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Im Konzertsaal gab es sie schon ab und zu, auf CD jedoch ist sie eine Premiere: Die solistisch, also ohne Chor besetzte
Matthäuspassion. Erstaunlich nur, dass sie nicht von Joshua Rifkin oder Andrew Parrott -- den beiden Pionieren auf dem Gebiet der Minimal-Besetzung --, sondern von Paul McCreesh zuerst vorgelegt wird. Auch er und sein Ensemble haben diese Art der Aufführungspraxis jedoch zuvor auf Konzertreisen erprobt, und zwar mit Erfolg, wie vielfach zu hören war; dies sei vorausgeschickt, denn der Vorwurf der praktischen Undurchführbarkeit wird den Minimalisten sowohl von konventioneller wie auch von gemäßigt historisierender Seite immer wieder gemacht.
Selbstverständlich wäre dies allein jedoch kein schlagendes Argument für diese Aufnahme: Machbarkeit rechtfertigt aufführungspraktische Extreme weder aus künstlerischer noch aus musikwissenschaftlicher Perspektive. Allerdings ist McCreeshs Version der Matthäuspassion seit langem die aufregendste, bewegendste und dramatischste, die dem Rezensenten auf den Tisch gekommen ist: Die Leidensgeschichte Christi wird vom Evangelisten James Gilchrist hoch spannend mit überzeugender eigener Anteilnahme und großartiger Unmittelbarkeit umgesetzt. Zum ausgeprägten Ausdruckswillen kommt hier eine Stimme, die das Gemeinte auch erstklassig umzusetzen vermag. Die anderen Sänger stehen Gilchrist in nichts nach: "Aus Liebe will mein Heiland sterben" kann man nicht vollkommener singen als Deborah York; gleiches gilt für die Bassarien, die sich der unvergleichliche Peter Harvey und der nicht minder begeisternde Stephan Loges teilen (endlich ein "historisierender" Ersatz für Fischer-Dieskaus schwer zu übertreffende Leistung in Richters erster Einspielung!). Madgalena Kozená gibt u. a. in "Erbarme dich" ihr Bestes.
Ein Grund für die unmittelbare Wirkung und Brillanz der Ensembles -- den dramatischen Turba-Chören geht durch die solistische Besetzung hier übrigens nichts an Kraft verloren -- ist meiner Ansicht nach die Tatsache, dass sie von denselben Sängern vorgetragen werden, die auch die Solopartien singen: Diese Praxis ist ja in jedem Fall historisch richtig, selbst wenn der Chor durch Ripieno-Sänger vergrößert würde; eigenartig und ärgerlich, dass sie bisher kaum auf Schallplatte verwirklicht wurde (Ein Negativ-Beispiel ist etwa Harnoncourts Matthäuspassion, in der die Darbietung der Solisten mit der des Arnold-Schönberg-Chors wirklich überhaupt nichts zu tun hat).
Hinzu kommt im Falle McCreeshs die hervorragende Ensemble-Fähigkeit der wirklich handverlesenen acht Sänger: Kein einziger Schwachpunkt beeinträchtigt diese Spitzentruppe. Als eines von vielen weiteren glücklichen Details sei die Verwendung einer richtigen Orgel an Stelle der sonst meist benutzen Truhenorgel genannt: Sie ermöglicht in den Rezitativen mehr Abwechslung und dramatische Steigerung. Alles weitere sei dem Hörer selbst zur Entdeckung überlassen. Der Appell des Rezensenten: Vorbehalte über Bord werfen und unbedingt anhören! --Michael Wersin
Produktbeschreibungen
2CD /Paul Mccreesh (Rec.With 8 Solists & 2 Chamber Orch.)