Chance, nämlich die eines völlig neuen Lebens. Denn aus der Zeitung erfährt er zufällig, dass man bei ihm zu Hause einen Selbstmörder geborgen und als Mattia Pascal identifiziert hat. Er nutzt diesen doppelten Glücksfall, um unter dem Namen Adriano Meis ein ganz anderes, vermeintlich freies Leben zu beginnen. Nun ist er zwar scheinbar ein völlig anderer, aber dieser Adriano Meis ist letztlich niemand, ist nur ein «erfundener Mensch» ohne zivilen Status. Genötigt, vor jedermann sein Geheimnis zu wahren, wird er in Rom zu einem bindungslosen, einsamen Komödianten, für den es in der Gesellschaft keinen Platz gibt: ein Peter Schlemihl ohne Schatten. Um seiner Isolierung zu entkommen, verfängt sich der lebende Tote immer mehr im Netz konventioneller Lügen. Nur sein zweiter Tod, der fingierte Selbstmord des Adriano Meis, kann ihm anscheinend seine verlorene Identität wiedergeben.
In seine Heimat zurückgekehrt aber gilt er den Leuten als ein Fremder, der dem angeblich ertrunkenen Mattia Pascal verblüffend ähnlich sieht. Nicht mehr lebendig und doch nicht tot, so nennt er sich, als er auf dem Grab des vermeintlichen Mattia Pascal einen Kranz niederlegt: «il fu Mattia Pascal», den gewesenen, den «Mattia Pascal selig».
Vor neunzig Jahren geschrieben, ist dieses Buch doch noch immer von brisanter Aktualität als beispielhafte Geschichte menschlicher Desintegration. Mattia, der nicht mehr weiss, wer er selbst ist, weil ihm die soziale Verankerung abhanden gekommen ist, ist der moderne Mensch par excellence, ist die geschichts- und gesichtslose persona, die Maske, ist die Person auf der Suche nach einem Autor ihres Maskenspiels, den es als Instanz eines Schöpfergottes nicht mehr gibt.
Aber es lastet auf dieser Persönlichkeitsmaskerade noch nicht die grimmige Verzweiflung des späteren Werkes von Pirandello. Noch erzählt er quasi augenzwinkernd verschmitzt, lässt Raum für den «Humor», über den er vier Jahre später seinen grossen Essay «L'umorismo» geschrieben hat. In dem erklärte er zur humoristischen Kunst diejenige, welche die Relativität aller unserer Vorstellungen von einer in sich geschlossenen, festgeformten, einmaligen Identität des Menschen zeigt: «Was für ein Gesicht hat man uns denn mitgegeben, um die Rolle eines Lebenden darzustellen? Nichts als Masken, Masken . . . Und jeder richtet sich seine Maske her, so gut er kann. Und nichts ist wahr . . . Und das lässt einen vor Lachen platzen, wenn man nur daran denkt.»
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Das Buch dient vielen als Schlüssel zur literarischen Welt Pirandellos, allen glücklichen, die nicht "Sechs Personen suchen einen Autor" als Einstieg wählten oder zugewiesen bekamen.
Pirandello belohnt den aufmerksamen Leser mit einer Gesellschaftskritik voller Ethik und Nihilismus zugleich.
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