Johann Sebastian Bach (1685 - 1759): Matthäus-Passion BWV 244: Gesamtaufnahme. Ausführende: Christoph Prégardien, Tenor - Evangelist; Klaus Mertens, Bass - Jesus; Monika Frimmer, Sopran - Arien; Veronika Winter, Sopran - Arie: "Blute nur, du liebes Herz" und Ancilla II; Lena Susanne Norin, Alt - Arien; Wilfried Jochens, Tenor - Arien; Hans-Georg Wimmer, Bass - Arien und Hohepriester; Sabine Orthey, Sopran - Weib des Pilatus und Ancilla I; Akira Tachikawa, Alt - Erster Zeuge; Wilfried Rombach, Tenor - Zweiter Zeuge; Tobias Volz, Tenor - Pontifex I; Thomas Herberich, Bass - Pilatus; Ekkehard Abele, Bass - Petrus; Kai-Uwe Fahnert, Bass - Judas; Clementine Jusdinsky, Sabine Orthey, Angela Rudolph, Carmen Schüller - Ripieno-Sopranistinnen; Rheinische Kantorei (je 2 Chöre à 16 Stimmen), Das Kleine Konzert (Hartwig Groth, Viola da gamba; Lidewij Scheifes und Barbara Kernig, Violoncello; Christoph Lehmann und Menno van Delft, Orgel); Gesamtleitung: Hermann Max.
Aufnahme: Dendesaal des Deutschlandfunks, Köln, 20.-26. Februar 1995.
Veröffentlicht 1996 als 2-CD-Box unter der Katalognummer Capriccio 60 046-2. Gesamtspielzeit: 2 Std. 33 Min. 17 Sek.
Hermann Max' Matthäus-Passion passt auf 2 CDs statt der ansonsten üblichen drei. Dabei hat er nicht gekürzt, höchstens auf die eine oder andere Wiederholung verzichtet. Der eigentliche Grund liegt in seinem radikalen Interpretationsansatz. Er setzt sämtliche Vorzüge der Alte-Musik-Bewegung hier um und produziert eine Passion, die sich sowohl vom "monumentalen" Aufführungsstil früherer Generationen als auch von sämtlichen Kompromissen seiner Originalklangvorgänger absetzt. Hier hört man einen völlig verschlankten, von jeglichem Beiwerk befreiten Bach mit schnellen, teilweise richtig tänzerischen Tempi, Solisten, die, mit der möglichen Ausnahme von Wilfried Jochens, auf jegliche Zurschaustellung ihres großartigen stimmlichen Könnens verzichten und den Text so direkt und verständlich wie möglich wiedergeben, einen zwar nicht solistisch besetzten, aber äußerst durchhörbaren Chor und ein Orchester, dessen tänzerisch-beschwingtes Vorwärtsdrängen hin und wieder zwar als dem Thema nicht ganz angemessen empfunden werden kann, einem jedoch neue Perspektiven auf Bachs ungemein vielschichtige Musik zu eröffnen vermag. Dabei ist eine "Warnung" auszusprechen: Falls Sie die Matthäus-Passion mit Hilfe dieser Aufnahme kennen lernen, wird sie Ihnen vermutlich den Geschmack an den meisten anderen Aufführungen gründlich verderben. Und falls Sie andere Matthäus-Passion-Einspielungen bereits kennen und lieben: Stellen Sie sich darauf ein, dass diese hier Sie im ersten Augenblick überraschen, vielleicht sogar schockieren wird. Die einzige Aufnahme der letzten Jahre, mit der ich diese vergleichen könnte, wäre Siegbert Rampes radikale Interpretation der Brandenburgischen Konzerte (auf Virgin Classics:
Brandenburgische Konzerte). Wobei Max allerdings kein "Radikalinski" ist und auch nicht auf irgendeine fingierte Authentizität setzt: Hier gibt es weder Knaben noch krähende Countertenöre zu hören; die Alt-Arien werden herrlich klar und warm vorgetragen von der wunderbaren schwedischen Alte-Musik-Expertin Lena Susanne Norin, während die üblicherweise von Knaben gesungenen Ripieno-Abschnitte von vier schönen Frauenstimmen übernommen werden. Im übrigen: Auch die anderen Solisten gehören zu den besten ihres (Alte-Musik-)Faches: Christoph Prégardien als Evangelist ist mit seinem geschmeidigen Vortrag einmalig gut, und über Klaus Mertens, hier als Jesus, muss man nichts mehr sagen - er hat sich völlig zu Recht den allerbesten Ruf erarbeitet, sein Timbre gehört zu den angenehmsten Bass-Stimmen, die die Alte-Musik-Szene hervorgebracht hat. Höchstens der Tenor Wilfried Jochens scheint ein wenig aus dem Rahmen zu fallen: seine Stimme wirkt zeitweise etwas nervös und extravertiert, jedoch nicht so, dass er den hervorragenden Gesamteindruck schmälert.
Die 2-CD-Box wird mit einem ausführlichen Booklet ausgeliefert, das drei Aufsätze in je drei Sprachen, ausgiebige Künstlerbiographien und das komplette Libretto auf deutsch und in einer teils recht bemüht wirkenden englischen Übersetzung enthält.
Hermann Max schließt seine Überlegungen zum Verhältnis Rhetorik, Affekt und Harmonik bei Bach mit den Worten ab: "Bachs Musik muss gehört und nicht beschrieben werden." Das gleiche gilt für diese Interpretation. Traditionalisten werden sie vermutlich hassen; offene Ohren und Herzen werden möglicherweise das genaue Gegenteil empfinden.