Kompromisse müssen nicht faul klingen. Ich bin im Besitz von 10 einschlägigen Gesamtaufnahmen der Matthäuspassion. Diese beinhaltet einen Bach alter Schule-im besten Sinne mit viel Gefühl und Verstand! Diese Leipziger/Dresdener Aufnahme lässt an jeder Stelle erkennen, dass Bach hier zu Hause war und die Aufführenden in einer außergewöhnlichen Bachtradition stehen. Sie besticht durch ihre Ausgeglichenheit auf höchstem Niveau: Die Tempi sind jederzeit der inhaltlchen Aussage angemessen. Luftig und schlank der erstklassige Rundfunkchor bei "Sind Blitze, sind Donner", wunderbar intensiv bei "Kommt ihr Töchter" o. "O Mensch bewein dein Sünden groß".
Schreier ignoriert die Anfang der 80er stark aufkommende historisierende Aufführungspraxis nicht, lässt sich aber glücklicherweise nicht zu einem Parforceritt durch die Partitur a la Gardiner verleiten. Gleichzeitig vermeidet er auch die schon sehr schwerfällige Langsamkeit eines Karl Richter (vgl. "Kommt ihr Töchter"). Die Streicher der Staatskapelle Dresden klingen schlank, aber warm: perfekt.
Wunderbar das Solistenensemble Popp, Lipovsek, Büchner, Holl: Besser kann man Bach nicht singen: Hohe Textverständlichkeit bei stets gefühlvoller Anteilnahme und Intensität, keine Manierismen! Die Tenorarie "Ich will bei meinem Jesu wachen" wurde niemals auf Tonträger schöner und ergreifender gesungen als von Eberhard Büchner. "Gebt mir meinen Jesu wieder" von Robert Holl: Überirdisch! (Man vergleiche dazu die unsäglich teilnahmslose Interpreation dieser Bassarie durch Thomas Quasthoff in der Rilling-Aufnahme).
Insgesamt ist dies meine Lieblingsaufnahme der Matthäuspassion, dicht gefolgt von Solti/Chicago, die sich übrigens durch ganz ähnliche Stärken auszeichnet, bei der aber der Baß (Krause) im Sängerensemble abfällt und mich persönlich der wenn auch nur leichte Dialekt von Rolfe Johnson doch etwas stört.
Einziger kleiner Kritikpunkt an der Philips-CD: Klang/Brillianz (Aufnahmetechnik) sind noch als gut zu bezeichnen, aber nach heutigem Maßstab eben nicht sehr gut.